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25.01.2010

10:31 Uhr

Schlecker bei Anne Will

Denn sie wissen nicht, was der Andere meint

VonKonrad Fischer

Das Thema Zeitarbeit bietet sich vortrefflich zum gepflegten Streiten an – doch Anne Will schaffte es am Sonntagabend mühelos, mit Betroffenen und Experten einen wachsweichen Meinungsaustausch zu führen. Ihre Gäste wussten viel und ließen den anderen höflich zu Wort kommen. Am Ende wünschte sich der Zuschauer nur noch, dass endlich mal wieder die Fetzen fliegen.

Stein des Anstoßes: Schlecker-Filiale. ap

Stein des Anstoßes: Schlecker-Filiale.

DÜSSELDORF. Zwei Mal sagt Anne Will an diesem Abend voller Sorge einen Satz, der ungewollt die Schwäche ihrer ganzen Talkshow offenbart: „Das sind ja jetzt noch mehr Fakten in dieser Sendung.“ Denn ihre Talkrunde wird Woche für Woche mehr vom politischen Schlagabtausch zum versammelten Rechercheprotokoll eines Magazinbeitrags. Da sitzen viele interessante Menschen, die ein Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven erklären können. Nur diskutieren, das können und wollen sie nicht. Denn sie sind nicht da, um eine Meinung zu vertreten. Sie sollen erklären, sich rechtfertigen, mit Zahlen und Fakten. Das tun sie, nicht mehr und nicht weniger.

Statt Gladiatoren in der politischen Arena versammelt sich hier immer öfter die kompetente Gästeliste eines parlamentarischen Ausschusses. Wer sie alle gehört hat, wird wohl ein gescheites Gesetz machen können – aber sich eine politische Meinung bilden, das kann er nicht.

Das Thema des Show-Ausschusses am Sonntagabend: Zeitarbeit und die Frage, ob überhaupt gerechte Bedingungen möglich sind. Für den Titel steht der jüngste Skandal Pate: „Methode Schlecker – faire Arbeitsplätze Fehlanzeige“. Der Drogeriekonzern hatte seine Mitarbeiter gekündigt und sie dann über eine unternehmensnahe Zeitarbeitsfirma wieder eingestellt, zu deutlich niedrigeren Löhnen. Andere Unternehmen machen ähnliches, die Regeln zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts werden offensichtlich missbraucht.

Da sitzen zwei, die irgendwie damit zu tun haben, dass die gesetzlichen Regelungen seit den Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung so sind, wie sie sind. Florian Gerster heißt der eine, der war mal Chef der Arbeitsagentur. Die andere ist Hertha Däubler-Gmelin, gewesene Bundesjustizministerin. Und so vergangen wie ihre bundespolitischen Verantwortungen sind, so entspannt ist ihre Diskussionshaltung.

Gerster ist jetzt Präsident des Arbeitgeberverbands Neue Brief- und Zustelldienste, Cheflobbyist der Post-Konkurrenz also. Was Däubler-Gmelin jetzt ist, wird nicht klar, aber sie scheint Zeit zu haben. Denn sie hat kräftig im Internet recherchiert, herausgefunden, dass „Schlecker kein Einzelfall ist“ und es unter den Zeitarbeitern geradezu Alltag ist unwürdige Löhne zu zahlen. Aber so ganz gegen die gesetzlichen Regelungen stellen will sie sich doch nicht, da ist ihr wohl doch noch zu gut in Erinnerung geblieben, dass sie während der Hartz-Reformen mit in der Regierung saß. Den Herrn Gerster nennt sie auch in der Sendung noch Florian.

Und während die beiden immer wieder Argumente einstreuen, ohne sie wirklich als persönliche Anliegen zu vertreten, sitzen da außer ihnen noch weitere Gäste, die vor allem belegen sollen, dass es die Phänomene, über die hier geredet wird, auch wirklich gibt. Es gibt den Chef einer Zeitarbeitsfirma, Herrn Mumme, und es gibt auch die Mitarbeiterin einer Lidl-Filiale, Frau Schramm-de Robertis, die zumindest jemanden kennt, der bei einer Zeitarbeitsfirma arbeitet. Und so wie der eine weiß, dass er Mitarbeiter hat, „die jetzt fünf- und zehnjähriges Betriebsjubiläum feiern und denen es gut gefällt“, so weiß die andere, „dass es für Zeitarbeiter kaum möglich ist, einen Kredit zu bekommen oder eine Wohnung zu mieten“.

Kommentare (4)

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Andreas Hurst

25.01.2010, 12:36 Uhr

Es wird im Zusammenhang mit der Zeitarbeit von den befürwortern (und Zeitarbeitsunternehmen selbst) immer wieder behauptet, dass Zeitarbeit insbesondere bei weniger Qualifizierten den Einstieg in ein echtes beschäftigungsverhältnis erleichtert - das soll angeblich auch für Langzeitarbeitslose gelten. Nur - das ist das Eigenartige - konkrete Zahlen gibts dazu nicht - auch nicht von der Arbeitsagentur, die ja Arbeitslose zu den Zeitarbeitsfirmen vermittelt.

A. R. SCHLECKER

25.01.2010, 13:38 Uhr

Wo die ständig wachsenden Mitbewerber Rossmann, Müller und DM vor Ort sind, kann Schlecker einpacken.
Wie in Fellbach, wo Schlecker gegenüber von DM nicht den Hauch einer Chance hatte und der Laden jetzt leersteht. Obwohl in einem Neubau und vergleichsweise hell ausgestattet.
bei DM brummt der Laden den ganzen Tag. Zu Schlecker verirrte sich alle halbe Stunde ein Kunde.

Thomas

25.01.2010, 13:51 Uhr

Zeitarbeit an sich finde ich gut. Gerade junge Menschen haben damit die Chance sich Praxis in vielen bereichen aufzubauen. Und Flexibilität führt ja, bekannterweise zum Erfolg.

Aber wenn Menschen ausgenutzt werden, keine Rechte mehr haben und man sie, wenn man sie nicht braucht, einfach aussortiert, dann ist es meines Erachtens eine Art moderner Sklaverei und Ausnutzung von Menschen die nicht von dem erarbeiteten Gehalt leben können.

´Hier sollten unserer Politker eingreifen und ihre Arbeit tun. Der Steuerzahler bezahlt sie dafür. Und zwar auch die jenigen, die in der Zeitarbeitsbranche arbeiten.

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