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17.11.2016

01:32 Uhr

Rückgang

Radikale aus Deutschland reisen kaum noch in IS-Gebiete

Einer Studie nach reisen nur noch wenige Islamisten aus Deutschland in Kampfgebiete des Islamischen Staats. Grund sei vor allem der gestiegene militärische Druck in den Regionen - doch auch ein Aufruf der Terrorgruppe.

Ein Salafist hält den Koran in der Hand, um ihn an Interessenten zu verteilen: Die Studie von Verfassungsschutz und Polizei zeigt auf, dass bei rund einem Viertel der aufgeklärten Fälle ein Zusammenhang mit der organisierten Koran-Verteilungen besteht. dpa

Koran-Verteilung

Ein Salafist hält den Koran in der Hand, um ihn an Interessenten zu verteilen: Die Studie von Verfassungsschutz und Polizei zeigt auf, dass bei rund einem Viertel der aufgeklärten Fälle ein Zusammenhang mit der organisierten Koran-Verteilungen besteht.

MünchenAus Deutschland reisen einem Bericht zufolge nur noch wenige Islamisten in die Kampfgebiete der Miliz Islamischer Staat (IS). „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR zitierten am Mittwoch aus einer gemeinsamen Studie von Verfassungsschutz und Polizei, wonach die Ausreisen der IS-Unterstützer zuletzt „nahezu zum Erliegen gekommen“ seien. Der Bericht soll Ende November bei der Innenministerkonferenz im Saarland vorgelegt werden.

Die Behörden beschäftigten sich darin mit der Radikalisierung von 784 Menschen, die in den vergangenen viereinhalb Jahren nach Syrien oder in den Irak reisten. Bei rund einem Viertel der aufgeklärten Fälle gibt es demnach einen Zusammenhang mit organisierten Koran-Verteilungen. Am Dienstag hatte das Bundesinnenministerium die Organisation Die wahre Religion verboten, die für solche Aktionen bekannt war.

Bekannte Islamisten in Deutschland

Pierre Vogel

Der Prediger und Ex-Profiboxer (38) aus dem Rheinland ist ein enger Weggefährte Sven Laus. In jüngster Zeit distanziert er sich ausdrücklich von der Terrormiliz Islamischen Staat (IS) und soll dafür sogar Morddrohungen erhalten haben. Kuriosum am Rande: Sein Vater ist Hells-Angels-Rocker.

Sven Lau

Der Ex-Feuerwehrmann aus Mönchengladbach ist eher ein Mann der leisen, emotionalen Töne. In der Szene ist er dafür zeitweise als „Weichei“ verspottet worden. Wohl zu Unrecht: Der Verfassungsschutz attestiert dem 35-Jährigen eine Radikalisierung. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Terroristen unterstützt zu haben.

Ibrahim Abou-Nagie

Der Salafist wurde 2012 bundesweit als Initiator der umstrittenen Koranverteilungsaktion „Lies!“ bekannt. Er soll mehrfach Juden und Christen beschimpft haben. Das Amtsgericht Köln verurteilte ihn wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe. Nagie hatte zu Unrecht 54.000 Euro Sozialleistungen kassiert.

Dennis Cuspert („Deso Dogg“)

Der 40-jährige Ex-Gangster-Rapper aus Berlin hat sich vor einigen Jahren in den Nahen Osten abgesetzt. Er wird als IS-Terrorist gesucht und steht auf der Terrorliste der Vereinten Nationen. Schon mehrfach wurde sein Tod kolportiert.

Bernhard Falk

Der 49-Jährige hat als Linksterrorist der Antiimperialistischen Zellen fast 13 Jahre hinter Gittern gesessen und ist zum Islam konvertiert. Falk bewundert die Taliban und distanziert sich vom Islamischen Staat. Er betreut bundesweit islamistische Gefangene – aber nur die, die schweigen und nicht mit den staatlichen Ermittlern kooperieren.

Metin Kaplan („Kalif von Köln“)

Als Anführer einer fundamentalistischen Bewegung war Kaplan 1992 in Deutschland Asyl gewährt worden. Als er 1996 zur Ermordung eines Gegenkalifen aufrief und der Mann in Berlin erschossen wurde, begannen Ermittlungen gegen den inzwischen 63-Jährigen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilte Kaplan im Jahr 2000 zu vier Jahren Haft. 2004 wurde er in die Türkei abgeschoben, wo er wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt. Er soll geplant haben, die Türkei in einen islamistischen Staat zu verwandeln.

Als der IS Mitte 2014 in den von ihm eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein Kalifat ausrief, habe dies Islamisten weltweit „in bisher nicht dagewesenem Maß emotionalisiert und mobilisiert“, heißt es nun in dem Bericht. Allein aus Deutschland reisten demnach zu Spitzenzeiten pro Monat fast hundert Menschen in die Region. Zwischen Juli 2015 und Juni 2016 seien es dann nur noch „durchschnittlich weniger als fünf Ausreisen pro Monat“ gewesen.

Das Kalifat entfalte „kaum mehr eine Sogwirkung“, schrieben die Experten. Als mögliche Gründe nannten sie den wachsenden militärischen Druck auf den IS in der Region sowie die von „Gewalt und Brutalität gekennzeichneten Lebensbedingungen“ im Kalifat. Außerdem hätten verstärkte Ausreisekontrollen und der Entzug von Pässen zu dem Rückgang beigetragen.

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Zum anderen rufe der IS seine Anhänger aber auch dazu auf, „nicht mehr in das Kalifat auszureisen, sondern in ihren Heimatländern Anschläge zu begehen“, heißt es in dem Bericht, aus dem „SZ“, NDR und WDR zitierten. Insgesamt habe sich die Sicherheitslage für Deutschland verschärft, heißt es in der Studie. Es bestehe eine Bedrohung durch die Rückkehrer und „eine schwer einzuschätzende Zahl von hiergebliebenen radikalisierten“ Menschen.

Der IS wird derzeit in seinen Hochburgen in Syrien und im Irak massiv militärisch bekämpft. So laufen in der de-facto-Hauptstadt des Kalifats im syrischen Raka sowie in der irakischen Metropole Mossul Großoffensiven, die von internationaler Seite unterstützt werden.

Von

afp

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