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01.03.2006

20:56 Uhr

Reportage

„Hundert Mal is nix passiert“

VonR. Scheidges

Der Landkreis Uecker-Randow im Nordosten der Republik ist der ärmste der Republik: 27,6 Prozent Arbeitslosigkeit weist die offizielle Statistik aus, in Wahrheit sind fast 40 Prozent der Arbeitsfähigen ohne Lohn. Wie die Menschen in der Heimat der Bundeskanzlerin den Aufbruch in eine bessere Zukunft erleben.

Schlammwege führen durch verlassene Garagenanlagen in der Oststadt von Ueckermünde. Foto: Rüdiger Scheidges

Schlammwege führen durch verlassene Garagenanlagen in der Oststadt von Ueckermünde. Foto: Rüdiger Scheidges

UECKERMÜNDE. Typisch! Da stehen sie nun rum, die Nichtsnutze. Im Trainingsanzug. Die Pulle in den Schlund geschraubt. Die Augen weit aufgerissen. Zwischen tristen Plattenbauten. Hallo Erich! Arbeitslosigkeit. Rekordarbeitslosigkeit. Rekordverlotterung. Nichts leuchtet. Hier im Osten.

Der Wessi hat so seine Bilder. Feindbilder im Abwehrkampf gegen das Desaster – im Osten. Abziehbilder von der inneren und äußeren Verwahrlosung der Menschen – dort. Vom inneren Feind des Bruttosozialprodukts – dort hinten. Von der äußeren Not. Und ihrer Behausung. Vom jämmerlichen Dasein. Dabei sind die Bilder nur: Lüge.

Der Landkreis Uecker-Randow. Rechts oben, Nordost. Wo Mecklenburg-Vorpommern Polen gute Nacht sagt. Im Norden: Wasser. Im Osten: Wasser. Im Süden: Wasser. Im Westen: Lügen.

Ueckermünde. Knapp 10 000 Seelen. Idyllischer Marktplatz. Herausgeputzt wie sonst nur Bayern. Fachwerk, korrekt zugepinselte Fassaden. Ein Edelschuppen für feine Whiskys und teure Zigarren. Gepflegtes Kopfsteinpflaster, ein Handy-Shop. Ein Hotel, angeblich mit Sauna. Ueckermünde, aufgehübscht.

Eine selbst im finsteren Winter schmucke Perle am Haff. Keiner säuft, keiner torkelt. Niemand zieht sich wässrigen Blicks die Trainingshose oder den befleckten Pyjama über die Hüfte. Keiner pafft Kurmark. „Hier geht in Deutschland die Sonne zuerst auf!“ Schwelgt die Eigenwerbung. Keine Armut. Keine Glatzen, keine Stiefel. Stattdessen: Idylle, Ferienort. Alles sauber.

Alles Make-up. Wir sind mittendrin im Zentrum der Arbeitslosigkeit. Der ärmste Landkreis der Republik. Nowhereland. Ostvorpommern. Offiziell: 27,6 Prozent Arbeitslose. In Wahrheit sind weit über 40 Prozent der arbeitsfähigen Menschen ohne Lohn. Der niedere Stand. Die Kaste der Unberührbaren. In Deutschland.

Das Blaue Kreuz, der Suchthilfe-Verein, kürt die Region zum Spitzenreiter: Nirgendwo sonst schlägt Teufel Alkohol so gnadenlos zu. Die Schuldnerberatung funkt SOS übers Haff: Noch nie gab es so viele Kleinpleitiers. Noch nie so viele Familien, die weder ein noch aus wissen. Die mit insgesamt vier Millionen Euro in der Kreide stehen.

Arbeitslosigkeit? Suff? Pleiten? Hoffnungslosigkeit? Depression? Überschuldung? Suppenküche? Obdachlosigkeit? Nirgends ist die Provinz so düster wie hier. Von hier machen die Habenichtse immer öfter nach Westen rüber. Seit 1989 schon 20 000, 78 800 harren aus. Zu alt, zu ungelernt, unvermittelbar. Häuserbauer holen sich die Angebote ganz im Osten, in Polen.

Arbeitslosigkeit? Du bist mittendrin. Liegt vor deinen Augen. Aber du siehst sie nicht, die blühende Armut. Du sollst sie nicht sehen.

Schnieke und sauber gaukeln die Fassaden Prosperität und Ordnung vor – in Ueckermünde, Pasewalk und in Torgelow. Selbst die Straßen sind glatter als in Berlin. Wie geliftet.

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