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11.04.2012

06:38 Uhr

„Satte Gewinne“

Ökonomen befeuern Tarifkonflikt der Metallindustrie

VonDietmar Neuerer

Rückenwind für die IG Metall in der laufenden Tarifrunde: Die Gewerkschaft peilt ein hohes Lohnplus an und reizt damit die Arbeitgeber. Ökonomen reagierten dagegen euphorisch und prophezeien schon einen Konjunkturschub.

Demonstration der IG Metall. dapd

Demonstration der IG Metall.

BerlinDass sich die IG Metall in der laufenden Tarifrunde am Verhandlungsergebnis des öffentlichen Dienstes orientieren will, stößt auf Zustimmung bei Ökonomen. In der Metall- und Elektroindustrie wäre ein Abschluss wie der für die Beschäftigten von Bund und Kommunen von 6,3 Prozent „sogar enttäuschend“, sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, Handelsblatt Online, zumal der neue Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst zwei Jahre laufe, die Zuwachsraten demnach jährlich 3,7 und 2 Prozent betrügen.

Die Industriebranche lebe derzeit allerdings „außerordentlich gut von der Nachfrage aus den schnell wachsenden Schwellenländern“, betonte Fichtner. Die Unternehmen hätten in den letzten zwei Jahren „satte Gewinne eingefahren“, während die Lohnzuwächse eher bescheiden waren. Lohnsteigerungen zwischen vier und fünf Prozent wären daher aus seiner Sicht „sicherlich kein Anlass für das absehbare Lamento, man gefährde mit solchen Zuwächsen die internationale Wettbewerbsfähigkeit“. Daran ändere auch die etwas schwächere Weltkonjunktur nichts. Im Gegenteil: „Gerade in diesem Jahr täte der deutschen Wirtschaft eine etwas solidere Binnennachfrage ganz gut - und die entsteht am ehesten dann, wenn die Löhne ordentlich zulegen“, sagte Fichtner.

Auch der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, hält einen Konjunkturschub durch höhere Löhne für möglich. „Ein solcher Lohnabschluss würde die Konjunktur sogar stimulieren“, sagte Horn Handelsblatt Online. „Denn die hiermit verbundenen Einkommenszuwächse fließen direkt in den Konsum, was die Binnennachfrage  belebt. Dies ist derzeit umso wichtiger, da das europäische Konjunkturumfeld alles andere als gut ist.“ Negative Effekte sieht Horn nicht. Die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrien sei vor dem Hintergrund ihrer hohen Produktivitätszuwächse bei bislang niedrigen Lohnsteigerungen nicht gefährdet. Die wesentliche Gefahr für die deutsche Konjunktur bestehe vielmehr in der schwachen Auslandsnachfrage. „Dies ist aber auch durch binnenwirtschaftliche Lohnzurückhaltung nicht aufzufangen, sondern nur durch eine starke Binnennachfrage.“

Als "absolut verständlich" bezeichnete der Wormser Wirtschaftsprofessor Max Otte die derzeitigen Lohnforderungen, vor allem vor dem Hintergrund der massiven Subventionen, die die Finanzbranche durch die Bürger in den letzten vier Jahren erhalten habe. Auch Otte rechnet nicht mit konjunkturellen Rückschlägen, sollte es zu einem hohen Tarifabschluss in der Industrie kommen. "Über die deutsche Konjunktur wird auch nicht primär in Deutschland, sondern in den Emerging Markets entschieden, wohin viele der deutschen Investitionsgüter gehen", sagte der Ökonom Handelsblatt Online. "Eine Grenze für Lohnerhöhungen wäre da, wo die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ernsthaft gefährdet wäre. Das sehe ich aber derzeit nicht."

Auch Klaus F. Zimmermann, Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), ermuntert zu einem hohen Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie. Der Branche gehe es vergleichsweise gut, und ein „deutlicher Lohnzuwachs“ erscheine hier im Vergleich zum öffentlichen Dienst angemessen zu sein, sagte Zimmermann Handelsblatt Online. Auch müsse ein tatsächlich vereinbarter Lohnzuwachs auf Jahresbasis umgerechnet werden. „Die Forderung der IG Metall ist für sich genommen also nicht geeignet, die Konjunkturentwicklung entscheidend zu bremsen.“ Allerdings wären Lohnzuwächse von 5 Prozent für die gesamte Volkswirtschaft „durchaus gefährlich“, fügte Zimmermann hinzu. Sie sollten daher „deutlich unter 3 Prozent“ liegen.

Kommentare (3)

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Dr.NorbertLeineweber

11.04.2012, 09:59 Uhr

Wenn sich Gustav Horn, der beim DIW hinausgeflogen ist, äußert und ihm "gleichgeordnete" Ökonomen zitiert werden, wird es gefährlich. Die Äußerungen der vermeintlichcen Sachkundigen sind verheerend. Wie weltwirtschaftliche Nachfrage wird durch Nullzinsen und riesige Budgetdefizite befeuert. Ohne diese Blähungen auch der Geldmengen, wären die Produzenten überhaupt nicht in der Lage Kostenerhöhungen am Markt weiterzugebben, wie es bislang noch funktioniert hat, die Betonung liegt auf noch ! Brasilienn, China, und halb Europa ist abgekackt, mit den schlechtesten Wachtumsraten seit langem. In den USA stockt der Beschäftigungsaufschwung. Im Grunde verschleiert die weltweite Geldpolitik das Problem. Zu den gestiegenen Rohstoffkosten braucht man in der Tat Lohnerhöhungen über 3,0 Prozent um auch in Deutschland Nullwachtum zu erreichen. Die Interviewten sind verantwortungslos und haben übersehen, dass sie Protagonisten einer Kostenkriese sind. Die satten Gewinne sind ohnehin Makulatur, weil es weltweit demnächst knüppeldick kommt. Die Kostenerhöhungen werden voll in die Margen gehen und können nicht mehr überwälzt werden. Die Herren sollten sich lieber mit Fragen einer Gewinnbetreiligung der Arbeitnehmer beschäftigen, statt Lohnerhöhungen weit über dem Produktivitätsfortschritt in den Raum zu stellen. Bei Lohnerhöhungen von vier Prozent und steigender Inflation, werden auch die derzeitigen Realzinsen von Null in Deutschland der Vergangenheit angehören. Prost Mahlzeit für die Verzinsung von Realkapital und zinsreagible Investitionen. (...)

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Euros_fuer_Alle

11.04.2012, 10:59 Uhr

Warum nicht gleich Euros vom Hubschrauber aus abwerfen. Oder noch besser beim Karneval, Euros statt Konfetti!
Kostet ja nichts, ist eh nur bedrucktes Papier.
Wird den Konsum sicher auch anheizen.

Dr.NorbertLeineweber

11.04.2012, 11:54 Uhr

Halten Sie sich zurück, Frau Von der Leyen ! So titelte der Chefredakteur Oliver Sorck am 13.02. 2012 zu den Lohnforderungen der Ministerin.
Die Forderungen, die aktuell von "ökonomischer Seite" vorgetragen werden, gehen in die gleiche Richtung der Maßlosigkeit. Ein Unterschied ist jedenfalls nicht auszumachen. Den Rest kann sich der Leser zusammenreimen, wobei es eine breite Unterstützung der vorgetragenen Forderungen seitens renommierter Ökonomen wohl kaum geben dürfte.

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