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08.01.2014

12:41 Uhr

Roma-Armut in Duisburg

„Ich möchte nicht leben wie ein Hund“

Strukturschwache Städte klagen schon seit Jahren über einen verstärkten Zuzug armer Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien. Die Familien kommen in der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Besuch in Duisburg.

Jan Hündorf (l.) und Murat Yasar vom Familienhilfeverein „ZOF – ZukunftsOrientierteFörderung“ unterhalten sich mit Roma-Vater Stefan (r). dpa

Jan Hündorf (l.) und Murat Yasar vom Familienhilfeverein „ZOF – ZukunftsOrientierteFörderung“ unterhalten sich mit Roma-Vater Stefan (r).

DuisburgVor mehr als einem Jahr ist Stefan nach Duisburg gekommen. Mit einer klaren Vorstellung: „Ich möchte mit meiner neunköpfigen Familie nicht leben wie ein Hund“, sagt der 45-Jährige, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Nicht in Rumänien, das er als Roma wegen bitterer Armut und Diskriminierung verlassen hat. Und auch nicht in Deutschland.

Bis auf ein paar Wortfetzen spricht er nur Rumänisch, das aber wie ein Wasserfall: Dem Sozialarbeiter Murat Yasar vom Familienhilfeverein „ZOF - ZukunftsOrientierteFörderung“, der zum Übersetzen mitgekommen ist, vertraut Stefan. Entschlossen mit seinen kräftigen Armen gestikulierend erzählt der Mann von der Not in der alten Heimat und von der Hoffnung auf ein besseres Leben im wohlhabenden Deutschland. „Ich mag vielleicht ungebildet sein, aber hier gibt es doch auch einfache Arbeit. Ich kann doch Kartoffeln ernten“, übersetzt Yasar.

Er sei kein Schmarotzer, das will Stefan deutlich machen. „Wenn jemand hier in den Hof kommt und Arbeit anbietet, würden sich alle darum reißen. Nur kommt niemand.“ Für die Zuwanderer aus Südosteuropa sei Deutschland das gelobte Land, berichtet Yasar später.

Reiche in Deutschland

Ab wann gilt man als reich?

Eine Definition für Reichtum gibt es nicht. Auch ist dies - wie so vieles - relativ. Der Durchschnittsverdienst eines Arbeitnehmers liegt in Deutschland bei rund 30.000 Euro. Die Hälfte der 26,6 Millionen Steuerpflichtigen hatte nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2007 Einkünfte von bis zu 29.000 Euro, 10 Prozent erhielten mehr als rund 73.400 Euro, aber nur ein Prozent mehr als 206.000 Euro.

Wie ist die Vermögensverteilung?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von einem Nettovermögen in Deutschland von 9,3 Billionen Euro. Das umfasst Immobilien, Geldvermögen, Versicherungen, Betriebsvermögen oder auch Vermögen in Form wertvoller Sammlungen. Dieses Vermögen ist in Deutschland ungleich verteilt. So besitzen 10 Prozent der Bevölkerung nach Angaben des DIW gut 66 Prozent des Gesamtvermögens. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens.

Wie viele Millionäre und Milliardäre gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des „Manager Magazins“ gibt es in Deutschland gut 100 Milliardäre - sowohl Einzelpersonen als auch Familien. Angeführt wird die Liste der Superreichen von Aldi-Gründer Karl Albrecht.

Trotz Wirtschaftskrise und Börsenturbulenzen ist auch die Zahl der Deutschen, die über ein Nettovermögen von einer Million Euro und mehr verfügen deutlich gestiegen. Der D.A.CH-Vermögensreport 2012 gibt die Zahl der Euro-Millionäre in Deutschland mit 826.000 an.

Wie sieht es mit „Einkommensmillionären“ aus?

Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2007 insgesamt 16.681 Steuerzahler mit Einkünften von einer Million Euro oder mehr. Die meisten kamen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Wer zahlt Steuern?

Auf das oberste Zehntel der Einkommensbezieher entfielen 2007 fast 55 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Fast ein Viertel (23,9) des Aufkommens ging auf die 1 Prozent Einkommensreichsten zurück. Dagegen zahlt die untere Hälfte nur sieben Prozent des Steueraufkommens.

Werden Reiche künftig stärker besteuert?

Wenn es nach SPD, Grünen, Linken und Gewerkschaften geht: Ja. Es geht vor allem um einen höheren Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer und eine Rückkehr zur Vermögensteuer, die Ende 1996 in Deutschland ausgesetzt wurde. Zurzeit liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, er gilt ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882 Euro. Hinzu kommt die „Reichensteuer“ von 45 Prozent ab 250.001 Euro (Ledige). Die Sätze könnten angehoben werden oder früher greifen.

Stefan lebt seit Herbst 2012 in Duisburg, in den Häusern, die es als sogenannte Problemhäuser zu trauriger Berühmtheit geschafft haben. 700 Menschen leben mitten in einem gutbürgerlichen Viertel in einem überfüllten, verwahrlosten Wohnkomplex, überwiegend Roma aus Rumänien, berichtet Yasar. Das Licht im Hausflur funktioniert nur auf wenigen Etagen, durch Fenster mit zerschlagenen Scheiben pfeift der Wind. Bis im Frühjahr will der Vermieter die Wohnungen räumen lassen.

Wer in der hitzig geführten Debatte um Armutszuwanderung nach einem griffigen Beispiel sucht, verweist gern auf Duisburg: Viele der Zuwanderer, die hier stranden, sind nicht Durchschnitts-Osteuropäer, die den Arbeitsmarkt bereichern könnten. „Mein Zahnarzt ist auch Rumäne“, sagt Yasar. „Aber wir reden hier auch von Menschen ohne Schulbildung, die aus ärmsten Verhältnissen stammen.“

Kommentare (50)

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claus

08.01.2014, 12:56 Uhr

Ich finde es scheinheilig. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage der Menschen. Würden Sie dann nicht das selbe tun und nach Deutschland kommen. Diese ganz Misere ist doch erst von der Politik gemacht und jetzt wird auf die Menschen eingeprügelt. Das diese nicht zu unserer Kultur passen wurde von vorn herein in kauf genommen. Also bestraft die Politiker und nicht die Menschen die die Möglichkeit nutzen.

Account gelöscht!

08.01.2014, 13:07 Uhr

Es ist absolut richtig was claus schreibt. Die Probleme sind ausschliesslich von der Politik - und den Medien - verursacht und zu vertreten. Die Städte müssen es ausbaden und in Berlin werden dämliche Sprüche geklopft .

billyjo

08.01.2014, 13:08 Uhr

Der Bericht spricht für sich, keine Ausbildung, keine oder nur sehr geringe Sprachkenntnisse. Daher kann es nur heißen keine staatliche Unterstützung (Steuerzahler) und eine schnelle Rückführung, denn durch die traditionelle Großfamilien (und Mund zu Mund "Werbung") wird sich das Problem unweigerlich zuspitzen und dann schnell ausarten.
Das begehren der Leute ist nach vollziehbar aber nicht realisierbar und daher schnell (innerhalb von Tagen) ein Zeichen setzen und den augenblicklichen Zustand beenden.

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