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19.08.2016

17:57 Uhr

Rente

Das Eintrittsalter sinkt, anstatt zu steigen

Die Regierung hält den Anstieg des gesetzlichen Rentenalters auf 69 für nötig. Doch die Tendenz wies zuletzt eher in die entgegengesetzte Richtung – weil Menschen immer öfter schon mit 63 in den Ruhestand gehen.

Im Sommer 2014 hatten Union und SPD die zusätzliche Möglichkeit geschaffen, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Abschläge bereits mit 63 Jahren in Rente zu gehen. dpa

Blick auf den Bodensee

Im Sommer 2014 hatten Union und SPD die zusätzliche Möglichkeit geschaffen, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Abschläge bereits mit 63 Jahren in Rente zu gehen.

HamburgEigentlich ist es das Ziel der Bundesregierung, das Rentenalter anzuheben. Doch zuletzt wies die Tendenz in die entgegengesetzte Richtung, wie der „Spiegel“ am Freitag unter Berufung auf Daten der Deutschen Rentenversicherung berichtete. Grund für die Entwicklung ist demnach, dass Menschen verstärkt die von der großen Koalition beschlossene Möglichkeit nutzen, bereits mit 63 Jahren in den Ruhestand zu gehen.

Nach dem Bericht des Magazins lag das tatsächliche Renteneintrittsalter im Jahr 2000 noch bei 62,3 Jahren. Bis 2014 kletterte es dann auf 64,1 Jahre. Für diese von der Politik gewollte Entwicklung sorgten die Anhebung der Altersgrenzen für den Rentenbeginn und das Auslaufen diverser Vorruhestandsmodelle. Doch 2015 sank das Eintrittsalter wieder leicht auf 64,0 Jahre.

Rezepte für die Rente – Reformvorschläge von A bis Z

Altersarmut

Rund 536.000 Menschen erhalten Grundsicherung im Alter. Künftig dürfte Altersarmut weiter zunehmen, weil mehr Arbeitnehmer gebrochene Erwerbslaufbahnen haben und nicht durchgängig in die Rentenkasse einzahlen. Auch viele Alleinerziehende und Selbstständige ohne ausreichende Eigenvorsorge sind betroffen. Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, Axel Reimann, fordert, Selbstständige ohne Altersvorsorge sollten obligatorisch in der Rentenversicherung abgesichert werden.

Betriebsrente

Rund 40 Prozent der Beschäftigten haben keine Betriebsrente. Arbeitgeber könnten – so diskutiert das derzeit die Koalition – verpflichtet werden, den Arbeitnehmern Angebote zu machen. Geringverdiener könnten mit einem Förderbetrag stärker unterstützt werden. Kleinen und mittleren Unternehmen könnten die Risiken mittels kollektiver Haftungslösungen genommen werden. Die Koalition mildert vielleicht auch das Problem doppelter Krankenkassenbeiträge auf Beiträge und Erträge ab.

Erwerbsminderung

Erst ab 63 ist die Rente wegen Erwerbsminderung aus gesundheitlichen Gründen ohne Abschläge möglich. Vorher werden bis zu 10,8 Prozent abgezogen. Vielfach führt Erwerbsminderung zu Armut: Knapp 502.000 Menschen mit Erwerbsminderung erhalten Grundsicherung. Die Opposition fordert die Abschaffung der Abschläge.

Flexi-Rente

Wer bereits mit 63 in Teilrente geht, soll laut einem rot-schwarzen Gesetzentwurf mehr vom Zuverdienst behalten können. Bei der Teilrente mit 63 wird die Rente ab einer Zuverdienstgrenze von 450 Euro heute stark gekürzt. Stärker lohnen soll sich aber auch das Arbeiten über die reguläre Altersgrenze hinaus. Dafür sollen die Arbeitnehmer Rentenbeiträge zahlen können, die dann zu einer Steigerung der Rente führen. Heute zahlen Arbeitgeber bei Beschäftigung eines Rentners den Arbeitgeberanteil, ohne dass das die Rente steigen lässt.

Lebensleistungsrente

Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) will die versprochene Aufwertung kleiner Renten bald auf den Weg bringen. Bis zu fünf Jahre Arbeitslosigkeit sollen angerechnet werden. Eine Krux dabei: Viele Bezieher von Kleinrenten leben in gut situierten Haushalten, etwa wenn der Ehemann gut verdient hat. Deshalb sollen laut Nahles die Partnereinkommen berücksichtigt werden.

Ost-West-Angleichung

Ende 2019 soll die Angleichung der Ost- an die Westrenten kommen. Die Standardrente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittslohn liegt in den neuen Ländern bei 1217 Euro – 97 Euro unter dem Westwert. Doch käme die Angleichung konsequent, hätte das negative Folgen für die künftigen Ostrentner. Denn bei der Rentenberechnung werden die Ostlöhne heute noch aufgewertet.

Rentenalter

Es soll auf 67 bis 2029 steigen. Weil immer weniger Einzahler in die Rentenkasse künftig für immer mehr Rentenbezieher aufkommen müssen, werden Forderungen nach einer Anhebung des Rentenalters immer lauter. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) etwa ist für eine Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung.

Rentenniveau

Heute liegt es bei rund 48 Prozent – unter 43 Prozent darf dieses Verhältnis von der Standardrente zum Durchschnittslohn bis 2030 laut Gesetz nicht fallen. Doch das schützt immer weniger vor Altersarmut. Immer mehr Politiker aus allen Parteien fordern eine Stabilisierung, die Linke will mit 53 Prozent hier am meisten.

Riesterrente

Gut 16 Millionen Bürger haben einen Riester-Vertrag. In knapp einem Fünftel der Verträge fließt aber kein Geld mehr. Nur gut jeder Zweite schöpft die staatliche Förderung voll aus. Der DGB fordert bereits, die Riesterrente auslaufen zu lassen. Vertrauensschutz würde es nur für laufende Verträge geben. Allerdings dürften die Politik der Eigenvorsorge künftig auf der einen oder anderen Weise eher eine bedeutendere als eine kleinere Rolle zumessen, wie man von Politikern oft hört.

Zusatzrente

Angesichts der Schwächen von Riester- und Betriebsrenten gewinnt die Vorstellung einer einfacheren zusätzlichen Absicherung mit staatlicher Garantie immer mehr Anhänger. Aus der hessischen Landesregierung kam der Vorstoß für eine Deutschlandrente – ein einfaches Standardprodukt für jedermann. Jeder Arbeitnehmer soll über vom Arbeitgeber abgezwackte Beiträge in einen zentralen Fonds einzahlen – sofern sie gegenüber dem Arbeitgeber nicht aktiv widersprechen.

Im Sommer 2014 hatten Union und SPD die zusätzliche Möglichkeit geschaffen, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Abschläge bereits mit 63 Jahren in Rente zu gehen.

Am Montag hatte die Bundesbank in einem Bericht geschrieben, dass sie den schrittweisen Anstieg des gesetzlichen Rentenalters sogar auf 69 Jahre für nötig hält. Hintergrund ist in Zeiten sinkender Geburtenraten und steigender Lebenserwartung die Sorge, dass das umlagefinanzierte Rentensystem sonst nicht mehr finanzierbar ist. Derzeit ist die Rente mit 67 Gesetzeslage - sie gilt für die Jahrgänge ab 1964.

Von

afp

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