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04.08.2015

16:03 Uhr

Rentenversicherung

Das kleine Beitragswunder

VonPeter Thelen

Die Flüchtlingsdebatte polarisiert Deutschland – und schürt Ängste. Nun zeigen Daten der Rentenversicherung: Zuwanderer lassen die Beitragseinnahmen steigen. Jeder zehnte Versicherte hat einen ausländischen Pass.

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BerlinDie gesetzliche Rentenversicherung profitiert stark von der hohen Zuwanderung. Das zeigen Daten der Rentenversicherung, die dem Handelsblatt vorliegen. Demografiebedingt müsste die Zahl der Beitragszahler eigentlich bereits schrumpfen. Stattdessen steigt sie vor allem Dank neuer Rentenversicherungsmitglieder mit ausländischer Staatsangehörigkeit: Während seit 2008 die Zahl der aktiv Versicherten mit ausländischem Pass um nahezu eine Million zunahm, stieg die der deutschen nur um 80.000. Mehr als jeder zehnte Versicherte in der deutschen Rentenversicherung ist inzwischen ein Ausländer.

Die deutsche Rentenversicherung erlebt damit ein kleines Beitragswunder. Trotz Senkung des Rentenbeitrags zu Jahresbeginn legten die monatlichen Beitragseinnahmen von 16,3 Milliarden Euro im Januar auf 17,3 Milliarden Euro im Juni zu. Nun belegen die Daten der Beitragszahlerstatistik, dass diese erstaunliche Entwicklung wohl nicht möglich wäre, wenn nicht immer mehr Zuwanderer nach Deutschland kommen würden. Dank der guten Konjunktur und der sinkenden Arbeitslosigkeit haben viele der Zuhaben keine Probleme, schnell eine Arbeitsstelle zu finden.

Gesetzliche Rentenversicherung: 280 Millionen Euro Überschuss

Gesetzliche Rentenversicherung

280 Millionen Euro Überschuss

Eine positive Entwicklung bei den Beitragseinnahmen hat der gesetzlichen Rentenversicherung im Juni einen Überschuss von 280 Millionen Euro beschert. Nun fordern erste Experten aus der Union eine Beitragssenkung.

Zwischen 2008 und 2013 stieg die Zahl der Deutschen, die in der Rentenversicherung pflichtversichert waren oder zum Beispiel als Selbstständige freiwillig Beiträge zahlten von 35,2 Millionen auf knapp über 35,3 Millionen ein Plus von 81.253. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der aktiv versicherten Ausländer von über 3,7 Millionen auf über 4,7 Millionen und damit um fast eine Million. Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor, aber der Trend dürfte sich fortgesetzt und sogar verstärkt haben. Der Anteil der Ausländer unter den Rentenversicherten wuchs damit seit 2008 um über 20 Prozent.

Betrachtet man die Entwicklung bei den abhängig Beschäftigten, ergibt sich ein ähnliches Bild: Hier stieg die Zahl der deutschen Beitragszahler - unterbrochen durch einen Einbruch nach der Finanzkrise – seit 2008 zwar ebenfalls beträchtlich: von 24,4 auf 26,1 Millionen, was einem Anstieg um sieben Prozent entspricht. Zur gleichen Zeit stieg die Zahl der Ausländer aber weit stärker. Sie legte um ein Drittel von 2,1 auf 2,8 Millionen zu. Die „Ausländerquote“ stieg von 7,8 auf 9,7 Prozent. Damit hat mittlerweile jeder zehnte Arbeitnehmer, der in die Rentenversicherung einzahlt, einen fremden Pass.

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Wie viele Zuwanderer leben in Deutschland?

Rund 10,9 Millionen Zuwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber lebten 2014 in der Bundesrepublik. Das ist nach Darstellung des Statistischen Bundesamtes der höchste Stand seit Beginn der Erhebungen 2005. Das Plus zum Vorjahr (2013) beträgt 3,7 Prozent und zu 2011 rund 10,6 Prozent. Zählt man noch die Nachfahren hinzu, dann leben in Deutschland rund 16,4 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Gut jeder Fünfte der rund 80,89 Millionen Einwohner hat somit einen Migrationshintergrund.

Was verstehen die Statistiker unter Zuwanderern?

Der Mikrozensus ist die Grundlage der Statistik. Bei dieser Stichprobenerhebung wird jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung befragt. Dabei werden auch Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime berücksichtigt. Die Statistiker fragen aber nicht nach dem rechtlichen Aufenthaltstitel.

Wie steht es um ein Einwanderungsgesetz in Deutschland?

Die Grünen bezeichneten Deutschland schon vor etlichen Jahren als Einwanderungsland und forderten ein Einwanderungsgesetz. Die Union hat sich dem lange verschlossen. Inzwischen spricht zwar auch sie davon, dass Deutschland nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt sei. Um ein Gesetz wird in CDU und CSU aber noch heftig gerungen. Die CDU von Kanzlerin Angela Merkel könnte sich im Dezember auf einem Parteitag dafür aussprechen, die derzeit mehr als 90 Rechtsgrundlagen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels für Zuwanderer in einem speziellen Gesetz zu vereinfachen und zu bündeln. Die CSU will kein Gesetz mitmachen, das ein Mehr an Zuwanderung bedeutet. Der Koalitionspartner SPD dringt auf ein Einwanderungsgesetz noch in dieser Wahlperiode.

