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29.10.2015

10:01 Uhr

Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit

Nur noch 2,649 Millionen ohne Job

In Deutschland sind so wenige Menschen arbeitslos wie seit 1991 nicht mehr: Die Bundesagentur für Arbeit registrierte im Oktober weniger als 2,7 Millionen Arbeitslose. Doch eine Entwicklung trübt die Statistik.

So wenige wie nie: Arbeitslose in Deutschland. dpa

Agentur für Arbeit

So wenige wie nie: Arbeitslose in Deutschland.

BerlinAuf dem deutschen Arbeitsmarkt fällt am Donnerstag eine 24 Jahre alte Rekordmarke: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat am Donnerstagmorgen mitgeteilt, dass sie im Oktober erstmals seit November 1991 weniger als 2,7 Millionen Arbeitslose registriert. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Oktober um 59.000 auf 2,649 Millionen gesunken. Das sind 83.000 Erwerbslose weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote verringerte sich um 0,2 Punkte auf 6,0 Prozent.

Die Bilanz für Oktober war allerdings auch die letzte Gelegenheit, diese Rekordmarken einzusammeln. Denn spätestens mit Beginn des Winters steigt die registrierte Arbeitslosigkeit – und im kommenden Jahr trübt nach Einschätzung der Experten die Flüchtlingszuwanderung die Statistik ein und führt zu steigender Arbeitslosigkeit.

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Für den Arbeitsmarkt sind die Flüchtlinge die große Unbekannte. Derzeit weiß die BA noch nicht einmal, wie viele Flüchtlinge und Asylbewerber bereits unter den Arbeitsuchenden sind – geschweige denn, wie viele noch kommen. Eine Umstellung der Datenerfassung soll bis Mitte 2016 mehr Klarheit bringen.

Vergangene Woche hat die BA-Zentrale alle Arbeitsagenturen und Jobcenter angewiesen, künftig den Aufenthaltsstatus zu erfassen – und dies auch nachträglich für Arbeitsuchende aus Drittstaaten. Ab Juni 2016 soll dies mehr Transparenz ermöglichen.

Genaue Zahlen sind auch für Arbeitsministerin Andrea Nahles wichtig, die mit Finanzminister Wolfgang Schäuble noch um mehr Geld für die Flüchtlinge ringt. Eine Entscheidung soll nach der Steuerschätzung kommende Woche fallen. Die SPD-Politikerin veranschlagt für 2016 Mehrausgaben von etwa drei Milliarden Euro. Die Summe hängt aber auch davon ab, wie viele Flüchtlinge kommen und bleiben dürfen.

Wie die Arbeit der Armen besser werden soll

Gegen moderne Sklaverei

Arbeiter schuften in vielen Ländern auch für den deutschen Markt wie Sklaven. Hemden, Schokolade, Geschirr, Handys - viele Produkte können betroffen sein. Von den schlimmen Zustände in asiatischen oder afrikanischen Kleiderfabriken oder Plantagen ahnt man als Käufer in deutschen Shopping Malls wenig. Nun soll sich die Lage verbessern.

Was sind die Kernprobleme?

Ob Bangladesch, Pakistan oder Äthiopien - in vielen armen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wird billig für den Weltmarkt produziert. Zustände wie in der Sklaverei herrschen dort oft, wie selbst Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagt. Unfälle wie der Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013 mit mehr als 1000 Toten sorgten weltweit für Bestürzung. Am Rohstoff-Abbau und -Handel entzünden sich immer wieder Kriege und Menschenrechtsverletzungen.

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

168 Millionen Minderjährige verrichten laut Internationaler Arbeitsorganisation Kinderarbeit. 2,3 Millionen Menschen sterben demnach jährlich durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten.

Was verdient eine Näherin in Bangladesch?

