Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.11.2013

11:45 Uhr

Schattenwirtschaft

„Steueroase Deutschland ist Eldorado für Geldwäsche“

Deutschland ist als große, offene Volkswirtschaft anfällig für Geldwäsche. Rund 50 Milliarden Euro sollen hierzulande jährlich „gewaschen“ werden. Kritiker zählen die Bundesrepublik zu den Top Ten der Steuerparadiese.

Am Strand von Sylt: Für einige NGOs gilt auch Deutschland als Steueroase. dpa

Am Strand von Sylt: Für einige NGOs gilt auch Deutschland als Steueroase.

BerlinDeutschland ist nach Einschätzung von Nicht-Regierungsorganisationen und kirchlichen Gruppen eine weltweit führende Steueroase und ein „Eldorado für Geldwäsche“. In seinem am Donnerstag veröffentlichten „Schattenfinanzindex“ begründet das Netzwerk das schlechte Abschneiden der Bundesrepublik mit dem hohen Anteil an internationalen Geldströmen bei gleichzeitig geringer Transparenz und Lücken im Kampf gegen organisierte Kriminalität.

Dadurch landet Deutschland auf Platz 8 der Top Ten internationaler Steueroasen - noch vor klassischen Steuerparadiesen wie Jersey, den Marshall-Inseln oder den Bahamas. Die größten Schattenfinanzzentren und Steueroasen sind aus Sicht der Kritiker die Schweiz, Luxemburg und Hongkong. Wirtschaftliche Schwergewichte wie die USA und Japan landen auf Platz 6 beziehungsweise Rang 10. Auf der Negativliste stehen auch boomende Finanzzentren wie Singapur (5) und Libanon (7).

Experten gehen seit längerem davon aus, dass in Deutschland schätzungsweise 50 Milliarden Euro an schmutzigem Geld jährlich „gewaschen“ werden. Davon werde weniger als ein halbes Prozent sichergestellt. Auch die „Schattenfinanzindex“-Autoren verweisen auf Schätzungen, wonach hierzulande jährlich zwischen 29 und 57 Milliarden Euro „gewaschen“ werden. Zu den Quellen gehörten korrupte Politiker aus südlichen Ländern sowie organisierte Kriminalität.

Wie Steuersünder ihr Geld in Steueroasen verstecken

Was ist eine Steueroase?

Als Steueroasen werden Länder bezeichnet, die keine oder nur sehr niedrige Steuern auf Einkommen oder Vermögen erheben - und Anlegern Anonymität und Diskretion versprechen. Besonders für Anleger, die in ihrem Heimatland höhere Steuersätze zahlen müssten, sind Steueroasen attraktiv. Die Staaten sind oft klein und wohlhabend, werden meist von stabilen Regierungen geführt und bemühen sich häufig um Investitionen aus dem Ausland. Außerdem garantieren sie Rechtssicherheit und wahren das Bankengeheimnis.

Um welche Länder geht es konkret?

Vielfach geht es um autonome Inselstaaten, weshalb häufig von „Offshore-Leaks“ die Rede ist. In Berichten werden etwa die Britischen Jungferninseln und Kaimaninseln in der Karibik, im Südpazifik die Cookinseln und Samoa, die im Indischen Ozean gelegenen Seychellen und das zu Malaysia gehörende Eiland Labuan sowie Hongkong, Singapur und Panama genannt. Aber auch auf dem Festland, etwa in Luxemburg, soll schon Geld versteckt worden sein.

Wie funktionieren die Steuersparmodelle?

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Geschäfte ist Verschwiegenheit. Viele Steueroasen werben im Internet mit dieser Diskretion und locken so Anleger an, die ihr Kapital vor dem heimischen Fiskus verstecken wollen. Sie gründen oder kaufen für ihre Auslandsgeschäfte beispielsweise Tochterunternehmen, deren Gewinne im Niedrigsteuerland gehalten und wieder investiert werden. Oft erschweren komplexe Unternehmensgliederungen den Behörden die Ermittlungen.

Wie groß ist der Schaden?

Nach Schätzungen der Deutschen Steuergewerkschaft (DStG) umfasst das weltweite Hinterziehungsvolumen allein für deutsche Steuerhinterzieher mehrere hundert Milliarden Euro. Hiervon dürfte laut DStG ein nicht beträchtlicher Teil auf die Schweiz entfallen. Nach einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie verstecken Superreiche weltweit mindestens 21 Billionen US-Dollar (17 Billionen Euro) in Steueroasen, um dem Fiskus zu entgehen.

Sind die Aktionen legal oder illegal?

Nicht alle Methoden, die deutschen Steuerbehörden zu umgehen, sind illegal. Wer etwa seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, kann privates Einkommen in ein ausländisches Niedrigsteuerland verlagern, ohne sich strafbar zu machen. Strafbar macht sich aber, wer dem Finanzamt seine Geldanlagen in Überseegebieten verschweigt, seinen Wohnsitz aber in Deutschland hat und dort auch sein Einkommen versteuern müsste. International tätige Konzerne können ihre Gewinne durchaus legal auf die Tochterunternehmen verteilen, so dass ein möglichst geringes Steueraufkommen anfällt.

