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15.07.2011

14:48 Uhr

Schuldenschnitt

Ökonomen trommeln für radikale Griechen-Lösung

VonDietmar Neuerer, Ralf Drescher

ExklusivDie Politik tritt bei der Griechenland-Frage auf der Stelle. Dabei ist es aus Sicht vieler namhafter Ökonomen höchste Zeit, endlich zu einer Lösung der Schuldenkrise zu kommen. Und sie skizzieren, wie sie aussehen kann.

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Quelle: Katrin Denkewitz für Handelsblatt

Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro.

DüsseldorfMan muss nur das Verhalten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Euro-Schuldenkrise beobachten, um zu sehen, woran es hapert, wenn es darum geht insbesondere die Probleme Griechenlands adäquat in den Griff zu bekommen. Die Politik diskutiert alle möglichen Varianten, findet aber keinen gemeinsamen Nenner. Merkel geht sogar noch weiter. Ihren Sprecher Steffen Seibert lässt sie mitteilen, dass sie derzeit keine Lösungsvorschläge für die Euro-Krise sehe, die einen EU-Sondergipfel rechtfertigen würden. Ein Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs solle nur dann stattfinden, wenn es Ergebnisse bringen könnte, sagte der Sprecher am Freitag in Berlin. „Es gibt noch keinen Termin.“ Entscheidend sei, dass die Beteiligten mit Sinn für den Ernst der Situation nun ein neues Hilfspaket für Griechenland vorbereiteten.

Ursprünglich war ein Krisentreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs bereits für heute erwogen worden; danach wurde über andere Termine am Wochenende oder kommende Woche spekuliert.

Das Finanzministerium betonte, dass eine Arbeitsgruppe derzeit über Lösungsansätze für die griechische Schuldenkrise berate. Vereinbart sei eine zügige Beratung. Doch gebe es keinen festen Termin für die Vorlage von Ergebnissen, sagte ein Ministeriumssprecher. Diese gebe es „dann, wenn sie fertig sind“.

Das Lavieren der Politik stößt mehr und mehr auf Unverständnis bei Experten. So dringen inzwischen zahlreiche führende Ökonomen in Deutschland, wie etwa die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro im Interview mit dem Handelsblatt, für eine Umschuldung Griechenlands. Während die Ökonomin ein Tauschangebot des europäischen Rettungsschirms EFSF an die privaten Gläubiger präferiert, plädieren andere Experten für deutlich radikalere Lösungen. „Griechenland ist pleite und wird um einen Schuldenschnitt nicht herumkommen“, sagte der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, Handelsblatt Online. Die von der Politik favorisierte „sanfte“ Lösung werde nicht ausreichen. Wolle man private Gläubiger angemessen an den Kosten beteiligen, sei ein „schneller und umfangreicher“ Haircut erforderlich.

“Dass hierdurch private Investoren Verluste hinnehmen müssen, steht dem nicht entgegen und wird in Zukunft ein gewünscht vorsichtigeres Investitionsverhalten mit sich bringen“, sagte Fichtner. Möglich sei auch, dass einzelne Banken so geschädigt würden, dass zur Verhinderung von Dominoeffekten staatliche Gelder zugeschossen werden müssen. „Aber selbst dann ist es billiger, einzelne systemrelevante Banken zu retten als die griechische Regierung dauerhaft vor Zahlungsunfähigkeit zu schützen“, betonte der DIW-Experte.

Ähnlich äußerte sich der Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Roland Döhrn. Es sei ein Fehler gewesen, dass die Politik eine Umschuldung Griechenland lange kategorisch ausgeschlossen hat, sagte Döhrn Handelsblatt Online. Wie eine solche Entschuldung konkret aussehen kann, müsse man sehen. „Bezüglich der Gestaltung des Schuldenschnitts habe ich keine klaren Präferenzen“, sagte er. „Da muss man die Folgewirkungen der verschiedenen Varianten zum Beispiel für die Eigenkapitalausstattung der Banken durchspielen.“

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Kommentare (22)

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Account gelöscht!

15.07.2011, 14:24 Uhr

Wir sind kurz vor Weimar II. Es geht schon lange nicht mehr um Griechenland. Die Umschuldungsmodalitäten sind mittlerweile egal für den Finanzmarkt. Unausweichlich wird die weitere Verschärfung der Ratings gegenüber Italien und Spanien kommen. Und dieses Problem ist nicht mehr zu schultern, zumal auch die EZB durch verdeckte Anleihenkäufe defakto pleite ist. Wir bracueh Plan B, die noch geordnete Abwicklung des Euros. Alles andere endet im Chaos und einer historischen Abwertung unserer Nochwährung.

Account gelöscht!

15.07.2011, 14:26 Uhr

Wen es interessiert, wie es in Brüssel tatsächlich aussieht:Der britische Abgeordnete Nigel Farages

http://www.youtube.com/watch?v=w-ebnGNk8kE&feature=player_embedded

husky1501

15.07.2011, 14:43 Uhr

Lamentieren allein hilft nicht! Mitzeichnen! Weitersagen!

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123

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