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23.07.2016

12:42 Uhr

Schießerei in München

Was wir über den Schützen wissen

München steht unter Schock. Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner hat neun Menschen und anschließend sich selbst erschossen. Was wir bislang über den Schützen wissen – und was nicht.

Bluttat in München

Schütze war laut Polizei Einzeltäter

Bluttat in München: Schütze war laut Polizei 18-jähriger Einzeltäter

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Düsseldorf/MünchenDer Schütze von München war 18 Jahre alt und besaß sowohl einen deutschen als auch einen iranischen Pass. Wie Spiegel Online erfuhr, wird sein Name als David S. angegeben. Nach Polizeiangaben lebte er schon länger in der Stadt, den Behörden war er bislang allerdings nicht bekannt. Warum er das Feuer in einem Schnellrestaurant in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums eröffnete, ist noch unklar. Die Polizei geht inzwischen aber von einem klassischen Amoklauf aus.

Nach Angaben der Ermittler hatte der Täter keinen Kontakt zur Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS). „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für einen Bezug zum IS“, sagte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä am Samstag in München. Auch vor der Bluttat sei der junge Mann nicht im Zusammenhang mit politisch motivierter Kriminalität in Erscheinung getreten. Stattdessen habe die Durchsuchung des Zimmers des 18-Jährigen ergeben, dass er sich intensiv mit Amoktaten beschäftigt habe.

Zunächst hieß es, dass der Attentäter auch eine Erkrankung „aus dem depressiven Formenkreis“ gehabt haben soll. Das sei ein allerdings nur ein erster Zuruf gewesen, den die Ermittler bekommen hätten. „Aber das muss alles in Ruhe aufgeklärt werden“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch.

Am Freitagabend befürchteten die Behörden zwei weitere Täter, die beiden Verdächten stellten sich später aber als Unbeteiligte heraus. Nach den Erkenntnissen der Polizei handelte der Schütze also alleine. Es sei nicht davon auszugehen, dass es weitere Täter gegeben habe, sagte Andrä.

Amokläufe in Deutschland

10. Juli 2015: Ansbach

Ein 47-jähriger Mann erschießt bei einer fast zweistündigen Amokfahrt im fränkischen Landkreis Ansbach eine 82-jährige Frau und einen 72 Jahre alten Fahrradfahrer, danach beschießt oder bedroht er weitere Menschen, bevor er an einer Tankstelle gefasst wird. Ein Gutachter bescheinigt bei ihm eine „akute Psychose“.

28. Februar 2014: Düsseldorf/Erkrath

Der 48-jährige Koch Yanqing T. tötet in zwei Anwaltskanzleien in Düsseldorf und dem benachbarten Erkrath zwei Frauen und einen 54-jährigen Anwalt. Dann legt er in den Büroräumen Feuer und fährt zu einer Pizzeria nach Goch an der deutsch-niederländischen Grenze, um seine Ex-Chefin zu töten und deren Restaurant anzuzünden. Er wird überwältigt und sieben Monate später zu lebenslanger Haft verurteilt. Auslöser der Taten war laut Gericht ein Rachefeldzug gegen Anwälte, von denen er sich in einem Rechtsstreit mit seiner Ex-Chefin schlecht vertreten fühlte.

19. September 2010: Lörrach
17. September 2009: Ansbach

17. September 2009: Ein 18-Jähriger dringt mit Molotow-Cocktails, einem Beil und Messern bewaffnet in ein Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach ein. Dabei verletzt er 15 Schüler und Lehrer, einige davon schwer. Er wird später wegen versuchten Mordes in 47 Fällen verurteilt.

11. Mai 2009: Sankt Augustin

Ein geplanter Amoklauf einer 16-jährigen Schülerin an einem Gymnasium in Sankt Augustin wird gerade noch vereitelt. Bei der Vorbereitung der Bluttat wird die mit Molotowcocktails, einer Schreckschusswaffe und einem Kurzschwert bewaffnete Jugendliche auf der Schultoilette von einer 17-jährigen Mitschülerin überrascht. Die 16-Jährige attackiert sie mit dem Schwert und verletzt sie schwer. Die Täterin flieht, stellt sich aber später der Polizei.

1. März 2009: Winneden

Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg sterben 16 Menschen. In einer Realschule in Winnenden erschießt der 17-jährige Täter drei Lehrerinnen und neun Schüler, auf der Flucht tötet er drei Passanten, bevor er in einem Schusswechsel mit der Polizei selbst stirbt.

20. November 2006: Emsdetten

Bei einem Amoklauf eines schwer bewaffneten Ex-Schülers einer Realschule in Emsdetten im Münsterland werden insgesamt 37 Menschen verletzt, sechs davon durch Schüsse des Täters. Der 18-Jährige zündet zudem mehrere selbst gebaute Rohrbomben und Rauchkörper, bevor er sich in dem Schulgebäude mit einem Kopfschuss selbst tötet.