Vom deutschen Ladenpreis eines in Bangladesch hergestelltes T-Shirts von 29 Euro gehen laut der Organisation Fairwear Fundation 0,18 Euro als Lohn an die Näherin. Beim Modelabel bleiben 3,61 Euro, beim Handel 12,30 Euro, der Rest verteilt sich auf Material, Fabrik, Transport.

Warum sehen sich die G7-Staaten in der Verantwortung?

Deutschland setzte das Thema unter seiner G7-Präsidentschaft auf die Tagesordnung. Ein Treffen der Arbeits- und Entwicklungsminister in Berlin habe Hoffnungen auf Konkretisierung erfüllt, meint Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Die 750 Millionen Menschen in führenden Industriestaaten zählen zu den kaufkräftigsten Konsumenten.

Was ist nun entschieden worden?

Der „Vision Zero Fund“, ein Fonds gegen Missstände in Fabriken, für mehr Sozial- und Umweltstandards, soll 2016 mit sieben Millionen Euro starten. In dazu bereiten Entwicklungsländern sollen Brandschutz, Arbeitssicherheit, Schritte gegen Kinderarbeit und Unfallversicherungen auf den Weg gebracht werden – auch von Experten aus den Industrieländern. Zum Beispiel in Myanmar oder Äthiopien.

Was ist noch geplant?

Unternehmen, auch kleinere, sollen sich stärker um Transparenz bei der Herkunft von Rohstoffen und Vorprodukten bemühen. Internationale Standards sollen mehr beachtet, Verbraucher besser informiert werden.

Wie können solche Schritte konkret aussehen?

Beispiel Bangladesch: Von den 4000 Textilunternehmen mit rund vier Millionen Beschäftigten, fast durchweg Frauen, haben laut Müller mittlerweile etwa 1500 Zertifikate über bessere Job-Bedingungen. Es gebe Auflagen, Kontrollen und Sanktionen. Innerhalb von zwei Jahren sollten alle Firmen zertifiziert sein – oder aber schließen.

Wie sollen Verbraucher besser informiert werden?

Etwa über Hinweise wie das Bio-Siegel. Minister Müller sagt, ein entsprechender „grüner Knopf“ für Textilien werde in seiner Amtszeit eingeführt, gemeint ist bis 2017. Kleiderfirmen und Handel hatten moniert, Produktionsstufen könnten nicht komplett überwacht werden.

Was sagen Kritiker?

Der Fonds ändere an oft katastrophalen Arbeitsbedingungen nichts, meint der Entwicklungsexperte der Linken, Niema Movassat. „Erstens sind die zugesagten Summen lächerlich.“ Zweitens brauche es mehr Zwang für Unternehmen. Auch nach Ansicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft müssen Firmen auf mehr Transparenz bei den Lieferketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt verpflichtet werden.

Bringen bessere Arbeitsbedingungen den Unternehmen nur mehr Kosten?

Nein. „Mit höheren Standards sind ökonomische Vorteile verbunden“, sagt Alexander Holst, Experte für nachhaltige Wirtschaft bei der Beratungsfirma Accenture. So lägen die Kosten von Negativschlagzeilen nach einem schweren Unfall höher als die höheren Sozialstandards. Viele Firmen würden zu wenig beherzigen, dass ihnen eine faire Produktion Vorteile bei den Kunden bringen könne.

Sobald Asylbewerber ein Bleiberecht für drei Jahre erhalten, haben sie Anspruch auf Hartz IV und werden als arbeitsuchend registriert. Auf Grundlage der Schätzung des Innenministeriums, dass in diesem Jahr bis zu 800.000 Flüchtlinge registriert werden, ging das Arbeitsministerium im August von etwa 340.000 zusätzlichen Hartz-IV-Leistungsberechtigten im Jahr 2016 aus.

Obwohl die Flüchtlingszuwanderung seither drastisch zugenommen hat und täglich bis zu 10.000 Flüchtlinge kommen, hält man im Arbeitsministerium an diesen Berechnungen weiter fest.

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