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03.08.2012

20:19 Uhr

Rentenbeitrag

SPD und DGB warnen vor „Beitrags-Jo-Jo“

VonPeter Thelen

SPD und DGB sind gegen eine Senkung des Rentenbeitrags. In den kommenden Jahren müsste er dann umso stärker angehoben werden, so die Befürchtung. Vielmehr müssten Reserven für die junge Generation angespart werden.

SPD und DGB warnen vor einer Senkung des Rentenbeitrags im kommenden Jahr. dpa

SPD und DGB warnen vor einer Senkung des Rentenbeitrags im kommenden Jahr.

BerlinAngesichts neuer Finanzspielräume in der gesetzlichen Rentenversicherung haben SPD und Gewerkschaften vor einer Senkung des Rentenbeitrags gewarnt. „Wenn wir heute den Beitragssatz zu stark senken, müssen wir ihn in einigen Jahren umso stärker anheben“, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Elke Ferner, dem Handelsblatt.

Dies gelte auch für den Bundeszuschuss, der an den Beitragssatz gekoppelt ist. „Die Bundesregierung sollte der Versuchung widerstehen, sich im Bundestagswahljahr durch Senkung des Rentenbeitrags einen schlanken Fuß zu machen“, so Ferner. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fürchtet ein „Beitrags-Jo-Jo“, sollte der Rentenbeitrag deutlicher als geplant sinken.

Was sich durch die Rentenreform ändert

Zuschussrente: Hilfe für langjährig Versicherte

Die Zuschussrente, ursprünglich als Pauschalbetrag geplant, soll nun in Abhängigkeit von den Beitragszahlungen bis zu 851,57 Euro betragen. Dies entspricht der Rente, die jemand erreicht, der im Westen 31 und in Ostdeutschland 35 Jahre immer Durchschnitt verdient hat. Die Berechnung des genauen Anspruchs knüpft an das alte Modell der Rente nach Mindesteinkommen an, die 1992 ausgelaufen ist. Das bedeutet, niedrige Beitragszahlungen z.B. wegen Niedriglohn oder Teilzeitarbeit werden für die Berechnung des Rentenanspruchs verdoppelt. Maximal werden Beitragszeiten bis 1992 jedoch mit 75 Prozent des Durchschnittsentgelts bewertet, danach liegende Zeiten mit 100 Prozent bis die Obergrenze von 851,57 Euro erreicht ist.

Einen Anspruch hat nur,wer mindestens 40 Versicherungsjahre einschließlich Arbeitslosigkeit und Kinderberücksichtigungzeiten nachweisen kann und 30 Jahre Beiträge gezahlt hat. Ab 2018 muss er zusätzlich eine staatlich geförderte Zusatzvorsorge nachweisen. Während andere Einkommen und Rentenansprüche auch des Partners auf die Zuschussrente angerechnet werden, werden anders als bei der Grundsicherung Riester- und Betriebsrentenansprüche nicht verrechnet.

Erwerbsgemindert: Verbesserung kommt in Raten

Erwerbsminderungsrentner sind schon heute die von Altersarmut am stärksten bedrohte Gruppe. Während von allen Rentnern zwei Prozent auf Grundsicherung angewiesen sind, ist es bei den Erwerbsgeminderten jede(r) Zehnte. Trotzdem fällt die Hilfe hier eher mager aus. Heute wird, wer vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen in Rente geht, so behandelt, als hätte er den bis dahin erzielten Durchschnittsverdienst bis zum 60. Lebensjahr erzielt. Künftig wird diese Zurechnungszeit um zwei Jahre verlängert. Das bringt im Durchschnitt 45 Euro mehr Rente, allerdings erst 2029. Denn bis zu diesem Zeitpunkt soll die Verlängerung der Zurechnungszeit Schritt für Schritt analog zur schrittweisen Anhebung des Rentenalters auf 67 umgesetzt werden. Da bringt es schon mehr, dass künftig bei der Bewertung der Zurechnungszeit die vier Jahre vor Rentenbeginn, in denen es oft schon zu Lohneinbußen kommt, nicht berücksichtigt werden.

Die Kosten für die Rentenversicherung wachsen bis 2029 auf 900 Millionen Euro. Der DGB sieht hier den größten Nachbesserungsbedarf. Er fordert, dass der zusätzliche Abschlag von 10,8 Prozent bei der Erwerbsminderungsrente abgeschafft wird.

Kombi-Rente: Stufenlos hinzuverdienen

Wer vor Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand geht, darf derzeit maximal 400 Euro im Monat dazuverdienen. Was darüber hinausgeht, wird mit der Rente verrechnet. In Zukunft soll es möglich sein, durch Rente und Arbeitseinkommen maximal so viel zu verdienen wie früher durch das Gehalt. Für die Berechnung dieser Obergrenze soll das Jahr mit dem höchsten Einkommen in den zurückliegenden 15 Jahren maßgeblich sein. Die neuen Grenzen gelten für Versicherte, die mindestens 63 Jahre alt sind und 35 Versicherungsjahre nachweisen können. Früher greifen sie nur bei Schwerbehinderten, deren maßgebliche Altersgrenze seit Anfang des Jahres schrittweise von 60 auf 62 Jahre erhöht wird.

