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15.11.2016

14:07 Uhr

Salafismus in Deutschland

In der Moschee radikalisiert

Syrische Flüchtlinge werden in deutschen Moscheen gezielt radikalisiert. Finanziert werden die Gotteshäuser von den Golfstaaten. Der deutsche Staat müsste eingreifen. Doch die Kontrolle der Moscheen fast unmöglich.

In vielen arabischsprachigen Gebetshäusern herrschen erzkonservative Ansichten. dpa

Gebet in einer Moschee

In vielen arabischsprachigen Gebetshäusern herrschen erzkonservative Ansichten.

KölnAls Hani S. im November vergangenen Jahres die Männer mit den langen Bärten in einer Kölner Moschee bemerkt, macht er sich Sorgen, dass er es schon wieder mit Extremisten zu tun bekommt. Der Syrer ist vor dem Bürgerkrieg in seinem Land über Ägypten nach Europa geflohen und lebt in einer Flüchtlingsunterkunft im Kölner Stadtteil Kalk. Die bärtigen Männer, auf die er in Deutschland trifft, wecken bei ihm Erinnerungen an die islamistischen Rebellen von Jaish al-Islam, die seine Heimatstadt nahe Damaskus erobert haben.

Mehrere Syrer, mit denen die Nachrichtenagentur Reuters über einen Zeitraum von zwei Monaten im Umfeld von sechs arabisch geprägten Moscheen sprechen konnte, schildern ähnliche Erfahrungen. So wurden die Neuankömmlinge für ihren Kleidungsstil und die Art ihrer Religionsausübung kritisiert und zu einer wortwörtlichen Interpretation des Korans angehalten – ein religiöser Fundamentalismus, den viele von ihnen in Deutschland nicht erwartet hätten.

Bekannte Islamisten in Deutschland

Pierre Vogel

Der Prediger und Ex-Profiboxer (38) aus dem Rheinland ist ein enger Weggefährte Sven Laus. In jüngster Zeit distanziert er sich ausdrücklich von der Terrormiliz Islamischen Staat (IS) und soll dafür sogar Morddrohungen erhalten haben. Kuriosum am Rande: Sein Vater ist Hells-Angels-Rocker.

Sven Lau

Der Ex-Feuerwehrmann aus Mönchengladbach ist eher ein Mann der leisen, emotionalen Töne. In der Szene ist er dafür zeitweise als „Weichei“ verspottet worden. Wohl zu Unrecht: Der Verfassungsschutz attestiert dem 35-Jährigen eine Radikalisierung. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Terroristen unterstützt zu haben.

Ibrahim Abou-Nagie

Der Salafist wurde 2012 bundesweit als Initiator der umstrittenen Koranverteilungsaktion „Lies!“ bekannt. Er soll mehrfach Juden und Christen beschimpft haben. Das Amtsgericht Köln verurteilte ihn wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe. Nagie hatte zu Unrecht 54.000 Euro Sozialleistungen kassiert.

Dennis Cuspert („Deso Dogg“)

Der 40-jährige Ex-Gangster-Rapper aus Berlin hat sich vor einigen Jahren in den Nahen Osten abgesetzt. Er wird als IS-Terrorist gesucht und steht auf der Terrorliste der Vereinten Nationen. Schon mehrfach wurde sein Tod kolportiert.

Bernhard Falk

Der 49-Jährige hat als Linksterrorist der Antiimperialistischen Zellen fast 13 Jahre hinter Gittern gesessen und ist zum Islam konvertiert. Falk bewundert die Taliban und distanziert sich vom Islamischen Staat. Er betreut bundesweit islamistische Gefangene – aber nur die, die schweigen und nicht mit den staatlichen Ermittlern kooperieren.

Metin Kaplan („Kalif von Köln“)

Als Anführer einer fundamentalistischen Bewegung war Kaplan 1992 in Deutschland Asyl gewährt worden. Als er 1996 zur Ermordung eines Gegenkalifen aufrief und der Mann in Berlin erschossen wurde, begannen Ermittlungen gegen den inzwischen 63-Jährigen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilte Kaplan im Jahr 2000 zu vier Jahren Haft. 2004 wurde er in die Türkei abgeschoben, wo er wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt. Er soll geplant haben, die Türkei in einen islamistischen Staat zu verwandeln.

Die meisten der vier Millionen Muslime in Deutschland stammen aus der Türkei und besuchen türkischsprachige Moscheen, die zum Teil von Ankara finanziert werden. Viele syrische Flüchtlinge verstehen allerdings die Predigten auf türkisch nicht und gehen deshalb in arabischsprachige Moscheen. Gerade in diesen Moscheen – häufig von Saudi Arabien oder den Golfstaaten finanziert – stoßen die Syrer auf eine erzkonservative wahhabitische oder salafistische Auslegung des Islam.

Sicherheitsexperte Joachim Krause: „Absolute Kontrolle ist eine Illusion“

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Sicherheitsexperte Joachim Krause glaubt nicht, dass man Flüchtlinge wie al-Bakr kontrollieren kann. Es seien zu viele – und man lebe nicht in der DDR. Zur besseren Terrorabwehr würde er aber den Datenschutz einschränken.

In einem fensterlosen Raum im Erdgeschoss versammeln sich an einem Freitag im August etwa 200 Männer zum Gebet in einer arabischen Moschee in Köln, davon etwa zwei Dutzend mit buschigen Bärten. Einer der Besucher weist drei libanesische Männer anschließend vor der Moschee zurecht, weil diese ihn beim Betreten des Gebetsraums gegrüßt hatten. „Euer Freitag ist vorbei!“ sagt er zu den Männern und gibt ihnen zu verstehen, dass ihr Verhalten ihre Gebete wertlos gemacht hat. Ein Hadith, also ein Ausspruch des Propheten verbietet die Unterbrechung einer Predigt.

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