Woher kommen die Zuwanderer?

Seit 2011 ziehen jedes Jahr mehr Menschen nach Deutschland. Besonders deutlich ist der Zuwachs aus der Europäischen Union. Mehr als vier Millionen Zuwanderer stammten 2014 aus diesen Ländern, das waren gut 18 Prozent mehr als 2011. Die meisten kamen aus Polen, Rumänien, Italien, Bulgarien und Ungarn. Aber auch die Zahl der Zuwanderer mit Wurzeln aus anderen Kontinenten nahm deutlich zu. China, Syrien und Indien nennen die Statistiker als Beispiele.

Weshalb kommen die Menschen nach Deutschland?

„Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben sich die Zuwanderungsmotive deutlich verschoben“, stellen die Statistiker fest. Für die seither Zugezogenen war ein Job der wichtigste Grund, nach Deutschland zu kommen (28 Prozent). Mehr als die Hälfte dieser Zuwanderer hatte bei der Einreise bereits eine Stelle. Die Arbeitsaufnahme habe das zuvor dominierende Ziel der Familienzusammenführung abgelöst, stellt Migrationsexperte Ludger Pries fest.

Wie gut sind die Zuwanderer ausgebildet?

„Am oberen Ende sind die Zuwanderer klar besser qualifiziert als die Deutschen“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. „Das hilft dem Arbeitsmarkt.“ Hochschulabsolventen seien leichter zu integrieren. „Was uns ein bisschen fehlt, ist die Mitte, also die klassischen Facharbeiterqualifikationen.“ Allerdings gebe es auch mehr Zuwanderer ohne Berufsausbildung als Deutsche, die keinen Migrationshintergrund haben. Dies sei aber nicht per se negativ. „Sehr viele Zuwanderer arbeiten in Berufen wie der Gastronomie, der Landwirtschaft und der nicht-examinierten Pflege, wo man nicht unbedingt eine formelle Berufsbildung braucht.“ Dies seien aber auch anspruchsvolle Tätigkeiten mit einer hohen Nachfrage.

Wie gut sprechen die Zuwanderer Deutsch?

Mehr als die Hälfte der rund 16,4 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln (56,0 Prozent) hat einen deutschen Pass. Fast die Hälfte der seit 1960 Zugewanderten im Alter von 15 bis 64 Jahren schätzen ihre Deutschkenntnisse als fließend oder sogar muttersprachlich ein.

Wie wird sich die Zuwanderung entwickeln?

Bis 2014 kamen die Zuwanderer vor allem aus EU und hatten günstige Qualifikationen, wie Brücker sagt. „Dies sieht bei Asylbewerbern und Flüchtlingen anders aus.“ Dies sei jedoch nicht gravierend. „Das Gravierendere ist, dass wir diese Menschen viel schwieriger in den Arbeitsmarkt integrieren können, weil da auch rechtliche Hürden bestehen.“ Daher seien Änderung des Einwanderungsrechts notwendig. Der starke Zuzug aus der EU werde zudem mittelfristig abnehmen.

Die meisten neuen Beitragszahler kommen nach einer Analyse der Rentenversicherung seit Ausweitung der Freizügigkeit 2011 aus Polen, den baltischen Staaten, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Doch auch Bulgaren und Rumänen rücken nach. Die überwiegende Mehrheit von ihnen geht einer versicherungspflichtigen Beschäftigung oberhalb der 400-Euro-Job-Grenze nach. Nur 0,3 Prozent beziehen Arbeitslosengeld oder Hartz IV. 60 Prozent der Neuversicherten aus Mittel- und Osteuropa haben allerdings Jobs mit eher niedriger Qualifikation. Nur sechs Prozent sind hochqualifiziert.

Ausländer in der Rentenversicherung 1) in Millionen (jeweils zum Jahresende)

Zugewinn durch Migration

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Kommentare (38)

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Herr Bernhard Ramseyer

04.08.2015, 16:14 Uhr

Die Flüchtlingsdebatte polarisiert.

Vom Asylbewerber über den Flüchtling zum Zuwanderer, dann zum hochqualifizierten Maschinenbauingenieur und wichtigen Rentenbeitragszahler.

Bitte nichts vermischen oder die Leute für blöd verkaufen wollen.



Herr Peter Spiegel

04.08.2015, 16:29 Uhr

Nur 0,3 Prozent beziehen Arbeitslosengeld oder Hartz IV.
0,3 Prozent !! Phantastische Zahl im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie haben die Herrschaften diese Zahl herbei manipuliert ?

Hermann Froesch

04.08.2015, 16:43 Uhr

Jeder Beitragszahler wird auch ein potentieller Anspruchsberechtigter. Das wird meistens vergessen.

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