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14.07.2016

16:35 Uhr

Rekord-Zuwanderung

Deutschland, ein Einwanderungsland

VonFrank Specht

2.137.000 Zuwanderer kamen 2015 nach Deutschland – so viele wie nie. Darunter sind viele Flüchtlinge, aber auch Migranten aus dem EU-Ausland. Doch auch die Zahl der Auswanderer steigt auf einen Rekord – eine Analyse.

Die Zuwanderung in Deutschland hat auch wegen der Flüchtlingskrise einen Rekord erreicht. dpa

Flüchtlinge in Leipzig

Die Zuwanderung in Deutschland hat auch wegen der Flüchtlingskrise einen Rekord erreicht.

BerlinLange galt in der Politik das Credo: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Damit ist es seit ein paar Jahren definitiv vorbei. 2015 verzeichnete die Bundesrepublik den höchsten Wanderungsüberschuss ihrer Geschichte, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. 2.137.000 Zuwanderer – zu einem großen Teil Flüchtlinge – standen 998.000 Auswanderern gegenüber.

Unter dem Strich wuchs die Bevölkerung damit um 1.139.000 Personen – ein neuer Rekord. Der bisherige Höchststand des Wanderungsüberschusses datiert aus dem Jahr 1992, als gut 782.000 Personen mehr ein- als auswanderten. Die Zahl der Auswanderer stieg auch auf einen Rekord: 998.000 Menschen kehrten Deutschland den Rücken, neun Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Das Handelsblatt beantwortet die sieben wichtigsten Fragen zu den neuen Migrationsdaten.

Aus welchen Ländern und Regionen kamen die meisten Zuwanderer?

Von den 2.137.000 Zuwanderern hatten 94 Prozent einen ausländischen Pass; die Zahl der Zuwanderer aus dem Ausland ist gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent gestiegen. Rund 45 Prozent der Zugewanderten kamen aus einem EU-Land, 13 Prozent aus einem anderen europäischen Staat, 30 Prozent aus Asien und fünf Prozent aus Afrika.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Allerdings verschieben sich die Gewichte, wenn man nicht die Zuwanderung allein, sondern den Saldo betrachtet. Denn der hohen Zahl von Zuzügen aus der EU steht auch eine hohe Zahl von Abgewanderten aus den Ländern gegenüber. Den höchsten Anteil am Wanderungsüberschuss hatten mit 47 Prozent Bürger asiatischer Länder, gefolgt von EU-Bürgern mit 27 Prozent, anderen Europäern mit elf Prozent und Afrikanern mit sieben Prozent. Aus den EU-Ländern gab es die höchsten Wanderungsüberschüsse mit Rumänien (92.346), Polen (63.045), Kroatien (39.659) und Bulgarien (39.520).

Welche Rolle spielt die Flüchtlingsmigration?

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Sie ist der Hauptgrund für den hohen Wanderungsüberschuss bei der ausländischen Bevölkerung. Die Statistiker zählten im vergangenen Jahr 309.699 Zuzüge von Syrern, 84.881 aus Afghanistan, 64.825 aus dem Irak und 17.796 aus Eritrea. Allein die Flüchtlinge aus diesen Asyl-Hauptherkunftsländern stehen damit für fast ein Viertel der im vergangenen Jahr zugewanderten Ausländer.

Das Statistische Bundesamt weist allerdings darauf hin, dass seine Zahlen auf den Registern der zuständigen Meldebehörden beruhen. Es sei aber davon auszugehen, dass nicht alle Schutzsuchenden tatsächlich zeitnah registriert wurden, so dass die Rolle der Flüchtlinge in der Wanderungsbilanz möglicherweise noch leicht unterzeichnet ist.

Welche Ausländer verlassen Deutschland wieder?

Vor allem viele EU-Bürger kommen offensichtlich nur auf Zeit nach Deutschland. 864.983 Zugezogenen aus dem EU-Ausland standen im vergangenen Jahr 523.565 Abgewanderte gegenüber. Nennenswerte negative Wanderungssalden waren im vergangenen Jahr nur bei Bürgern aus zwei Regionen zu verzeichnen. Aus Serbien und Montenegro wanderten 594 Personen mehr ab als zu, bei Bürgern aus der Türkei steht unter dem Strich ein Minus von 287.

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