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03.01.2012

02:54 Uhr

Rente mit 67

Dobrindt verteidigt Seehofers Rentenvorstoß

Die Koalition streitet über die Rente mit 67. Während der CSU-Generalsekretär Dobrindt Seehofers Kritik an den Plänen für die Rente mit 67 verteidigt hat, bezeichnet die SPD die Zweifel als „scheinheilig“.

Seehofers Rentenkritik verärgert Koalitionspartner. dpa

Seehofers Rentenkritik verärgert Koalitionspartner.

BerlinCSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat die Kritik von Parteichef Horst Seehofer an der Ausgestaltung der Pläne für die Rente mit 67 verteidigt. Der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „Die Welt“ (Dienstagsausgabe) sagte Dobrindt: „Die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist die richtige Antwort auf die demografische Entwicklung in Deutschland. Aber wenn länger gearbeitet werden soll, dann müssen auch die Möglichkeiten für eine Beschäftigung im Alter gegeben sein.“ Die Beschäftigungschancen für Arbeitnehmer über 50 müssten deshalb spürbar verbessert werden, so Dobrindt.

Die SPD kritisierte die Zweifel Seehofers an der Rente mit 67 als „scheinheilig“. Zwar sei richtig und notwendig, die Rentenpolitik an der Lebenswirklichkeit der Menschen auszurichten, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles der „Frankfurter Rundschau“ (Dienstag). „Glaubwürdig ist die Wortmeldung von Horst Seehofer aber trotzdem nicht“, betonte Nahles. „Wenn er es ernst meinte, hätte er das Jahr 2011 nutzen müssen, um die schrittweise Anhebung des Rentenalters auf 67 ab dem 1. Januar 2012 in der Koalition zu verhindern.“ So aber produziere er nur Streit, ohne etwas für ältere Arbeitnehmer zu tun. „Das ist scheinheilig“, meinte Nahles.

In der Sache allerdings stützte sie Seehofer. Es gebe zu wenig Chancen für über 60-Jährige auf dem Arbeitsmarkt. „Eine starre Rente mit 67 läuft deshalb derzeit auf eine Rentenkürzung hinaus.“ Davor hatte Seehofer gewarnt. Die Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere müssten deutlich besser werden, so Seehofer in einem Interview. Sonst käme der spätere Beginn der regulären Rente einer Leistungskürzung gleich - und die sei mit ihm nicht zu machen.

Rente mit 67 - was sich dahinter verbirgt

Wie sieht der Stufenplan zur Rente mit 67 aus?

Das Regelalter für die abschlagsfreie Rente steigt von derzeit 65 Jahren anfangs in Schritten von einem Monat, in der zweiten Phase in Zwei-Monats-Schritten. 2029 ist die Anhebung auf 67 Jahre erreicht. Die erste Anhebung um einen Monat im nächsten Jahr trifft den Geburtsjahrgang 1947. Jene also, die im Laufe der kommenden zwölf Monate 65 werden. Der erste Jahrgang, der für die volle Rente bis 67 arbeiten muss, ist der Geburtsjahrgang 1964.

Warum wurde die Rente mit 67 beschlossen?

Aus demografischen Gründen: Weil die Bundesbürger immer länger leben und daher immer länger Rente beziehen. Und weil zugleich die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Die Rente mit 67 soll hier für neue Balance sorgen.

Mit welcher demografischen Entwicklung ist zu rechnen?

Bis zum Jahr 2030 wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland weiter deutlich verändern. Die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen - das sind die Erwerbsfähigen - schrumpft nach den Prognosen um fünf Millionen auf dann rund 45 Millionen. Im selben Zeitraum nimmt die Zahl der Menschen über 65 um gut sechs auf 22 Millionen zu. Mit anderen Worten: Kamen vor 20 Jahren noch vier Erwerbsfähige auf einen Rentner, so wird sich das Verhältnis im Jahr 2030 voraussichtlich auf 2:1 verschlechtern.

Wie hat sich die Rentenbezugsdauer entwickelt?

Sie hat sich in den vergangenen 40 Jahren deutlich erhöht: Ein durchschnittlicher West-Ruheständler bezog 1970 noch 11,1 Jahre Rente. 2010 waren es bereits 18,4 Jahre. Im Osten Deutschlands nahm die Rentenbezugsdauer im Schnitt zwischen 1995 und 2010 von 16 auf 18,9 Jahre zu (frühere Zahlen für Ostdeutschland liegen nicht vor).

Was soll die Rente mit 67 finanziell bewirken?

