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07.07.2017

06:25 Uhr

Renate Künast

„Ich habe horrende Zustände gesehen“

VonDietmar Neuerer

Mit einem Textilbündnis wollte die Bundesregierung bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie durchsetzen. Der Plan ging nicht auf, sagt Renate Künast. Die Grünen-Politikerin Künast sieht nun die EU am Zug.

„Da kann man schon an der Globalisierung verzweifeln.“ dapd

Renate Künast

„Da kann man schon an der Globalisierung verzweifeln.“

BerlinNachhaltig produzierte Mode ist längst kein Nischenprodukt mehr. Auf der diesjährigen Fashion Week in Berlin sind bei dem Messe-Duo Greenshowroom & Ethical Fashion 180 Öko-Firmen vertreten, vor fünf Jahren waren es erst 36 Labels. Die beiden Messen gelten als Europas größte Plattform für nachhaltige Mode. Allerdings liegt bei den Bedingungen, unter denen die Produkte entstehen, immer noch vieles im Argen, kritisiert Renate Künast. Die Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag, fordert daher europäische Vorgaben für die gesamte Produktions- und Lieferkette der Textilunternehmen.

Frau Künast, Sie haben sich selbst schon Produktionsstätten in China, Bangladesch und Myanmar angesehen, in denen Kleidung hergestellt wird, die nach Europa exportiert wird. Welche Situation trafen Sie vor?

Ich habe horrende Zustände gesehen. Man merkt schon, dass der globale Wanderzirkus der Textilindustrie sich ganz offenkundig gezielt Produktionsorte gesucht hat, in denen es ganz wenige Regeln gibt und die Löhne extrem niedrig sind. Zwar wird immerhin schon versucht, gewisse Standards zu etablieren. Das erreicht aber längst nicht das in Europa für die Zukunft erwartete Niveau. Unter solchen Umständen würden wir bei uns jedenfalls niemanden arbeiten lassen. Man kann da schon an der Globalisierung verzweifeln.

Nach dem Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch vor vier Jahren war die Erwartung groß, dass Modeketten und Modemarken künftig verstärkt darauf achten, wer ihre Textilien produziert und unter welchen Bedingungen. Würden Sie sagen, die Unternehmen haben verstanden, dass sich etwas ändern muss?

Es ist in ihren Ohren angekommen, richtig verstanden haben sie aber noch nicht, dass sich Grundlegendes ändern muss. Der Fortschritt ist an dieser Stelle eine Schnecke. Da erwarte ich deutlich mehr von den Unternehmen.

Immerhin wurde ja gerade erst der Vertrag über die Sanierung der Textilfabriken in Bangladesch, der sogenannte Bangladesch Accord, über das Jahr 2018 hinaus verlängert.

Das ist ein Fortschritt – auch für die europäische Seite. Es hat sich ausgezahlt, dass die EU als größter Handelspartner Bangladeschs Druck gemacht hat bei der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen. Allerdings wissen wir gar nicht, was aus dem Textilabkommen bereits umgesetzt ist. Es sind deshalb allenfalls Schritte in die richtige Richtung.

Sehen Sie über den neuen Accord hinaus Handlungsbedarf?

Wir brauchen konkrete Fahrpläne, bis wann was zu passieren hat. Wie das gehen kann, macht Greenpeace vor. Viele Unternehmen in Deutschland haben mit Greenpeace ein Abkommen unterzeichnet, um bis 2020 zusätzlich elf giftige Chemikalien aus dem Fertigungsprozess zu nehmen. Das war ein Greenpeace-Erfolg.

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Und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat vor drei Jahren schon ein Textilbündnis für bessere Umwelt- und Sozialstandards gegründet.

Stimmt. Das hat er vor allem immer selbst gelobt. Und jetzt ist er plötzlich unzufrieden damit und droht mit einem gesetzlichen Rahmen, um im Zweifel mit Sanktionen gegen Unternehmen vorgehen zu können, wenn sie in ihren ausländischen Fabriken und bei Zuliefererbetrieben nicht für faire Arbeitsbedingungen sorgen. Wie kurios.

Warum kurios?

Weil er die Bedingungen für das Bündnis ja von Anfang besser hätte formulieren können. Die Roadmaps, die in dem Bündnis vereinbart wurden, sind wenig ehrgeizig. Es ist nichts vorgegeben. Jedes Unternehmen darf sich eigene Ziele setzen. Deshalb sollten wird das Bündnis vom Kopf auf die Füße stellen und den Unternehmen klare Vorgaben machen, verbunden mit der Ansage, bis wann sie das umzusetzen haben.

Und das reicht?

Nein. Wir brauchen für die Verbraucher im Hinblick auf soziale und ökologische Kriterien mehr Transparenz für den Bereich der Textilien. Deutschland sollte sich auf EU-Ebene für eine Transparenz-Richtlinie einsetzen, damit Missstände sichtbar und Veränderungen messbar werden. Solche Transparenzpflichten sollten für die gesamte Produktions- und Lieferkette der Textilunternehmen gelten und konkrete Sorgfaltspflichten regeln. Das kann am Ende sogar für die Unternehmen selbst von Vorteil sein, wenn sie sich im Wettbewerb mit anderen Unternehmen als besonders verantwortungsbewusst behaupten können.

Kommentare (2)

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Herr Holger Narrog

07.07.2017, 08:31 Uhr

Ich gehe davon aus dass die Entwicklung immer neuer einstiger Armenhäuser wie Hongkong, Thailand und jetzt Vietnam zu modernen wohlhabenden Staaten Fr. Künast ein grosser, ökoreligiöser Dorn im Auge ist. Das Ziel der Ökoreligion ist eine (ver)armte, feudalistische Gesellschaft.

In den vorindustriellen Gesellschaften leben die Menschen regelmässig nahe am Hunger. Die Lebgenserwartung ist niedrig, der Wert von Menschenleben und Arbeitskraft ist nahe 0.

Die Textilindustrie hatte sich vor 180 Jahren beginnend in den heutigen Altindustrieländern angesiedelt. Die Arbeitsbedingungen und Löhne waren in Westeuropa wahrscheinlich mit den heutigen in Vietnam und Bangladesh vergleichbar. Seit 50 Jahren verschiebt sich die Textilindustrie über Japan, Hongkong, Korea, Taiwan, Thailand, China bis aktuell nach Bangladesh und Äthiopien.

Wenn man analog der grausamen Linken Schlechtmenschen fordert, dass die Menschen in Bangladesh angenehme Arbeitsbedingungen und attraktive Löhne erhalten sollen, dann sind Länder wie Bangladesh und Äthiopien aufgrund fehlender Infrastruktur, Qualität und Ausbildung nicht attraktiv. Die Textilindustrie bleibt in China wo es verlässliche, bewährte Strukturen und 100e Millionen ausgebildete Arbeitskräfte gibt.

Frage: Wieso soll ein Textilhändler seine Produkte in Bangladesh kaufen..wenn er jahrelange Beziehungen, Verlässlichkeit, Qualität und gleiche Preise in China findet?

Frau Lana Ebsel

07.07.2017, 09:59 Uhr

Die Grünen meinen, sie könnten der ganzen Welt vorschreiben, was überall zu tun und zu zahlen ist. Größenwahn kann man nicht besser beschreiben.

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