Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.11.2012

14:16 Uhr

Schuldenrückkauf

Griechenland-Retter gehen volles Risiko

VonDietmar Neuerer

Läuft alles so, wie es sich die Euro-Retter ausmalen, sollte bald Ruhe einkehren an der Griechenland-Front. Doch die Aussichten dafür sind mäßig. Ein Kernelement des neuen Hilfsprogramms ist zugleich das größte Risiko.

Griechische Fahnen in Athen am Panathinaiko Stadion vor der Akropolis. dapd

Griechische Fahnen in Athen am Panathinaiko Stadion vor der Akropolis.

BerlinNoch ist der nächste Akt der Griechenland-Tragödie nicht zu Ende gespielt. Diverse Unsicherheiten belasten schon jetzt den politischen Abstimmungsprozess über die jüngsten Beschlüsse der Euro-Retter. Und es ist auch nicht sicher, ob danach alles gut wird. Das gibt auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu. "Man weiß nie, ob sich das alles exakt so verhält", sagte er am Dienstag ein paar Stunden nachdem er bis spät in die Nacht hinein mit seinen Kollegen in Brüssel ein neues Finanzkonzept für das Land gezimmert hat. Auf die Frage, ob denn nun endgültig alles klar sei, antwortet er: "Mit endgültig ist es bei dem, was wir vor uns haben, so eine Sache." Selbst bei Eingeweihten bleiben viele Fragezeichen.

Seit nunmehr fast drei Jahren kämpfen die Euro-Länder und ihre führenden Politiker darum, wieder festen finanziellen Boden unter das dramatisch überschuldete Griechenland zu ziehen. Der durchschlagende Erfolg ist bislang ausgeblieben, trotz zweier Hilfspakete mit jeweils über 100 Milliarden Euro Volumen, trotz eines Milliarden-Forderungsverzichts der privaten Investoren. Auch ob das neueste Konzept trägt, ist selbst nach Einschätzung der Autoren durch viele Unwägbarkeiten und Unsicherheiten geprägt. Was bleibt ist - wie gehabt - vor allem eines: die Hoffnung.

So könnte Griechenland geholfen werden

Anleihenrückkauf

Ein 40 Milliarden Euro umfassendes Programm zum Rückkauf griechischer Staatsanleihen wird seit 2011 diskutiert. Dabei könnte Athen Geld des Euro-Rettungsschirms nutzen, damit es seine Anleihen zum Marktpreis von privaten Gläubigern zurückkauft, um somit die Schuldenlast zu verringern. Denn die Kurse für griechische Staatsanleihen liegen weit unter ihrem Nennwert. Derzeit sind die Anleihen nur rund ein Drittel ihres Ausgabepreises wert.

Zinssenkungen

Die Geberländer könnten die Zinsen auf ihre bilateralen Kredite von etwa 53 Milliarden Euro reduzieren, was zu jährlichen Erleichterungen von 500 Millionen Euro für Athen führen könnte. Deutschland hat bisher kräftig an den Krediten verdient und kann sich besonders günstig Geld leihen. Unter anderem Italien und Spanien würde dies viel kosten, da sie sich zu höheren Zinsen Geld leihen müssen.

Mehr Zeit für Schuldenabbau

Auch eine Streckung der Zahlungsziele ist im Gespräch. Die Laufzeit für Hilfskredite könnte also verlängert werden.

EZB-Hilfe

Die Notenbank hat Staatsanleihen Athens zu sehr niedrigen Kursen erworben. Einen Teil ihrer Gewinne könnten die Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Notenbanken Athen überlassen.

Schuldenschnitt

Noch nicht auf der Vorschlagliste, aber stets in der Diskussion: Ein zweiter Schuldenschnitt nach dem ersten vom Frühjahr, in dem private Gläubiger wie Banken auf 100 Milliarden Euro verzichteten, wird diskutiert und vor allem vom Internationalen Währungsfonds (IWF) favorisiert. Auch wegen des Widerstands Deutschlands wird dieser Schritt erst einmal aufgeschoben. Rund zwei Drittel der griechischen Schulden von etwa 340 Milliarden Euro liegen bei öffentlichen Geldgebern. Erstmals würde Steuerzahlergeld verloren sein. Es müssten sich auch Euro-Krisenländer beteiligen, die selbst wackeln.

Der gravierendste Unsicherheitsfaktor ist dummerweise auch der zentrale Baustein des vereinbarten neuen Konzepts: das Schuldenrückkaufprogramm, mit dem Griechenland selbst seinen Schuldenberg massiv abtragen und seine laufenden Tilgungs- und Zinszahlungen deutlich senken soll. Es zielt auf Staatsanleihen im Volumen von gut 60 Milliarden Euro ab - gehalten von griechischen Banken, Pensionsfonds und anderen Institutionen des Landes und von privaten Gläubigern wie Hedgefonds. Ob diese auf das Angebot anspringen, zu womöglich nur einem Drittel des ursprünglichen Wertes Anleihen an den griechischen Staat zu verkaufen, steht in den Sternen. Das räumen auch Schäubles Leute ein. Am 13. Dezember, wenn diese Aktion gelaufen sein soll, wird man Genaueres wissen.

