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23.04.2012

16:25 Uhr

Ruhrgebiet

Strukturell prekär

VonWolfgang Gehrmann
Quelle:Zeit Online

Strukturwandel ist das Schlüsselwort, wenn es in Nordrhein-Westfalens Landtagswahlkampf um das im Ruhrgebiet geht. Zum Beispiel in Duisburg: Junge Menschen gibt es hier zwar viele. Doch der Aufschwung bleibt aus.

Hinter zwei Hochöfen von Thyssen-Krupp geht im Duisburger Stadtteil Marxloh die Sonne unter. dpa

Hinter zwei Hochöfen von Thyssen-Krupp geht im Duisburger Stadtteil Marxloh die Sonne unter.

DuisburgDas Ding auf dem Kai des Duisburger Innenhafens liegt da wie ein Denkmal des Scheiterns. Ein Skelett aus Stahlträgern, gut 50 Meter lang, 30 breit und wohl mehr als 20 hoch. Die Tragekonstruktion eines hallengroßen, zweistöckigen Gehäuses. Es sollte am Himmel über der Ruhr auf der Spitze eines 50 Meter hohen Silos der Küppersmühle zu liegen kommen – ein gewollt anspruchsvolles Stück Architektur. Leider ist die Konstruktion zu sparsam verschweißt, und unter dem Baustopp ging der Bauherr, die städtische Gebag, in die Knie. Also bemächtigt sich inzwischen der Rost des Teils, das eine Attraktion wider Willen geworden ist, zu der das Volk in Scharen pilgert.

Dabei gäbe es rundherum genug zu sehen, worauf ein Duisburger stolz sein kann. Auf den Kais des alten Hafenbeckens sind Museen und schicke Restaurants in sanierte Industriebauten eingezogen. Ganz nahe der Innenstadt haben die Stadtplaner eine Dockland-Situation hinbekommen, in der sich Menschen dem Eindruck hingeben können, dass es aufwärtsgeht mit ihrer Stadt. Was zählt also am Innenhafen: Flop oder top?

Um der Frage nachzuspüren, wie es um den Wandel der Wirtschaftsstruktur im Ruhrgebiet steht, könnte man sich auch nach Essen, Gelsenkirchen, Bochum oder Dortmund begeben. Die Frage stellt sich seit 30 Jahren, seit der Niedergang der im Kohlenpott dominanten Montanindustrie eingesetzt hat. Akut ist sie, weil in Nordhein-Westfalen bald Landtagswahl ist, die Lage an der Ruhr spielt dabei immer eine große Rolle. Außerdem verlangen, ermutigt von einem Dossier in der ZEIT , etliche Oberbürgermeister aus dem Revier, dass der Solidarpakt mit dem Osten aufgekündigt wird: Sie wollen ihren defizitären Haushalten nicht länger immer neue Schulden aufbürden, um Geld in die neuen Bundesländer zu überweisen, wo die Infrastruktur der Städte längst besser in Schuss ist als die eigene. Zum Leidwesen der Wirtschaftsförderer hat die Debatte als unerwünschten Nebeneffekt den Eindruck erweckt, dass es an der Ruhr doch schlechter läuft, als man gern glauben machen wollte.

Duisburg eignet sich besonders für eine Inspektion, weil sich in dieser Stadt die zentralen Aspekte des Wandels sehr dicht beieinander in Augenschein nehmen lassen. Anders gesagt: In Duisburg sieht man krasse Gegensätze. Und eben daraus lässt sich ein Urteil ableiten, ob der Strukturwandel im Ruhrgebiet insgesamt gelingt. Und was jenseits einer platten Soli-Debatte zu tun wäre.

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Das Nebeneinander von Investitionsruine und neuem Schick am Innenhafen ist nur ein erstes Beispiel für eine Region im Struktur-Stress. Es gibt Extremeres, und um es zu sehen, muss man nicht weit gehen.

Nur sechs Kilometer sind es von der Innenstadt nach Rheinhausen. Zum linken Ufer des Rheins führt eine Brücke hinüber, die seit dem Winter 1987/88 berühmt ist. Die streikenden Arbeiter des Thyssen-Krupp-Stahlwerks hatten sie damals zur »Brücke der Solidarität« umgetauft und monatelang blockiert, um gegen die Schließung ihrer Hütte zu protestieren. 1992 war das Werk endgültig zu, das Gelände wurde abgeräumt, und außer ein paar verfallenden Direktorenvillen sowie einem alten Krupp-Kasino, in dem anhängliche Rentner ein preiswertes Mittagsbuffet bekommen, ist vom Stahl nichts geblieben.

Dafür kurven auf frisch angelegten Straßen Sattelschlepper durch Verkehrskreisel. Durch Schluchten von Containerbergen echot der Sound ihrer Dieselmotoren und Getriebe. Auf voluminösen Lagerhallen finden sich die Firmenlogos von allem, was im europäischen Transportgewerbe einen Namen hat. Wo das Stahlwerk stand, erstreckt sich nun Logport I. Der große Logistikknoten nimmt Warenströme von den Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen auf und verteilt sie über ganz Europa, bis weit in den Osten und hinunter nach Italien.

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