Sie soll die Rentenkassen langfristig entlasten, den Anstieg des Beitragssatzes abmildern und damit die Rentenversicherung zukunftsfest machen. Weil es Ausnahmen für Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren gibt (sie können weiterhin mit 65 ohne Abschläge in Rente gehen), ist aber nur eine bescheidene Entlastung zu erwarten: Experten gehen davon aus, dass die Rente mit 67 die Beitragszahler 2030 um 0,5 Prozentpunkte jährlich - nach heutigen Werten sind das etwa 5,5 Milliarden Euro - entlasten kann. Bis dahin ist ein Beitragssatzanstieg auf maximal 22 Prozent (2012: 19,6 Prozent) einkalkuliert.

Ist die Rente mit 67 ein Rentenkürzungsprogramm?

Die Kritiker sagen: „Ja“ - und verweisen darauf, dass schon heute die Mehrzahl der Beschäftigten mit Abschlägen in Rente gehen. 2010 waren das immerhin knapp 58 Prozent aller Neurentner. Aus Arbeitslosigkeit kamen zuletzt 16 Prozent.

Wie ist das mit den Renten-Abschlägen?

Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, werden vom Rentenanspruch 0,3 Prozent abgezogen, und zwar lebenslang. Ein Beispiel: Wer 1955 auf die Welt kam, der kann 2020 erst mit 65 Jahren und neun Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ein vorzeitiger Rentenbezug mit 63 Jahren - also 33 Monate vor der Regelaltersgrenze - führt zu einer Rentenkürzung von 9,9 Prozent (33 x 0,3 Prozent).

Seehofer hatte mit seinen Bedenken an der Rente mit 67 den Koalitionspartner FDP und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen gegen sich aufgebracht. Die Wirtschaftsweisen bekräftigten unterdessen ihre Einschätzung, dass langfristig eine weitere Erhöhung des Renteneintrittalters nötig wird. „Der Sachverständigenrat geht davon aus, dass die weiter steigende Lebenserwartung etwa ab dem Jahr 2045 ein gesetzliches Renteneintrittsalter von 68 Jahren und im Jahr 2060 von 69 Jahren erforderlich macht“, sagte der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, der „Rheinischen Post“ (Dienstagausgabe). Ohne die weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit seien die Herausforderungen der alternden Gesellschaft finanziell nicht zu meistern.

Angesichts des hohen Fachkräftebedarfs dürften sich aber die Beschäftigungschancen Älterer in der Zukunft merklich verbessern. Das gesetzliche Alter für einen Rentenbeginn ohne Abzüge steigt von diesem Jahr an bis zum Jahr 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre. Dies war 2007 von der Koalition aus Union und SPD beschlossen worden.

Kommentare (3)

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Koboldo

03.01.2012, 06:36 Uhr

Selbstverständlich ist Seehofers Gedankenansatz richtig und das weiß jeder! Über 60-Jährige haben keine Chance auf einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft. Die Politik hat den Weg des geringsten Widerstands gewählt und faktisch die Rentenkürzung eingeführt. Angesichts der vielen Zu- und Eingriffe in die Rentenkasse, der vielen beitragsfreien Leistungen, ich bezeichne es als Diebstahl an der heutigen Rentnergeneration, ist diese Handlungsweise eine Unverschämtheit, die der Politik noch bitter aufstoßen wird. Es wäre längst Aufgabe der Politik gewesen, dieses Rentensystem, das auf immer mehr Beitragszahler angewiesen ist, umzustellen, denn es ist ein Irrsinn zu glauben, man könnte die Beschäftigungszahlen ständig in die Höhe schrauben. Wir haben aufgrund unserer hohen Bevölkerungsdichte einen gewissen Sättigungsgrad im Bereich Nachwuchs erreicht, deshalb haben wir hier in Mitteleuropa eine natürliche Grenze erreicht, die sich nicht beliebig nach oben verschieben lässt. Ein Blick nach Großbritannien sollte genügen, um aufzuzeigen, dass der Aufbau einer Altersversorgung auf privater Basis nicht funktioniert, denn dort haben sich viele Lebensversicherer schlicht und ergreifend verzockt, so dass viele Rentner dort vor dem Nichts stehen und wieder auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Das hat dort zu einer beispiellosen Welle von Suiziden geführt! Deshalb hat der Staat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit den heutigen Arbeitnehmern gegenüber, sich um eine sichere und weit über dem Sozialhilfesatz liegende Altersversorgung zu kümmern!

Koboldo

03.01.2012, 07:05 Uhr

Möchte noch hinzufügen, dass sich auch die Gewerkschaften um die Probleme der Altersversorgung mit entsprechenden Konzepten schon längst hätten einbringen müssen. Leider haben sie in den letzten Jahren auf der ganzen Breite kläglichst versagt!

W.Fischer

03.01.2012, 07:11 Uhr

Das kann man nur bejahen.
Danke

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