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05.03.2006

11:03 Uhr

„Sachsen-Anhalt 2020“

Martin Bullerjahn: Der traut sich was

So schonungslos hat wohl kein ostdeutscher Politiker vor ihm seinen Wählern reinen Wein eingeschenkt: Jens Bullerjahn (SPD) will in Sachsen-Anhalt Ministerpräsident werden und führt einen Wahlkampf, der weh tut.

Jens Bullerjahn (vorn) im Landtag. Hinten sein Kontrahent, Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU). Foto: dpa

Jens Bullerjahn (vorn) im Landtag. Hinten sein Kontrahent, Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU). Foto: dpa

MAGDEBURG. Der 43 Jahre alte Bullerjahn, ein gebürtiger Hallenser, wohnt in Ziegelrode im Mansfelder Land - einer Region an den Ausläufern des Harzes, in der die Probleme Sachsen-Anhalts besonders augenfällig sind: Massive Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung, Finanznot der öffentlichen Hand. Bis 1990 war Bullerjahn als Elektroingenieur beim DDR-Kupferschiefer-Bergbauunternehmen Mansfeld-Kombinat tätig; seitdem ist er Berufspolitiker und brachte es in der SPD-Fraktion im Landtag in Magdeburg bis zum Vorsitzenden.

Vor zwei Jahren veröffentlichte Bullerjahn eine ebenso nüchterne wie schmerzhafte Zukunftsperspektive für sein Land unter dem Titel "Sachsen-Anhalt 2020 - Einsichten und Perspektiven. Ein realistischer Blick auf Arbeitsmarkt, Wirtschaft, Bevölkerung und öffentliche Finanzen." Die Botschaft des Sozialdemokraten: Sachsen-Anhalt steht vor so großen Herausforderungen, dass nur harte Einschnitte die Zukunft seiner Bewohner sichern können. Bullerjahn will die Ausgaben hart zügeln, den Personalabbau der öffentlichen Verwaltungen konzentrieren, die Wirtschaftsförderung konzentrieren - sprich: reduzieren. Selbst vor dem Äußersten schreckt Bullerjahn nicht zurück: Langfristig kann er sich vorstellen, das Land mit anderen Bundesländern zu fusionieren, um Geld zu sparen.

Bis vor vier Jahren galt Bullerjahn allerdings nicht als schonungsloser Visionär, sondern vor allem als Strippenzieher von Rot-Rot: Zusammen mit PDS-Fraktionsgeschäftsführer Wulf Gallert, mit dem er bis heute befreundet ist, organisierte er die SPD-Minderheitsregierung, die sich von der PDS tolerieren ließ. Vier Jahre hielt dieses "Magdeburger Modell", dann stürzte die SPD auf 20 Prozent ab. Dass es zu einer Neuauflage des Bündnisses kommt - diesmal als reguläre Koalition - wollen CDU und Liberale den Wähler gerne glauben machen, doch Bullerjahn wehrt ab: Die Linkspartei/PDS habe auf die Probleme von morgen die Antworten von gestern.

Bullerjahn will Ministerpräsident werden, doch es spricht manches dafür, dass es diesmal dafür noch nicht reichen wird. Als wahrscheinlichste Variante wird eine große Koalition gehandelt, weil es für die regierende CDU-FDP-Koalition nicht reichen dürfte. Eine große Koalition, in der seine SPD den Juniorpartner spielen würde, wäre für Bullerjahn eine zwar lästige, aber nicht sonderlich hinderliche Zwischenstation auf dem Weg zur Macht: "Ich bin 43 Jahre alt", ließ er die "Zeit" wissen, "ich habe noch viele Wahlkämpfe vor mir".

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