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21.01.2011

12:05 Uhr

Schmerzhafte Reformen

Paris kopiert Berliner Modell

VonHolger Alich

Frankreich verliert an Wettbewerbsfähigkeit und will gegensteuern: Bis Ende Mai soll die "nationale Industriekonferenz" Vorschläge zur Senkung der Arbeitskosten machen. Wie Frankreichs Regierung das deutsche Vorbild nutzt, um der eigenen Bevölkerung die Notwendigkeit neuer, schmerzhafter Reformen vor Augen zu führen.

Frankreichs Industrieminister Eric Besson will die Arbeitskosten senken. dpa

Frankreichs Industrieminister Eric Besson will die Arbeitskosten senken.

PARIS. Dazu stellte Industrieminister Eric Besson gestern eine Studie des arbeitgebernahen Instituts Coe-Rexecode vor, in der die Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit untersucht werden. "Seit dem Jahr 2000 fällt Frankreich zurück", sagte Institutschef Michel Didier. Von 2000 bis 2010 "ist der Unterschied bei den Lohnstückkosten auf 15 Prozent angewachsen."

Zwar gebe es auch kulturelle Unterschiede, die einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bewirkt hätten, etwa der Dialog zwischen den Tarifparteien in Deutschland oder die bessere Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen. Der Anstieg der Arbeitskosten sei aber der schwerwiegendste Grund: "Während Deutschland nach der Wiedervereinigung im Zuge der Standortdebatte schmerzhafte Reformen durchführte, führte Frankreich die 35-Stunden-Woche ein", sagte Didier.

Industrieminister Besson teilt zwar die Analyse von Rexecode, verkniff sich aber, konkrete Ankündigungen zu machen. Bis Ende Mai soll nun die "nationale Industriekonferenz", in der die Sozialpartner vertreten sind, Vorschläge zur Senkung der Arbeitskosten machen. Die Zeiten, in denen Frankreichs Regierende Deutschland eine "unkooperative Wirtschaftspolitik" mit Lohnzurückhaltung und Sozialreformen vorwarfen, sind vorbei. So hoch wie jetzt stand das deutsche Modell in der Pariser Gunst noch nie.

Arbeitskosten sind zu hoch

Dahinter steckt zweierlei: Frankreich will absolut nicht in einen Topf mit Problemstaaten wie Spanien oder Portugal geworfen werden und richtet sich daher öffentlichkeitswirksam am deutschen Reformmodell aus. Und angesichts der guten Wachstumsdaten in Deutschland hofft die Regierung, dass die Anlehnung an die Wirtschaftspolitik des Nachbarn auch von den Wählern akzeptiert wird. Denn Deutschland dürfte in diesem Jahr mit 2,3 Prozent wachsen, Frankreich bestenfalls mit 1,5 Prozent.

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