Kriminalbeamte hatten in der Vergangenheit mehrfach eine Strategie gegen Geldwäsche vermisst. Nach Kritik der Wirtschaftsorganisation OECD und der EU-Kommission hatte die Bundesregierung schärfere Vorschriften gegen Geldwäsche auf den Weg gebracht und internationalen Standards angepasst. In Deutschland sind die Bundesländer für die Kontrolle zuständig. Inzwischen müssen auch Betreiber von Glücksspielen im Internet Sorgfaltspflichten nach dem Geldwäschegesetz erfüllen.

Die deutsche Finanzwirtschaft hat in den vergangenen Jahren verstärkt mögliche Geldwäsche-Aktivitäten unter die Lupe genommen. Die Zahl entsprechender Verdachtsanzeigen hat sich zwischen 2008 und 2012 auf insgesamt mehr als 14.000 verdoppelt - wobei der mit Abstand größte Anteil auf Banken entfiel.

Auch im Bereich der Steuerpolitik gilt es aus Sicht des Netzwerkes, „den Blick nach innen zu richten“. Kritisiert werden Ausnahmen bei der Veröffentlichung von Jahresabschlüssen. Auch gebe es Defizite im Unternehmensregister. Die wahren Eigentümer privater Firmen würden oft nicht offengelegt, sagte Mit-Autor Markus Meinzer der dpa. Zudem könne man in Deutschland leichter Treuhänder beauftragen, Immobilien zu kaufen. Hierzulande fehle eine Registrierungspflicht - im Gegensatz zu anderen Ländern. Auch über Stiftungen gebe es ein hohes Verschleierungspotenzial.

Die Einführung der Abgeltungssteuer auf Kapitaleinkommen bedeutet aus Sicht von Meinzer einen Rückschritt in Sachen Transparenz. Bürgern anderer Länder werde erleichtert, Vermögen in Deutschland vor dem eigenen Fiskus zu verbergen. Außerdem trage Deutschland mit einer aggressiven Doppelbesteuerungspolitik dazu bei, Ländern des globalen Südens dringend benötigte Einkommen zu entziehen.

Von

dpa

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

GottliebSchwabe

07.11.2013, 12:05 Uhr

Wen wundert's? Dieses Land wird seit 30 Jahren von Lobbyisten regiert. Die Entwicklung des Steueraufkommens macht das offensichtlich. Während in Zeiten von Adenauer, Erhard und Schmidt vorwiegend die Vermögenden zum Steueraufkommen beitrugen, wird heute der Mittelstand geschröpft. Wäre die Bevölkerung dieses Landes nicht so tüchtig, es sähe schlecht aus. So klopfen sich die Abgeordneten für etwas auf die Schulter, für das Andere verantwortlich sind. Tatsächlich werfen sie den Tüchtigen ständig Steine und Knüppel in den Weg, sind korrupt bis ins Mark und plündern die Staatskasse und die Altersvorsorge ihrer "Untertanen".

wasfuereingedoens

07.11.2013, 12:13 Uhr

Aha, die um die kommenden Steuererhöhungen sollen schon mal gerechtfertigt werden. Geldwäsche und Steuerhinterziehung (in Deutschland) sind zudem nicht dasselbe und man hätte hier im Bericht redlicherweise unterscheiden müssen, WER dies nutzt. Bei Geldwäsche könnten das u.a. einen hohen Anteil ausserhalb Deutschlands erzielter Einkünfte betreffen. Die Abgeltungssteuer in einem Zug als schlecht zu brandmarken ist intellektueller Unfug, da wurde wohl "übersehen",dass man dies zusammen mit der Körperschaftsteuer, der Gewerbesteuer und Solidaritätszuschlag betrachten muss. Und Kirchen"steuer" auf persönlicher Ebene, soviel Zeit muss sein. Steueroase Deutschland ist eine völlig unqualifizierte und unrichtige Bemerkung. Zudem haben wir hier eine Verwaltung, die auch Steuergesetzte durchsetzt. Ist das überall in der EU der Fall? Und die Registrierungspflicht in Deutschland ist weit (hier kann niemand einfach einen Laden aufmachen) und umfassend (Handelsregister, Bundesanzeiger). Wer in den USA eine Firma gründet, ist quasi nicht auffindbar (Stichtwort Delaware). Diese unfundierte Meinungsmache ist unerträglich. Nicht umsonst hat die hiesige Bevölkerung gemessen an anderen europ. Ländern nur unterdurchschnittliches Vermögen gebildet, wie eine EU Studie jüngst belegt hat (vermutlich sind die Differenzen noch krasser). Klar, alles, weil die Bevölkerung hier im Steuereparadies lebt und man ihr das nun auch eintrichtert. Deutschland ist ja auch international bekannt als Steuerparadies, alle Hedgefonds der Welt sitzen quasi in der Ortschaft um die Ecke... wie absurd gehts denn bitte weiter? Werden die Cayman-Inseln demnächst wegen zu hoher Steuern gemieden? Also, Freunde, hört auf mit dem Quatsch, das Internet hält genügend Infos bereit, so dass man solche Berichte nicht mehr glauben darf.

Oliver42

07.11.2013, 12:27 Uhr

Sehr schön..

Von wem wird diese Studie bezahlt ?

Deutschland - eine Steueroase ????

Das wüßte ich aber. Deswegen bleiben auch Deutsche wie Boris Becker, Klaus-Michael Kühne, Karl-Heinz Kipp und Heinz-Georg Baus und wie sie alle so heißen in Deutschland und behalten ihren Wohnsitz in Deutschland.

Selten so gelacht über eine Studie, die Deutschland als Steueroase darstellt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×