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04.01.2007

15:04 Uhr

Report

Die Mehrwertsteuer-Piraten von Helgoland

VonNils-Viktor Sorge

Auf Deutschlands einziger Hochseeinsel wird keine Mehrwertsteuer erhoben - folglich macht die Anhebung auf 19 Prozent den Felsen in der Deutschen Bucht für Käufer noch reizvoller. Und für sturmerprobte Unternehmer - denn die müssten ihren Kunden keine Mehrwertsteuer berechnen.

Luftbild von Helgoland. Foto: dpa dpa

Luftbild von Helgoland. Foto: dpa

HELGOLAND. Wenn Kaufmann Rudolf Antony auf die Mehrwertsteuererhöhung zu sprechen kommt, lächelt er, und ein paar seiner Goldzähne blitzen hervor. „Ich erhoffe mir davon schon einen gewissen Aufschwung“, sagt er und nickt, sein grauer Pferdeschwanz beginnt dabei zu wippen.

Antony handelt auf dem Helgoländer Oberland mit Ferngläsern, Kosmetik und dänischem Porzellan – ein für die Insel typisches Gemischtsortiment wertvoller Produkte mit einem Sinn: Die Kunden sparen jede Menge Mehrwertsteuer, die auf Helgoland nicht anfällt. Schon vor dem Jahreswechsel war Antony „deutlich billiger als die Konkurrenz auf dem Festland“. Und seit dem 1. Januar ist der Abstand noch größer geworden.

Helgoland freut sich auf die Mehrwertsteuererhöhung. Denn während Handel und Verbraucher in der übrigen Bundesrepublik dem Anstieg des Satzes von 16 auf 19 Prozent beinahe panisch entgegensahen, ist auf Deutschlands einziger Hochseeinsel alles beim Alten geblieben: Null Prozent auf Lebensmittel, null Prozent auf alle sonstigen Produkte und Dienstleistungen. Angela Merkels Steuer-Manöver auf dem Festland könnte den zuletzt wirtschaftlich gebeutelten Felsen für Touristen und Investoren daher attraktiver machen, hoffen jetzt viele der 1 650 Insulaner.

Ihre heutige Rolle als Mehrwertsteuer-Piraten verdanken die Helgoländer noch einer anderen mächtigen Frau. Nachdem die Insel von 1808 bis 1813 den Engländern als Schmuggelplatz gegen Napoleons Kontinentalsperre diente, erließ die englische Königin Victoria zum Dank später das Zolldekret, auf das die Mehrwertsteuerfreiheit zurückgeht. Die damals britische Insel wurde von Abgabenzahlungen gegenüber dem Mutterland freigestellt. Helgoland sollte seinen Gemeindehaushalt mit eigenen Einfuhrzöllen auf teure Verbrauchsgüter wie Spirituosen und Petroleum bestreiten.

Die Deutschen, die die Insel 1890 gegen ihre Ansprüche auf die Kolonie Sansibar erhielten, behielten dieses Prinzip bei. Helgoland gehört weder zum Zollgebiet der EU noch zum deutschen Steuergebiet. Es ist daher auch nach dem Aus der Butterfahrten Ende der 90er-Jahre ein Duty-Free-Paradies geblieben, das auch von den Einkäufen der Touristen lebt – zuletzt allerdings immer schlechter, denn mit dem eigenen Auto und Billigfliegern wurden andere Ziele für die Deutschen interessant. Der Spar-Anreiz war den Menschen wegen der Discounter-Preisschlachten auf dem Festland nicht mehr so wichtig, Naturliebhaber glichen die Verluste nicht aus.

Die jüngste Hiobsbotschaft erreichte die gut einen Quadratkilometer große Insel am 9. Dezember: Die „Wappen von Hamburg“, das 41 Jahre alte Flaggschiff und Symbol des Helgolandverkehrs für 1 800 Passagiere, hat ausgedient, gleichwertigen Ersatz wird es nicht geben. In den 70er-Jahren kamen jährlich mehr als 800 000 Gäste auf die damals oft als „Fusel-Felsen“ verspottete Insel, mittlerweile nur noch gut die Hälfte. Auch von den traditionellen Börtebooten, die die Passagiere von den Schiffen an Land bringen, gibt es deshalb weniger. Trotzdem müssen sich viele Insulaner an das Geschäft mit den Einkaufs-Touristen klammern. Die Steuererhöhung auf dem Festland soll nun die Wende zum Besseren bringen.

Vom Südhafen ist es zu Fuß gut eine Viertelstunde ins Helgoländer Ortszentrum. Andreas Cohrs hat in seiner Parfümerie außer Flakons auch Modelleisenbahnen im Schaufenster – „als Hingucker“, wie er sagt. Die Kunden schauen auf die Preisschilder: 798 Euro lautet die Empfehlung von Märklin für den TEE, die Cohrs zum Vergleich angegeben hat. Er selbst verlangt 670 Euro. Keine Mehrwertsteuer – das macht einen ganzen Batzen Bares aus.

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