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17.01.2006

20:03 Uhr

Report

Unterwegs in Merkels Welt

VonRuth Berschens

Nachdem Angela Merkel binnen 72 Stunden zweien der mächtigsten Männer der Welt freundlich, aber bestimmt die Meinung gesagt hat, könnte sie sich eigentlich zufrieden zurücklehnen. Doch die eigentlichen Bewährungsproben werden wohl erst noch kommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrer Ankunft in Moskau. dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrer Ankunft in Moskau.

MOSKAU/WASHINGTON. Wladimir Putin kennt Deutschland sehr gut. Eine Abneigung von Angela Merkel kennt der russische Präsident ebenfalls – Hunde. Schließlich ist sie als Mädchen einmal gebissen worden. Das brachte ihr in Moskau gestern ein ganz besonderes Gastgeschenk ein: einen Plüschhund.

Das Stofftier aber bleibt die einzige persönliche Geste. Ansonsten zieht neue Sachlichkeit in die deutsch-russischen Beziehungen ein. Kein Schulterklopfen, keine Umarmung wie bei Putins Männerfreundschaft mit Gerhard Schröder. Stattdessen wird gearbeitet und diskutiert: über heikle Themen wie das Gaspipeline-Projekt und den Tschetschenien-Konflikt. Nichts spart die Bundeskanzlerin aus.

Als sie am Montagabend aus Russland nach Berlin zurückkehrt, ist klar: Die außenpolitische Einführungsphase ihrer Kanzlerschaft ist beendet. Jetzt folgt die für die bevorstehenden Landtagswahlen wichtige Konzentration auf die Innenpolitik. Sicher, Ende des Monats wird sie wohl noch nach Israel reisen. Auch das gehört zu den Grundkoordinaten deutscher Außenpolitik. Ansonsten aber gilt: Das außenpolitische Feld ihrer Kanzlerschaft ist bestellt.

Und alles hat Angela Merkel ohne Schaden über- und bestanden: die Umarmungsversuche Jacques Chiracs schon vor Wochen, den demonstrativ ausgerollten roten Teppich in Washington, die kühle Freundlichkeit in Moskau. Sie hat in der Zwischenzeit mitgeholfen, den EU-Finanzstreit zu lösen. Und sie hat zweien der mächtigsten Männer der Welt, George W. Bush und Wladimir Putin, binnen 72 Stunden freundlich, aber bestimmt die Meinung gesagt. Merkel kann sich zufrieden zurücklehnen, auch wenn die eigentlichen Bewährungsproben wohl erst noch kommen werden: Aber die Vorurteile über ihre Person und ihren außenpolitischen Kurs hat sie locker erst einmal beiseite gewischt. Mehr noch: Bei ihren Stationen hat sie andächtiges Staunen zurückgelassen.

Während es in der rot-grünen Regierung Jahre dauerte, bis deutlich war, wer in der Außenpolitik „Koch und Kellner“ sein würde, brauchte Angela Merkel dazu genau 55 Tage. Spätestens seit gestern wissen alle: Angela Merkel kocht selbst, auch in der Außenpolitik. Und obwohl die gleichen Speisen auf dem Menüplan stehen wie unter Rot-Grün, werden sie anders gewürzt. Schon ist von einer „Außenpolitik à la Angie“ die Rede – weniger scharf, dafür feiner abgeschmeckt.

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