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28.02.2013

17:28 Uhr

Rüffel für Steinbrück

Clown-Vergleich finden Italiener gar nicht lustig

Mit seinen Aussagen hat Peer Steinbrück die Italiener gegen sich aufgebracht. Die Medien schimpfen über den Clown-Vergleich des SPD-Kanzlerkandidaten und Staatspräsident Napolitano weist ihn öffentlich zurecht.

Keine Reue: "Ich habe mich nicht vergaloppiert"

Video: Keine Reue: "Ich habe mich nicht vergaloppiert"

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BerlinPeer Steinbrück ist etwas gelungen, an dem sich italienische Politiker bislang die Zähne ausgebissen haben: Italien zu einem einig Vaterland zu machen. Groß sind die Vorbehalte der Norditaliener gegenüber ihren Landsleuten südlich von Rom – und umgekehrt ist es nicht besser. Doch über den Clown-Vergleich des SPD-Kanzlerkandidaten im fernen Deutschland empört sich ganz Italien – einhellig.

Am Tag nach Steinbrücks Bemerkung über die beiden Clowns – ein echter, Beppe Grillo, und einer mit einem besonderen Testosteron-Schub, Silvio Berlusconi, – die in Italien die Wahlen gewonnen haben, taucht der Sozialdemokrat in Italien prominent in allen großen Medien auf. Unter der Überschrift „Der deutsche König der Fettnäpfchen und die Angst vor dem Populismus“ widmet der Corriere della Sera in seinem Politikteil dem SPD-Politiker eine ganze Seite. Äußerst unvorteilhaft abgebildet mit einem Bierkrug in der Hand bedienen dabei auch die Italiener ihre Vorurteile über die Deutschen.

Staatspräsident Giorgio Napolitano, zurzeit auf Deutschlandreise, äußerte sich am Donnerstag zum Clown-Eklat. Angesprochen auf Steinbrücks Wortwahl sagte er: „Es liegt natürlich auf der Hand, dass das nicht in Ordnung ist.“ Jeder könne natürlich denken, was er wolle, sagte Napolitano weiter. „Aber wenn man über gewisse Dinge spricht, die ein befreundetes Land betreffen und die das Ergebnis von freien Wahlen angeht, dann muss man wirklich sehr ausgewogen sein bei der eigenen Wortwahl.“

Auch der betroffene Beppe Grillo meldete sich am frühen Donnerstagabend in seinem Blog zu Wort: "Er hat die rund 8.700.000 Italiener, die für die M5S stimmten, und die 7.300.000 Italiener, die die PDL wählten, in schwachköpfiger Weise behandelt", schrieb Grillo.

Es handle sich bei Steinbrücks Äußerung um eine von "Arroganz" und "geringer politischer Intelligenz" zeugende Erklärung. Steinbrück mangele es an unerlässlichen Fähigkeiten, die für das Kanzleramt nötig seien.

Napolitano sagte außerdem, Steinbrücks Einlassungen seien eine bedauerliche Angelegenheit gewesen. „Deswegen lagen die Bedingungen für ein eigentlich anberaumtes Treffen nicht mehr vor.“ Der Präsident hatte am Mittwoch ein geplantes Abendessen mit Steinbrück platzen lassen, nachdem er von dessen Äußerungen erfahren hatte.

Steinbrücks Hintermannschaft

Kleines Team von Vertrauten

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat ein kleines Team von Vertrauten um sich geschart, die ihn beraten sollen – und die Krisenmanagement betreiben müssen, wenn der Kandidat mit seinen lockeren Sprüchen für Wirbel sorgt. Zum Teil gehörten Steinbrücks Berater bereits zum engen Kreis um Altkanzler Gerhard Schröder und Ex-Parteichef Franz Müntefering.

Andrea Nahles

Nach Kompetenzgerangel übernimmt Generalsekretärin Andrea Nahles die Hauptverantwortung für die gesamte Wahlkampagne. Enge Vertraute Steinbrücks verlieren bisherige Zuständigkeiten. Steinbrücks Kampagnenleiter Heiko Geue wird von einigen im Willy-Brandt-Haus kritisch beäugt.

Rolf Kleine

Rolf Kleine ist ein alter Hase des Berliner Politikbetriebs. Der gelernte Redakteur arbeitete lange in verschiedenen Positionen für die „Bild“-Zeitung. Ende 2011 verließ er den Springer-Konzern, um als Head of Public Affairs die politische Kommunikation des Immobilienkonzerns Deutsche Annington zu verantworten. Rolf Kleine ist 52 und gilt als meinungsstark, erfahren und gut vernetzt.

Kleine arbeitete unter anderem bei den „Westfälischen Nachrichten“, der Nachrichtenagentur ddp und der „Berliner Zeitung“. Insgesamt 17 Jahre schrieb er für Springer, zuletzt mehrere Jahre vor seinem Ausscheiden als Co-Leiter des Hauptstadtbüros. „Bild“ hatte damals mitgeteilt, Kleine gehe auf eigenen Wunsch.

Kleine war regelmäßig Gast in Talkshows und Fernsehmagazinen, so auch bei N24 im „Politischen Quartett“. Titel einer Jubiläumssendung vor fast genau 10 Jahren, im April 2003: „Lust am Untergang - Stürzt die SPD ihren Kanzler?“ Die Deutsche Annington, die Kleine nun wieder verlässt, gehört nach eigenen Angaben mit rund 180 000 eigenen Wohnungen und etwa 2400 Mitarbeitern zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen.

