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12.08.2011

17:02 Uhr

Riskante Leerverkäufe

Berlin will Finanzjongleure EU-weit stoppen

Ein Verbot riskanter Aktiengeschäfte in vier Euro-Ländern soll dem Ausverkauf von Finanztiteln Einhalt gebieten. Deutschland geht das nicht weit genug. Die Bundesregierung will ein europaweites Verbot.

Wie Leerverkäufe funktionieren

Video: Wie Leerverkäufe funktionieren

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Berlin/ParisDie Bundesregierung stellt sich damit hinter entsprechende Bemühungen der EU-Kommission. „Nur so kann einer destruktiven Spekulation überzeugend begegnet werden“, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums. Der Gesetzgebungsprozess in Brüssel stockt allerdings. Gegen ein pauschales Verbot gibt Widerstände, vor allem aus Finanzzentren wie Großbritannien. In Deutschland sind ungedeckte Leerverkäufe für alle Aktien und Staatsanleihen der Euro-Länder schon seit 2010 verboten. Normale Leerverkäufe von zehn Versicherer- und Bankaktien müssen gemeldet werden. Pläne für eine Ausweitung hat die Finanzaufsicht BaFin nicht.

Frankreich, Italien, Spanien und Belgien, deren Bankaktien an den Börsen zuletzt besonders unter Beschuss geraten waren, hatten in der Nacht zum Freitag den Leerverkauf von Finanzwerten untersagt. Daraufhin legten heute die meisten Aktien von Banken und Versicherern in Europa zu. Experten bezweifeln aber, ob die Maßnahmen auf Dauer Wirkung zeigten. Spekulanten wichen einfach auf andere Börsenplätze aus, etwa nach London.

Der Bankenverband BdB forderte einheitliche Vorschriften in Europa, sprach sich aber gegen eine pauschale Untersagung von Leerverkäufen aus. Maßnahmen einzelner Länder führten zu einem „Flickenteppich“.

Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick schlug vor, Deutschland, Frankreich und andere Länder sollten an einem Strang ziehen, um Großbritannien für ein europaweites Verbot zu gewinnen. Der stellvertretende Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Poß, sagte Reuters: „Ich sehe jetzt die Chance, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten Tage, damit auch in Europa voranzukommen.“

Bei Leerverkäufen leihen sich Investoren Papiere und verkaufen sie, um sie zu einem niedrigeren Kurs zurückzukaufen und dem Verleiher zurückzugeben. Das kann Kursausschläge drastisch beschleunigen. Bei ungedeckten Leerverkäufen haben die Investoren die verkauften Papiere sich nicht einmal geliehen, was die Risiken noch erhöht. Allerdings erfüllen diese Geschäfte für viele Investoren auch eine wichtige Funktion zur Absicherung gegen Kursrisiken.

Wie Leerverkäufe funktionieren

Was ist das Prinzip eines Leerverkaufs?

Bei normalen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren. Sie verkaufen Wertpapiere, die sie sich zuvor von anderen Anlegern gegen eine Gebühr geliehen haben, zu einem fest vereinbarten Kurs. Sinkt der Preis bis zum Lieferdatum, können sie sich billiger wieder eindecken und die geliehenen Papiere zurückgeben.

Wie verdient man an Leerverkäufen?

Die Differenz zwischen dem niedrigeren Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investoren - oft Hedgefonds - als Gewinn ein.

Was sind die Risiken bei Leerverkäufen?

Geht die Wette verloren, also steigt der Preis, besteht die Gefahr, dass die Anleger zu einem höheren Kurs wieder einsteigen müssen, um die geliehenen Papiere zurückzugeben. Dann droht ein Verlust in den Büchern der Leerverkäufer.

Wie unterscheiden sich ungedeckte Leerverkäufe?

Bei ungedeckten Leerverkäufen ist das Prinzip dasselbe. Allerdings haben sich die Investoren noch nicht einmal die Wertpapiere geliehen. Zum Lieferdatum besitzen die Händler von ungedeckten Leerverkäufen so keinerlei Papiere. Dadurch wird mit Anteilen gehandelt, die gar nicht existieren. Für den Markt erhöht das die Risiken deutlich. Kursausschläge werden dadurch um ein vielfaches verstärkt. Dann werden die Wetten der Investoren zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

Was ist der Vorteil bei ungedeckten Leerverkäufen?

Im Erfolgsfall sind die Gewinnchancen höher, da keine "Leihgebühr" anfällt.

Sind Leerverkäufe denn nur zu verteufeln?

Leerverkäufe erfüllen oft auch einen wichtigen wirtschaftlichen Zweck. Denn damit können sich Firmen und andere Investoren gegen Kursrisiken absichern. Wer etwa in einigen Monaten Rohstoffe kaufen muss und mit höheren Preisen rechnet, kann durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen für Ausgleich sorgen. Zudem sorgen diese Geschäfte für ausreichende Liquidität an den Märkten.

Mit welchen Einschränkungen dürfen Leerverkäufe in Europa getätigt werden?

In Deutschland sind ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen von Euro-Ländern seit einem Jahr per Gesetz ganz verboten. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten viele Länder zumindest vorübergehend ähnliche Maßnahmen beschlossen. Um die Transparenz der Geschäfte zu erhöhen, hat die Finanzaufsicht BaFin zudem eine Meldepflicht für Leerverkäufe von Aktien der zehn größten deutschen Finanz- und Versicherungshäuser eingeführt. Ab März 2012 gilt ohnehin eine gesetzliche Meldepflicht für alle Leerverkäufe von Aktien.

Und was sagt die EU?

Auf Ebene der Europäischen Union (EU) ist das Vorgehen noch umstritten, vor allem was ein Verbot von Leerverkäufen mit Kreditausfallversicherungen (CDS) auf europäische Staatsanleihen betrifft. Das EU-Parlament dringt hier auf eine schärfere Regelung als die meisten Mitgliedsstaaten.

Kommentare (22)

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DerDummeDeutsche

12.08.2011, 17:25 Uhr

LOL!
Dann wird eben in Hong Kong, NY oder sonstwo gehandelt. Die Politik ist das Problem. Schuldenmachen ist das Problem!

Deutschland ist immer ganz vorn, wenn die Welt gerettet werden soll (Klima, Atom, etc.). Und am Ende zahlt die Zeche dann (zurecht!) der Dumme Deutsche. Im Falle der Börsen, indem das Geschäft nicht in Frankfurt sondern z.B. in Shanghai gemacht wird.

Account gelöscht!

12.08.2011, 17:34 Uhr

Manche Bürger bekommen so vielleicht das Gefühl, dass etwas am System verbessert wird oder gar Lösungen für Probleme gefunden werden.

Es wird ein Gefühl erzeugt aber mehr bestimmt nicht.

Kronecker

12.08.2011, 17:40 Uhr

Was demnächst kommt? Zeitweises Abschalten des Internets. Zeitweise Schließung der Börsen. Herkunftsnachweis des Investitionskapitals von null Euro an für jeden. Tobinsteuer für Privatanleger. ...

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