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13.06.2012

09:49 Uhr

Sahra Wagenknecht

Auf der Suche nach dem Feindbild

Sahra Wagenknecht nutzt die Gunst der Stunde: Nach der Spanien-Rettung und vor der Griechen-Wahl wirbt sie im Gespräch mit Handelsblatt-Online Chefredakteur Oliver Stock für linke Alternativen. Wen kann sie überzeugen?

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ChemnitzDie Feindbilder, sie sind ihr ausgegangen. Sahra Wagenknecht soll ihre Lieblingsgegner in der Politik benennen. „Ach wissen Sie“, sagt sie, „die Zeit der Originale, wie sie ein Ludwig Erhard darstellte, ist vorüber.“

Es ist ein Abend in Chemnitz.  Die Podiumsdiskussion in der Villa Esche, einem Prachtbau aus der Gründerzeit, in dem heute die Kultur und die politische Debatte gepflegt wird, ist seit Monaten ausgebucht. Sahra Wagenknecht, die Gallionsfigur der zerstrittenen Linken, die jüngst nicht Parteichefin geworden ist, die Kommunistin mit ruhender Mitgliedschaft in der kommunistischen Plattform ihrer Partei, die streitbare Politikerin, die die Mauer mal als „notwendiges Übel“ bezeichnet hat, zieht. Sie zieht, weil sie die Smarte unter den lamentierenden Linken ist. Sie zieht aber auch die Zuschauer an, weil sie in der Krise, in die uns ein übermütig gewordener Kapitalismus getrieben hat, scheinbar Alternativen anbietet.

„Freiheit statt Kapitalismus“ heißt ihr jüngstes Buch, aus dem sie vorliest. Es ist eine Abrechnung mit einem Bankensystem, das in den vergangenen 50 Jahren, so ihre polemische Analyse, außer dem Geldautomaten keine wirklich nützliche Innovation hervorgebracht hat.  Es ist ein Plädoyer für Umverteilung von oben nach unten. Alles, was wünschenswert, aber unbezahlbar ist – Wohlstand für alle, ein Bildungssystem, das alle abholt, ein Gesundheitssektor, der nicht die Reichen besser behandelt – all das soll möglich werden, in dem die Reichen in diesem Land stärker zur finanziellen Ader gelassen werden.

Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Linkspartei, Sahra Wagenknecht. dapd

Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Linkspartei, Sahra Wagenknecht.

Die Menschen, ihre Zuhörer, sie gieren nach Alternativen. In dieser Zwischenwoche, in der sie erfahren haben, dass nun auch Spaniens Banken mit Geld aus Deutschland abgesichert werden, und bevor am Wochenende Griechenland letztlich darüber abstimmt, wie wahrscheinlich der Verbleib des Landes im Euro ist, in dieser Woche erfahren Andersdenkerinnen wie Wagenknecht besonderen Zuspruch.  Und weil ihr die Feindbilder in der Politik eben ausgegangen sind, sucht Sahra Wagenknecht sie bei den Bankern.  Bei jenen, wie sie es beschreibt, die sich vom Staat retten ließen und dann Zinsen für die Schulden verlangten, die der Staat ihretwegen machen musste.

Banken stärker regulieren

Video: Banken stärker regulieren

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Kommentare (16)

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Account gelöscht!

13.06.2012, 10:12 Uhr

Es ist ähnlich wie in der Weimarer Republik: Die ethablierten Parteien sind unfähig die Problem der Masse zu lösen. Unfähigkeit in fast jeder Hinsicht.
Davon profitieren Extreme von Links und Rechts. Nur mit dem Unterschied, das es heute nur Linksextreme und praktisch kaum nennenswerte Rechtsextreme gibt und das die Medien praktisch alle stramm links ausgerichtet sind.

Die Probleme löst das aber auch nicht. Man stelle sich vor, es würde heute wieder einen Rechtsextremisten mit dem Redetalent Hilters geben ... er würde so viele Angriffspunkte finden das mir schon bei der bloßen Vorstellung Angst und Bange wird.

Hier ist nicht das Schimpfen auf die Extremisten gefragt - die politische Klasse muß aus ihrem gestigen Tiefschlaf erwachen und bodenständige Politik machen mit denen sich die breite Masse identifizieren kann. Das würde ich mir sehr wünschen.

Account gelöscht!

13.06.2012, 10:22 Uhr

Da muss ich ihnen leider recht geben.
Und wie sagte Herr Kauder im heute im Morgenmagazin (sinngemäß): Er kann nicht verstehen, das die Menschen im Land das Kasperletheater leid sind - Politik ist halt so.
Und ich befürchte, der repräsentiert die Politikerkaste insgesamt.

Waehler

13.06.2012, 10:28 Uhr

Mein Problem ist, dass ich die Lösungen der LINKEN für falsch halte, aber gleichzeitig der Meinung bin, dass diese Partei die einzige ist, die die Ursachen der Krise richtig analysierte. Dass die soziale Marktwirtschaft - für die sich Wagenknecht in ihrem Buch einsetzt - durch Bankenkapitalismus ersetzt wurde und eine Branche, die direkt keinen Wohlstand schafft (was produziert eine Bank?) ihre Funktion als Dienstleister der Realwirtschaft ignoriert und stattdessen hohe Gewinne einfahren will, egal wie.
Dass das Absenken des Lohnniveaus und der Steuern zu mangelnder Nachfrage führt - die durch Kreditvergabe an Private und Banken wieder geschaffen wird darauf beruht der wirtschaftliche Erfolg der USA - jetzt wo die Schulden nicht mehr bedient werden können, wird Geld gedruckt).
All diese eigentlich einfachen Wahrheiten werden von mainstream Volkswirten und den "etablierten" Politikern ignoriert - und dass andere Länder ihre Schulden nicht zurückzahlen können, solange wir ihnen gegenüber (und das ist fast die ganze Welt) einen Handelsbilanzüberschuss haben - eigentlich selbstverständlich, aber wann kapiert das Herr Sinn und seine Freunde und die von ihnen beratenen Politiker?
Es ist ein Dilemma: Wem soll man vertrauen: Realitätsblinden Parteien die deshalb die -nicht erkannten - Probleme nicht lösen wollen oder einer Partei, die bei richtiger Problemanalyse zu falschen Lösungen kommt?

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