26. April 2002: Erfurt

Ein 19-jähriger Amokläufer erschießt 16 Menschen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Zu den Opfern zählen zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und ein Polizist. Nach der Tat tötet sich der Schütze selbst.

1. November 1999: Bad Reichenhall

Ein 16-Jähriger schießt in Bad Reichenhall aus seinem Elternhaus wahllos auf Passanten. Zwei sind sofort tot, einer stirbt später. Bevor er sich selbst tötet, bringt der Täter auch seine 18-jährige Schwester um. Er hatte die Waffen, aus denen er die tödlichen Schüsse abfeuerte, aus dem Waffenschrank seines Vaters geholt.

Der Attentäter soll sich viel mit Computer-„Ballerspielen“ beschäftigt und den Attentäter des Amoklaufs von Winnenden verherrlicht haben. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Samstag aus Sicherheitskreisen. 2009 hatte ein 17-Jähriger an seiner früheren Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst getötet. Die Ermittler gehen auch von einem Zusammenhang mit dem Attentat des Norwegers Anders Behring Breivik aus. „Diese Verbindung liegt auf der Hand“, sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä. Am Freitag war der fünfte Jahrestag von Breiviks Amoklauf.

Aus den Sicherheitskreisen hieß es weiter, der Attentäter von München soll Probleme in der Schule gehabt haben. Er sei in Deutschland groß geworden, seine Eltern seien in den 90er Jahren in die Bundesrepublik gekommen.

Der Täter hat möglicherweise einen Facebook-Account gehackt, um möglicherweise Menschen zum Tatort zu locken. Das müsse aber noch geklärt werden, es spreche aber vieles dafür, sagten die Ermittler. Ob es Opfer gab, die einen Bezug zum Täter hatten, ist ebenfalls unklar.

Die Leiche des 18-Jährigen wurde gegen 20.30 Uhr einen Kilometer von dem Einkaufszentrum entfernt gefunden. Der mutmaßliche Schütze hatte sich offenbar selbst erschossen. Es gebe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass es sich bei dem Toten um den Täter handle, teilte die Polizei am frühen Samstagmorgen mit.

Polizeipräsident Andrä erklärte weiter, dass eine Zivilstreife schon kurz nach Beginn des Angriffs Kontakt mit dem Täter hatte und dabei auch das Feuer eröffnete. Allerdings konnte der Angreifer in Richtung Einkaufszentrum gelangen und dort weitere Menschen töten, bevor er wieder aufgespürt werden konnte. Nach Erkenntnissen der Polizei benutzte der Täter eine Pistole. Der Täter habe über 300 Schuss Munition bei sich gehabt. Das sagte LKA-Präsident Robert Heimberger. Im Magazin habe sich noch Munition befunden, auch im Rucksack habe er Ladung gehabt. Die Waffe besaß er illegal.

In den frühen Morgenstunden stürmte ein Sonderkommando der Polizei das mutmaßliche Wohnhaus des Angreifers. Nähere Erkenntnisse aus den Untersuchungen sind noch nicht bekannt.

Kurz nach der Tat wurde im Internet ein Handyvideo eines Passanten verbreitet. Dieser hatte Kontakt mit einem Mann mit einer Schusswaffe, der auf dem Dach eines gegenüberliegenden Parkdeck steht. Er versucht ihn von weiteren Schüssen abzubringen, doch der Bewaffnete antwortet: „Ich bin Deutscher, ich bin hier geboren worden. Ich war in Behandlung.“ Polizeipräsident Andrä bestätigte in der Nacht auf Samstag: „Bei der Person, die auf einem im Internet kursierenden Video auf einem Parkdeck zu sehen ist, handelt es sich nach derzeitigem Erkenntnisstand um den Täter.“ Damit liefert der Wortwechsel, der auf dem Film zu hören ist, bisher auch die einzigen Anhaltspunkte für sein Motiv.

München nach der Bluttat: „Die Leichtigkeit ist dahin“

München nach der Bluttat

„Die Leichtigkeit ist dahin“

In einem Münchner Einkaufszentrum wurden am Freitag neun Menschen erschossen. Einen Tag später bemüht sich die bayerische Landeshauptstadt um Normalität. Einen ganz besonderen Moment erlebten Besucher der Frauenkirche.

Nachbarn im Mietshaus im Münchner Stadtteil Maxvorstadt beschreiben den mutmaßlichen Täter als freundlich und hilfsbereit. „Der Junge war sehr sehr nett. Ich kann nichts Schlimmes sagen“, berichtet eine Nachbarin. So habe er die Zeitungen im Haus verteilt. Der Nachbarin zufolge ist der Vater des 18-Jährigen ein aus dem Iran stammender Taxifahrer, die Mutter habe früher bei der Warenhauskette Karstadt gearbeitet. Der mutmaßliche Täter hat demnach zudem einen jüngeren Bruder.

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