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20.05.2012

23:45 Uhr

Scharfe Kritik

Die Sarrazin-Methode funktioniert erneut

„Europa braucht den Euro nicht“, heißt das neue Buch von Thilo Sarrazin. Der ehemalige Bundesbankvorstand schafft es erneut, die Politik aufzuregen. Einer der entrüsteten Kommentare: „Bullshit“.

Vor einer Lesung in Erfurt: diese Demonstration geht noch gegen Sarrazins letztes Buch „Deutschland schafft sich ab“. dpa

Vor einer Lesung in Erfurt: diese Demonstration geht noch gegen Sarrazins letztes Buch „Deutschland schafft sich ab“.

BerlinDer ehemalige Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin ist kurz vor Erscheinen seines neuen Buchs „Europa braucht den Euro nicht“ wieder in die Kritik geraten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) warf Sarrazin in der „Bild am Sonntag“ vor: „Seine Methode, so zu tun, als ob es Denk- oder Sprechverbote in Deutschland zu bestimmten Themen gibt, gegen die er dann verstößt, hat etwas sehr Kalkulierendes. Und ist dann auch noch unsinnig.“

In seinem neuen Buch, aus dem das Magazin „Focus“ zitiert, fordert Sarrazin, dass Länder, die dauerhaft gegen den Stabilitätspakt verstoßen, den Euro-Raum verlassen. Griechenland hält er für einen hoffnungslosen Fall. Und er stellt nach Angaben des Magazins einen Zusammenhang zur Nazi-Vergangenheit her.

Thilo Sarrazin: "Boah, ey, der Sarrazin!"

Thilo Sarrazin

"Boah, ey, der Sarrazin!"

Das vergangene Jahr war turbulent für Thilo Sarrazin. Nachdem genug Zeit zum Nachdenken verstrichen ist, sollten einige Kapitel noch einmal aufgeklappt werden. Bernd Ulrich und Özlem Topcu sprachen mit Thilo Sarrazin.

Die Befürworter gemeinsamer Euro-Staatsanleihen (Eurobonds) - also SPD, Grüne und Linke - seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“, zitiert „Focus“ aus dem Buch.

In der ARD-Talkshow „Günther Jauch“ und einem Streitgespräch dem früheren Bundesfinanzminister und möglichen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück am Sonntag verteidigte Sarrazin seine Thesen. Er wehre sich gegen die Tendenz, dass Deutschland jenseits des Euro auch noch die Schulden anderer Länder übernehme wegen der Schulden der Vergangenheit. Dies müsse getrennt werden.

Sarrazin verwies in der Sendung darauf, dass es Altkanzler Helmut Schmidt Ende 2011 auf einem SPD-Parteitag gewesen sei, der den Bogen geschlagen habe von der deutschen Schuld am Holocaust bis hin zur gemeinsamen Währung.

Steinbrück wies diese Darstellung zurück und warf Sarrazin vor, Schmidt falsch zitiert zu haben. Schmidt habe gesagt, wenn die Ur-Motive der europäischen Integration nicht gegenwärtig sowie die deutschen Verpflichtungen aus der Geschichte nicht präsent seien, dann fehlten die politischen Voraussetzungen zur Lösung der derzeitigen prekären Lage in Europa.

Dem stimme er voll zu, sagte Steinbrück: „Deutschland hat eine europapolitische Verantwortung.“ Daraus ergäben sich Solidaritätsverpflichtungen, um eine Erschütterungsdynamik in Europa zu verhindern. Steinbrück warf Sarrazin eine platte ökonomische Analyse vor und nannte einige Thesen „Bullshit“. Der Euro bedeute nicht nur Binnenmarkt und Währung, sondern auch europäische Zivilisation.

Unwissenschaftliche Tabubrüche: Forscher-Team zerpflückt Sarrazins Thesen

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Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ist ein Verkaufsschlager. Berliner Sozialwissenschaftler meinen, der Autor nehme es mit der Wirklichkeit nicht immer ganz genau.

Der SPD-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte: „Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen.“ Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte: „Nationalistischer Unsinn von Sarrazin passt nicht zum Bildungsauftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders.“ FDP-Generalsekretär Patrick Döring befand: „Das hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts zu suchen.“

Sarrazins neues Buch erscheint am Dienstag. Das SPD-Mitglied hatte bereits mit umstrittenen Thesen zur Integration heftige Diskussionen ausgelöst. Darin hatte er umstrittene Thesen zur Migration aufgestellt und behauptet, alle Juden teilten ein Gen. Das Buch verkaufte sich millionenfach.

Kommentare (82)

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Gast

21.05.2012, 00:15 Uhr

Das Ärgerliche ist, dass seit 20 Jahren Ökonomen auf die Konstruktionsfehler der Eurozone hinweisen, und sich ständig gegen Rechtspopulismus-Vorwürfe zur Wehr setzen mussten. Jetzt kommt dieser Maulheld, springt mit irgendwelchem Holocaust-Gequake auf den fahrenden Zug auf, und macht den großen Reibach damit. Das ist umso ärgerlicher, als er 1997 noch über die Verheißungen des Euro tönte und gar meinte, man dürfte den SWP nicht so eng auslegen. Nichtsdestoweniger werden seine Jünger jetzt wieder tönen, dass nun "endlich mal einer die Wahrheit sagt", und ihn als den großen Helden feiern. Von den Leuten, die seit 20 Jahren auf die Probleme hinweisen, haben diese Jünger natürlich in ihrem Leben noch nichts gehört. Das einzige, was dieser Trittbrettfahrer mit seinem rechtspopulistischen Gewäsch erreicht ist, dass eine sachliche Diskussion über die Probleme der Währungszone noch schwieriger wird.

Londoner

21.05.2012, 00:19 Uhr

Jedenfalls argumentierte Sarrazin ruhig und sachlich, während Steinbrück sich zu beleidigenden Äußerungen hinreißen ließ. Steinbrück reiht sich damit ein in die Riege der Politiker, die mangels sachlicher Argumente einem unbequemen Autor lieber das Wort verbieten. Es hat sich nichts geändert.

vivarium

21.05.2012, 00:19 Uhr

Ja, er zieht so viele Zuhörer in den Bann. Millionenfacher Buchverkauf ! Weshalb folgen ihm bloß so viele ? Wenn er nicht mehr auftreten dürfte, würde ihm auch keiner mehr folgen. Ist doch ganz einfach !

Oder ?

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