Gastbeitrag: „Euro-Rettung bindet Deutschland an einen Leichnam“

Gastbeitrag

„Euro-Rettung bindet Deutschland an einen Leichnam“

Wer profitiert eigentlich vom Erhalt des Euro? Die Rettungspolitik hilft deutschen Exporteuren bei Geschäften mit Krisenstaaten - zu Lasten der Steuerzahler. Besser wäre es, den Euro sterben zu lassen. Ein Gastkommentar

Immerhin: Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) befürwortet den Rückkauf von griechischen Staatsanleihen am freien Markt. „Ein freiwilliger Rückkauf ist wohl die beste aller Optionen, da gegen keine Gesetze oder Regeln des Marktes verstoßen wird“, sagte SdK-Vorstandsmitglied Daniel Bauer Handelsblatt Online. „Ein Schuldenschnitt auch der öffentlichen Institutionen sollte nur dann erwogen werden, wenn trotz Zinsverzicht und Schuldenrückkauf sich die Situation nicht verbessern sollte“, fügte er hinzu. „Aber anhand von langfristigen Planszenarien bis ins Jahr 2022 hinein heute schon einen Schuldenschnitt für unausweichlich zu erklären, ist hochspekulativ.“   

Die Maßnahmen des griechischen Sparpakets

Renten

Die Rentner müssen mit Kürzungen um fast 4,8 Milliarden Euro rechnen. Alle Renten von 1000 Euro aufwärts werden um fünf bis 15 Prozent gesenkt. Das Weihnachtsgeld für Rentner wird abgeschafft; es war bereits von einer Monatsrente auf 400 Euro gekürzt worden. Die Gewerkschaften rechneten aus, dass damit die Rentner im Durchschnitt 2000 Euro im Jahr verlieren werden.

Arbeitnehmer

Die Abfindungen für entlassene Arbeitnehmer werden drastisch gesenkt. Arbeitgeber dürfen Verträge mit jedem einzelnen Arbeitnehmer schließen. Damit werden praktisch Tarifverhandlungen umgangen.

Staatsbedienstete

Auch den Staatsbediensteten werden die jeweils verbliebenen 400 Euro vom Weihnachtsgeld sowie vom Urlaubsgeld gestrichen. Viele Löhne und Gehälter sollen um sechs bis 20 Prozent verringert werden. Bis Ende 2012 sollen 2000 Staatsbedienstete in die Frühpensionierung gehen oder entlassen werden. Bis zum Eintritt des Rentenalters erhalten sie dann 60 Prozent ihres letzten Gehalts.

Gesundheitswesen

Im Gesundheitswesen sollen 1,5 Milliarden Euro eingespart werden. Unter anderem sollen die Versicherten sich mit höheren Eigenbeiträgen beim Kauf von Medikamenten beteiligen. Zahlreiche Krankenhäuser sollen schließen. Andere sollen sich zusammenschließen.

Gehaltskürzungen

Die Gehälter der Angestellten der öffentlich-rechtlichen Betriebe, wie beispielsweise der Elektrizitätsgesellschaft (DEI), sollen denen der Staatsbediensteten angeglichen werden. Dies bedeutet für die Betroffenen nach Berechnungen der Gewerkschaften bis zu 30 Prozent weniger Geld.

Kindergeld

Familien, die mehr als 18 000 Euro im Jahr verdienen, haben keinen Anspruch auf Kindergeld mehr.

Rentenalter

Das Rentenalter wird für alle von 65 Jahre auf 67 Jahre angehoben.

Kommentare (12)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

R.Ruf

28.11.2012, 14:52 Uhr

Falls die Rückkaufaktion nicht gelingen sollte, muss über andere Instrumente nachgedacht werden, so Schäuble. Aber wohl nicht über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, wie es z.B. der Steuerzahlerbund fordert, da Merkel eine politische Grundsatzentscheidung getroffen hat, GR muss auf "jeden Fall" und unter allen Umständen in der Währungszone verbleiben. Und darauf haben sich die diversen Anleihehalter, die spekulativ unterwegs sind wohl auch eingestellt und verlassen.
Diese Festlegung Merkels wurde diktiert von einem politischen Unverstand, über den man sich nur wundern kann.

Ludwig500

28.11.2012, 17:27 Uhr

Es lässt sich jetzt schon absehen, dass eine Stufe 2 folgen wird, wenn für max. 35% zu wenige verkaufen. Dann wird mehr nachgelegt, vielleicht 40%. Und dann kommt Stufe III.

Man darf davon ausgehen, dass Zocker das tun werden, was sie am besten können. Zocken.

Account gelöscht!

28.11.2012, 17:28 Uhr

R.Ruf
Sie können doch auch von Merkel keine polit. Kenntnisse verlangen, zumindest keinen die mit Demokratie und Volkdwohl einhergehen.
Diese Frau ist verhaftet in DDR-Staatspolitik, daher ja auch ihre ständige bestimmende Art und und Weise.
Diese FDJ-Trulla wird einen Scherbenhauen hinterlassen, den wir mehr als 20 Jahre werden aufräumen müssen

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×