Mit den neuen Regeln soll es Älteren erleichtert werden, schrittweise in den Ruhestand zu wechseln. Dafür gibt es heute die Teilrente. Sie wird aber wegen der komplizierten Zuverdienstregeln kaum genutzt. Derzeit gibt es nur 3 000 Teilrentner. Von den neuen Zuverdienstregeln könnten aber jährlich mehr als 100 000 Neurentner profitieren. Die Kombi-Rente lohnt sich auch finanziell, da sie geringer mit Steuern und Sozialabgaben belastet ist als ein gleich hohes Erwerbseinkommen.

Zusatzbeiträge: Der Chef kann die Rente aufstocken

Bis 1997 konnten Versicherte neben dem regulären Beitrag Geld in die Rentenversicherung einzahlen, um einen zusätzlichen Rentenanspruch zu erwerben (Höherversicherung). Etwas Ähnliches soll es nun wieder geben: Arbeitgeber sollen das Recht erhalten, den Rentenbeitrag für ihre Arbeitnehmer um maximal fünfzig Prozent aufzustocken. Die spätere Rente steigt entsprechend. Mit solchen Zusatzbeiträgen könnten nicht nur Phasen mit Niedrigeinkommen, wie die Berufsausbildung, ausgeglichen werden. Unternehmen könnten so auch gezielt auf der Basis von Tarifverträgen Mitarbeitern den Vorruhestand versüßen, indem sie gerade soviel in die Rentenkasse einzahlen, dass die Zusatzrente die Abschläge von bis zu 18 Prozent der Rente ausgleicht, die fällig werden, wenn jemand vorzeitig in Rente geht.

Schwer nachvollziehbar ist, warum nicht auch Versicherte das Recht erhalten, sich über Zusatzbeiträge eine Zusatzrente zu erwerben. Schließlich ist nicht auszuschließen, dass das Geld dort am Ende sogar besser angelegt sein könnte als bei einer Riesterrente oder einer betrieblichen Altersversorgung, deren Renditen zuletzt sehr unter Druck geraten sind.

Der Rentenbeitrag war bereits zu Jahresbeginn von 19,9 auf 19,6 Prozent ermäßigt worden. Inzwischen könnten die Reserven zum Jahresende sogar für eine weitere Senkung auf unter 19 Prozent ausreichen. Angesichts der demografischen Probleme „wäre dies Irrsinn“, sagte dazu DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach: „Das wäre so, als würden die Eichhörnchen ihre Wintervorräte im Herbst verfuttern und darauf hoffen, dass es keinen Winter gibt.“

Eine solche Politik widerspreche auch dem Prinzip der „schwäbischen Hausfrau“, auf das sich die Bundeskanzlerin immer wieder berufe. „Was jetzt nötig ist, ist eine Anhebung der Schwankungsreserven, um die Rentenfinanzen über einen längeren Zeitraum zu stabilisieren“, sagte Ferner.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

03.08.2012, 22:00 Uhr

... versicherungsfremde Leistungen in Höhe von 660 Milliarden Euro...
Warum haben die Regierungskreise Angst die Thematik publik zu machen? Offene Worte sind hilfreicher als die Herumeierei zum Vorteil von Bedürftigen und ethnischen Minderheiten und zum Nachteil der Beitragszahler. Wenn Zahlungen erforderlich/vereinbart sind, so muß es die Gesamtheit des deutschen Volkes nach persönlicher Vermögenslage zahlen und nicht halb versteckt, halb verdeckt, in den Töpfen der aktiven und produktiven Rentenbeitragszahler abgezwackt werden! Wie wir sehen, getraut sich die Politelite auch dies nicht anzupacken. Immer auf die Wehrlosen! Das ist der Charakter unserer Zeit. Pfui Deibel.

aspi

03.08.2012, 23:16 Uhr

"Vielmehr müssten Reserven für die junge Generation angespart werden." - Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an als dass rotgrün Reserven der Rentenversicherung unangetastet läßt! Den Einstieg in eine kapitalgedeckte Rentenversicherung bekämpften die selben Schwätzer übrigens jahrzehnte lang bis aufs Blut!

Account gelöscht!

04.08.2012, 08:40 Uhr

@ pappalapapp,
es würde genügen die Voraussetzungen einer Besteuerung unter den gleichen Voraussetzungen zu realisieren und die Sozialabgaben in Prozentpunkte für jedes Einkommen einzuführen.
Aktuell hat jeder Pflichtversicherte mit Einkünften oberhalb der Beitragsbemesungsgrenze und jeder kleinste Selbstständige mehr Intelligenz als jeder Politiker - jedenfalls in Bezug auf die Befähigung zur geforderten Eigenverantwortung.

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