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07.03.2014

14:42 Uhr

Ruf nach nationaler Krisenvorsorge

Angst vor Putins „Gaswaffe“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Ukraine-Krise weckt Befürchtungen, Gasimporte aus Russland könnten zum Erliegen kommen – vor allem seit Sanktionen gegen Russland verhängt wurden. Wirtschaft und Politik sind alarmiert und fordern Gegenmaßnahmen.

Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) mit Gazprom-Chef Alexej Miller: Droht wegen des Ukraine-Konflikts eine neue Gaskrise? dpa

Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) mit Gazprom-Chef Alexej Miller: Droht wegen des Ukraine-Konflikts eine neue Gaskrise?

BerlinDie in der Krim-Krise gegen Russland verhängten Sanktionen schüren die Angst vor einer neuen Gaskrise. Noch geht es um verhältnismäßig weiche Strafmaßnahmen. Die Europäische Union beispielsweise setzte in einem ersten Schritt die Verhandlungen über Visa-Erleichterungen und über ein neues Rahmenabkommen für die Beziehungen zwischen Brüssel und Moskau aus.

Doch der Ukraine-Sondergipfel macht zugleich unmissverständlich klar: Verweigere sich Moskau Verhandlungen zur Lösung des Krise und der Beteiligung an einer Kontaktgruppe mit Kiew, werde die EU Einreiseverbote, Kontensperrungen und notfalls auch wirtschaftliche Sanktionen verhängen. Da sich eine schnelle diplomatische Lösung in Osteuropa nicht abzeichnet, bekräftigte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius heute noch einmal die Entschlossenheit des Westens.

Eine härtere Gangart gegen Russland könnte allerdings wie ein Bumerang wirken. „Mit wirtschaftlichen Sanktionen schneidet man sich nur ins eigene Fleisch“, sagte der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, der „Passauer Neuen Presse“. Deutschland könne sich „eine solche Sanktionspolitik gar nicht leisten, weil wir im Zuge der Energiewende zunehmend auf russische Gaslieferungen angewiesen sind“.

Das sieht der Geschäftsführer des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie (AFME), Rainer Winzenried, nicht anders. Er fürchtet angesichts der Sanktionspolitik gegen Moskau Unterbrechungen der Gaslieferungen aus Russland und fordert daher von der Politik, die Abhängigkeit von Gasimporten durch den Aufbau einer Gasreserve zu senken. „Daher ist ein Gesetz zur aktiven Vorsorge gegen Störungen der Erdgasversorgung, abgestimmt mit der bereits vorhandenen und getesteten Krisenvorsorge bei anderen Energieträgern, in Zukunft unverzichtbar“, sagte Winzenried Handelsblatt Online. Der AFME vertritt die Interessen konzernunabhängiger Energiehändler und -importeure aus den Bereichen Öl, Strom und Gas.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

In der Politik stößt die Forderung auf Zustimmung. Der beste Weg zur Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffträgern sei der Ausbau der Erneuerbaren Energien. „Auch eine größere nationale Erdgasreserve trüge zweifellos zur Sicherheit unserer Gasversorgung bei“, sagte der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, Handelsblatt Online.

Ähnlich äußerte sich der frühere niedersächsische Umweltminister und jetzige Vize-Vorsitzende der FDP-Fraktion im Hannover Landtag, Stefan Birkner. „Das aktuelle Szenario zeigt die Notwendigkeit einer nationalen Gasreserve erneut auf“, sagte Birkner Handelsblatt Online. „Gemeinsam mit den Energieversorgern muss daher ein Konzept entwickelt werden, das es ermöglicht, mögliche Lieferausfälle zumindest vorübergehen zu kompensieren.“

Die Bundesregierung hatte hingegen bereits am Montag erklärt, sie sehe keinen Anlass, sich um die Versorgung mit Erdgas zu sorgen. Die Gasspeicher seien gut gefüllt, Deutschland habe die viertgrößten Kapazitäten weltweit und sei auf mögliche Lieferengpässe gut vorbereitet. Für Liefereinschränkungen gebe es aber keinerlei Anhaltspunkte. Das gelte auch für Rohölimporte.

Hofreiter hält es dennoch für wichtig, auch eine weitere Diversifizierung der Importe anzustreben. „Wenn von vielen kleineren Zulieferern einer ausfällt, beeinträchtigt das nicht die Versorgungssicherheit“, sagte der Grünen-Politiker. Auch Flüssig-Erdgas (LNG) sollte aus Sicht Hofreiters künftig einen Anteil übernehmen, um eine stabile Gasversorgung Deutschlands zu gewährleisten. „Dazu haben wir die schwarz-gelbe Bundesregierung mehrfach aufgefordert. Ergebnislos“, sagte er.

Die Angst vor einer neuen Gaskrise kommt nicht von ungefähr. Im Januar 2009 hatte Russland seine Gaslieferungen über die Ukraine komplett eingestellt und viele Abnehmer von den Importen abgeschnitten. Bereits davor, in den Jahren 2006 und 2008, hatte Russland seine, wie es der Rohstoffanalyst der Commerzbank, Eugen Weinberg, „Gaswaffe“ gegen die Ukraine eingesetzt und Lieferungen gekürzt.

Kommentare (13)

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07.03.2014, 13:02 Uhr

Wir haben Gott sei Dank sehr schlaue Leute.

Wenn der Brunnen trocken ist, will man einen Wasservorrat anlegen.

Wahrscheinlich wird auch noch gedroht, den Russen kein Gas mehr abzunehmen.

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07.03.2014, 13:05 Uhr

Die gleiche unfähige Politkaste, die uns die exklusive Erdgas-Nabelschnur nach Russland eingebrockt hat, schenkt uns jetzt Sonnen- und Windenergie, denn Sonne und Wind schicken keine Rechnung, und Russland hat sich auch in Krisenzeiten immer als zuverlässiger Handelspartner erwiesen.
Herr Fabius kann leicht die Sanktionen gegen Russland verschärfen. Frankreich besitzt eine autarke und dazu noch preiswerte Energieversorgung.

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07.03.2014, 13:14 Uhr

Wir haben überhaupt keine derartigen Probleme wenn wir uns aus diesem russischen Konflikt heraushalten. Putin legt uns nichts in den Weg solange wir ihn nicht angreiffen. Wenn andere Länder sich mit Putin anlegen wollen ist das deren Sache. Wir haben damit nichts zu tun

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