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19.10.2016

16:35 Uhr

Reichtum in Deutschland

Die Vermessung der Vermögenden

VonMartin Greive

Arbeitsministerin Andrea Nahles will wissen, wie der Reichtum in Deutschland verteilt ist und wie er erworben wurde. Eine DIW-Studie liefert ihr erste Hinweise.

Arbeitsministerin Andrea Nahles will wissen, wie der Reichtum in Deutschland verteilt ist und wie er erworben wurde. dpa

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Arbeitsministerin Andrea Nahles will wissen, wie der Reichtum in Deutschland verteilt ist und wie er erworben wurde.

BerlinAndra Nahles (SPD) zeigt sich schon ganz im Wahlkampfmodus. Kürzlich warnte sie in einem Interview vor einer „Oligarchie der Reichen“. „Wer reich geboren wird, wird auch reich sterben“, sagte die Arbeitsministerin. Sie will die aus ihrer Sicht zunehmende Ungleichheit im Land zu einem großen Thema im Wahlkampf machen. Deshalb lässt sich im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bunderegierung auch untersuchen, wer die Reichen in Deutschland sind, wie sie zu ihrem Reichtum kamen.

Im Auftrag von Nahles hat das Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die Universität Potsdam die Lebenssituation von Hochvermögenden in Deutschland erstmals näher untersucht. Die ersten Ergebnisse zeigen: Reich in Deutschland wird man vor allem durch eine Erbschaft. Zwei Drittel aller Hochvermögenden gaben an, durch einen Nachlasse von Eltern, Großeltern oder anderen Familienmitgliedern zu ihrem Reichtum gekommen zu sein. Etwa drei Viertel der befragten Reichen über 40 Jahre kamen bereits in den Genuss einer Schenkung oder einer Erbschaft, 18 Prozent sogar zweier oder mehr.

In der Bevölkerung insgesamt haben lediglich knapp über ein Drittel der über 40-Jährigen einen solchen Transfer erhalten. „Hochvermögende haben in der Regel mehrfach und dabei überdurchschnittlich hohe Beträge geerbt oder Vermögen geschenkt bekommen“, so DIW-Experte Markus Grabka, Co-Autor der Studie.

Die Studie zeigt auch, dass ein hohes Vermögen mit einem hohen Haushaltsnettoeinkommen einhergeht. Neben Geldvermögen halten Reichen überdurchschnittlich häufig auch Betriebsvermögen. Ein weiteres Ergebnis ist: Menschen mit großem Vermögen sind tendenziell zufriedener mit ihrem Leben als die Gesamtbevölkerung. Sie arbeiten viel und schreiben sich eine höhere Risikobereitschaft zu als der Durchschnitt. Sie sind überdies typischerweise männlich, im höheren Lebensalter und überdurchschnittlich gut gebildet. Weil Vermögende überwiegend männlich sind, ist für Frauen eine Heirat ein Weg, reich zu werden. Ein Fünftel der reichen Frauen gab an, dass die Hochzeit der Hauptgrund für die erreichte Vermögensposition war.

Studie zur Kluft zwischen Arm und Reich

Armeanteil

Der Anteil der Armen ist in den vergangenen Jahren gestiegen – von 11 Prozent 1993 über 13,1 Prozent 2003 bis auf 15,3 Prozent 2013. Gemessen werden die Personen mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens.

Aufstiegschancen

Jeder Zweite, der 2009 arm war, war dies auch 2013. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, sieben Prozent in die obere Mitte, sechs Prozent weiter nach oben. Rund 20 Jahre zuvor, im Vergleich von 1991 zu 1995, lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich darüber, nur 42 Prozent waren damals arm geblieben.

Mittelschicht

Rund 57 Prozent der Angehörigen der oberen Mitte blieben zuletzt binnen fünf Jahren, wo sie bereits standen, 24 Prozent sackten ab, rund 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg. Knapp 20 Jahre vorher blieb die Lage bei rund 54 Prozent konstant, für 31 Prozent ging es bergab, 15 Prozent konnten sich verbessern.

Ostdeutschland

Die ostdeutsche Einkommensverteilung hat sich seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stark verfestigt. Damals ging es für viele Arme zunächst bergauf, für Reiche erst einmal bergab. Zuletzt blieben fast doppelt so viele Personen über fünf Jahre hinweg arm, nämlich 54 Prozent der Armen. Auch in der obersten Klasse hat sich der Anteil jener, die geblieben sind, annähernd verdoppelt – auf 52 Prozent. Abstiegsrisiken für Personen in der oberen Mitte sind zurückgegangen.