Hans-Roland Fäßler

Der Medienprofi gilt als sehr gut vernetzt. Anders als Donnermeyer ist er nicht in der Parteizentrale angesiedelt, sondern soll von außen Steinbrück den Weg zu führenden Medienvertretern ebnen. Fäßler war erst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dann für die Medienkonzerne Gruner & Jahr und Bertelsmann tätig. Zu seinen Freunden zählt der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der inzwischen nicht mehr der SPD angehört. Fäßler soll hinter dem verunglückten Internetportal „PeerBlog" gestanden haben.

Matthias Machnig

Thüringens Wirtschaftsminister gilt als einer der wichtigsten politischen Berater Steinbrücks. Machnig leitete 1998 und 2002 erfolgreich die Wahlkämpfe Gerhard Schröders. Auch mit Müntefering arbeitete er eng zusammen, als dieser erst Generalsekretär und später dann Parteichef war. Nach 2002 war Machnig zeitweise für die Consulting-Firma BBDO tätig, die zahlreiche deutsche Konzerne berät, später für das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Auch Machnig arbeitet als externer Ratgeber für Steinbrück, weswegen er sein Regierungsamt in Erfurt weiter ausübt.

Heiko Geue

Heiko Geue ist Steinbrücks Kampagnenleiter. Wegen dieser Funktion ließ er sich von seinem bisherigen Posten als Finanzstaatssekretär in Sachsen-Anhalt beurlauben. Ein Rückkehrrecht ist jedoch rechtlich umstritten. Auf Veranlassung von Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) verlor Geue daher seinen Job. In der Ära Schröder war Geue einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen. Damals war er unter anderem als persönlicher Referent von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier tätig. In der Zeit der großen Koalition koordinierte Geue den Leitungsstab des Bundesfinanzministeriums für den damaligen Ressortchef Steinbrück. Geue ist mit Steinbrücks Büroleiterin Sonja Stötzel liiert.

Timo Noetzel

Der Politikwissenschaftler gehört seit Anfang Februar zu Steinbrücks Mannschaft. Noetzel soll für den Kandidaten kampagnenfähige Themen identifizieren. Er war bisher Leiter des Politik- und Analysestabs der Münchner Sicherheitskonferenz sowie Vorstandsmitglied der Berliner Denkfabrik „Stiftung neue Verantwortung".

Torsten Schäfer-Gümbel

Steinbrück selbst nennt den hessischen SPD-Chef als Berater in Finanzmarktfragen. Der eher dem linken Parteiflügel zugerechnete „TSG" gehört aber wohl nicht zum engeren Umfeld des Kandidaten.

Jarmila Schneider

Mit ihr gehört neuerdings auch eine Frau zu Steinbrücks Beraterstab. Jarmila Schneider unterstützt seit Mitte Februar als zweite Pressesprecherin den Hauptsprecher Donnermeyer. Sie war bisher Sprecherin der bayerischen SPD.

Und die Italiener pflichten ihm bei. Die italienischen Zeitungen stellen sich jedenfalls hinter Napolitano und loben ihn für die Absage an Steinbrück. „Zwischen Sorge und Flegelhaftigkeit gibt es doch einen Unterschied, den zu beseitigen niemandem erlaubt ist“, schreibt der Corriere della Sera.

Auch die liberale Turiner „La Stampa“ begrüßte Napolitanos Haltung „im Namen der europäischen politischen Korrektheit“. Die Berlusconi-kritische „La Repubblica“ nannte Napolitanos Reaktion eine diplomatische Notwendigkeit, Italien stehe im Clowns-Kostüm da. Sie bildet auch eine Graphik der Bild-Zeitung ab mit der Pizza „Quattro Stagnazioni“, die die vier Protagonisten der Wahl – außer Grillo und Berlusconi auch Pier Luigi Bersani und Mario Monti – abbildet.

Clown-Debatte: Steinbrück mischt die Twitter-Gemeinde auf

Clown-Debatte

Steinbrück mischt die Twitter-Gemeinde auf

Auf Twitter tauschen Politiker Spötteleien über Steinbrücks Clown-Äußerungen aus. Einige werfen ihm vor, er bringe damit Deutschland in Verruf - andere, er ziehe den guten Namen ehrbarer Clowns in den Schmutz.

Kommentare (76)

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Hairbert

28.02.2013, 13:12 Uhr

Danke für den Hinweis, nehmen wir alle gerne an !

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Ludwig500

28.02.2013, 13:17 Uhr

Ich bin der Meinung, eine alternative Partei muss in die Medien, muss zu Jauch, Illner, Plasberg, Lanz und wie sie alle heissen. Dort sollte es rhetorisch geschulten Menschen gelingen, die Altparteien alt aussehen zu lassen. Ohne Medienpräsenz kann man keinen erfolgreichen Wahlkampf führen.

Natürlich ist zu befürchten, dass nach den Regierungsversagern kein Stuhl mehr frei ist, aber auch das könnten die wenigen objektiven Printmedien verwenden, um der Politik den Spiegel vorzuhalten.
Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

28.02.2013, 13:19 Uhr

Viel Glück damit...

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