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11.06.2015

16:16 Uhr

Rezension „Du bleibst, was du bist“

„Marco sollte auf der Hauptschule bleiben“

VonDana Heide

Warum schaffen immer noch nur so wenige Kinder aus Arbeiterfamilien den Bildungsaufstieg? Autor und Arbeiterkind Marco Maurer hat sich mit prominenten Aufsteigern getroffen und Experten zu den Gründen befragt.

Über den Bildungsweg entscheidet oft immer noch die Herkunft. dpa

Schwerer Aufstieg

Über den Bildungsweg entscheidet oft immer noch die Herkunft.

Immer noch entscheidet in Deutschland vor allem die familiäre Herkunft, ob sich ein Schüler für ein Studium entscheidet, oder nicht. Aktuelle Studien zeigen, dass Kinder aus Akademikerfamilien eine 3,3-fach höhere Chance haben, zu studieren als Kinder deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben.

Marco Maurer ist einer dieser Menschen, die als erste in ihrer Familie studiert haben. Er wuchs in einem kleinen Dorf auf, seine Mutter war Frisörin, sein Vater Kaminkehrer. Trotz vieler Widerstände, wie er es beschreibt, hat er dennoch studiert und arbeitet heute als freier Journalist, zum Beispiel für die „Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Den Anlass für sein Buch „Du bleibst, was du bist“ brachte laut eigenen Angaben ein Artikel, den er für die „Zeit“ verfasst hat. Darin beschreibt er seinen Werdegang und macht auf die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland aufmerksam - worauf ihm zahlreiche Leser schrieben.

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Die Hauptschule stirbt einen langsamen Tod: Eltern und Politiker haben sie zum Auslaufmodell erklärt. Vergessen werden dabei die 500.000 Schüler, die dort noch aufs Leben vorbereitet werden sollen.

Das Buch ist eine Erweiterung dieses Artikels, Maurer hatte sich auf eine Reise durch Deutschland begeben, um die Ursachen für die Bildungsungerechtigkeit zu finden. Denn auch er hätte beinahe nicht studiert. Sein Lehrer verwehrte ihm in der sechsten Klasse sogar die Empfehlung für die Realschule. „Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, Frau Maurer. Die Realschule ist nichts für ihn“, soll er damals zu Maurers Mutter gesagt haben.

Auf 381 Seiten beschreibt der Autor Begegnungen mit ehemaligen Arbeiterkindern, die heute hohe Führungspositionen innehaben, wie Grünen-Chef Cem Özedemir, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn. Und er nennt Beispiele, wie Menschen Kindern aus Arbeiterfamilien für ein Studium begeistern und ihnen den Zugang dazu verschaffen.

Es ist lobenswert, dass Maurer dieses Thema aufgreift. Nicht nur in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels muss sich ein Industrieland Gedanken machen, warum ihm immer noch so viele Talente nicht gefördert werden. Der Ansatz des Autors, seine eigene Geschichte zum Anlass und als Beispiel zu nehmen, macht das Thema plastisch. Allerdings hätte an einigen Stellen dem Buch ein bisschen weniger Maurer und mehr andere Beispiele gut getan. Maurer bleibt in der Darstellung der prominenten Fälle ungenau und scheut sich dennoch nicht, die Biografien und Charakterzüge der Beschriebenen mit seinen zu vergleichen.

Das Buch ist kurzweilig geschrieben und viele, die einen ähnlichen Lebensweg wie der Autor hinter sich haben, werden sich in dem wiederfinden, was Maurer beschreibt. Dass Kinder aus Familien ohne Akademikereltern nicht auf ein in die Wiege gelegtes Vitamin B hoffen dürfen. Dass sie sich öfter deplatziert fühlen und öfter denken, dass ihre Leistungen nicht ausreichen.

Das Fazit aus diesem Buch ist, dass der Staat beim Thema Chancengleichheit versagt. Etwas versteckter ist es aber auch ein Aufruf dafür, sich vielleicht auch selbst stärker zu engagieren. Denn alle Beispielaufsteiger in Maurers Buch hatten mindestens einen Menschen, der es gut mit ihnen meinte und sie förderte.


Marco Maurer

Du bleibst, was du bist – warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet

Droemer

Seiten: 381

ISBN: 978-3-426-27633-4

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