Stagnation

Nur rund 30 Prozent der Menschen, die von 2009 bis 2013 aus Armut aufsteigen, sind Migranten. Bei denen, die arm bleiben, sind es fast 36 Prozent. Mehr als 63 Prozent der arm Bleibenden haben maximal einen Hauptschulabschluss. Bei denen, die aufsteigen, sind es nur 39 Prozent. Zudem überwiegen Rentner unter den Personen, die arm bleiben. Wer aufsteigt, ist im Vergleich zu denen, denen der Aufstieg nicht gelingt, häufiger Arbeiter und vor allem häufiger Angestellter.

Schulabschluss

Migranten sind unter jenen, die aus der Mitte in Armut absteigen, am stärksten vertreten. Und fast zwei von drei derer, die aus der Mitte zu den Reichen aufsteigen, haben Abitur, fast jeder Zweite von ihnen hat einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Mehr als jeder zweite Aufsteiger arbeitet als Angestellter – bei Absteigern sind es lediglich 16 Prozent. Erstere sind auch deutlich häufiger Selbständige oder Beamte.

Soziale Mobilität

In den Wirtschaftswunderjahren nahm die soziale Mobilität in Deutschland ein vorher nie gekanntes Ausmaß an. Für die meisten ging es deutlich nach oben – Soziologen verglichen die Entwicklung mit einem Fahrstuhl. Vor allem im Vergleich zur vorangegangenen Generation ging es den meisten besser. Bereits für die Geburtenjahrgänge ab den 60er Jahren gilt anderes: Das Risiko, gegenüber dem eigenen Elternhaushalt sozial abzusteigen, ist gestiegen. Wie die neue Studie zeigt, bleibt bei vielen die Einkommenslage derzeit über Jahre gleich, mit wachsender Tendenz – der Fahrstuhl stockt.

Nahles dürfte sich durch diese Ergebnisse bestärkt fühlen. Denn demnach vererbt sich Reichtum stark von Generation zu Generation und bleibt damit in bestimmten Gesellschaftsschichten. Auch laut den Autoren der Studie könnte die Politik darüber nachzudenken, ob eine höhere Erbschaftssteuer für mehr Chancengleichheit sorgen könnte. „Ein Überdenken der gegenwärtig milden Erbschafts- und Schenkungssteuer halte ich persönlich für sinnvoll“, so Grabka. In Deutschland sei die Vermögensungleichheit besonders hoch und die Erbschaftssteuer eine Korrekturmöglichkeit. „Die jüngste Reform gewährleistet dies aber nicht und packt grundlegende Probleme nicht an.“

Die Bundesregierung hat nach fast zwei Jahren Debatte gerade eine Reform der Erbschaftsteuer verabschiedet. Darin wurden aber lediglich die Bestimmungen für Betriebserben etwas verschärft. Die Steuersätze für alle anderen Erben blieben unangetastet. Derzeit spielt die Erbschaftsteuer im Jahr gerade mal 5,5 Milliarden Euro ein. Teile der SPD sowie Grüne und Linkspartei wollen die Steuer deshalb anheben. Aber auch konservative Ökonomen plädieren für mehr Erbschaftsteuereinnahmen, etwa über eine einheitliche Steuer für alle Erben in Höhe von zehn Prozent – im Gegenzug könnte die Belastung für Arbeitseinkommen gesenkt werden.

Umstritten ist unter Ökonomen allerdings, ob sich die soziale Spaltung in den vergangenen Jahren tatsächlich verschärft hat. So ist die Ungleichheit bei den Nettoeinkommen seit 2005 leicht zurückgegangen. Die Vermögensungleichheit ist

Kommentare (7)

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Herr Tom Schmidt

19.10.2016, 16:59 Uhr

Sorry, kann es mir leider nicht verkneifen:

Wie kam Frau Nahles eigentlich an ihr Vermögen? Auf jeden Fall nicht mit Arbeit...

Herr Leo Löwenstein

19.10.2016, 17:16 Uhr

Wie viele Studien braucht eine Regierung eigentlich?
Wurden da am Ende Studienkollegen engagiert ?
Nichts für ungut, den musste ich auch loswerden.

Und wie der verteilt ist? Das ist doch kein Geheimnis, Wenige haben viel, viele haben wenig und die dazwischen werden immer weniger haben, damit die wenigen, die viel haben, noch mehr haben.

Interessanter ist, wie der Reichtum jetzt in dieser Zeit angehäuft wird, nicht, wie das in den letzten 50 Jahren erfolgt ist. Wie immer von gestern

Herr Michael Müller

19.10.2016, 17:36 Uhr

Die übliche Neiddebatte, angezettelt von den Sozis.

Wobei die Sozialisten immer zwanghaft Gründe für neue Steuern und Abgaben suchen, um an das erarbeitete Geld von anderen Leuten zu kommen, um trotz Ihrer eigenen Unfähigkeit von dem von anderen Personen erarbeiteten Wohlstand zu profitieren! Im Zweifelsfall kommt immer das Argument der sozialen Gerechtigkeit...

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