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19.01.2011

18:06 Uhr

Schulschiff Gorch Fock

Meuterei nach tödlichem Unfall

VonGero Brandenburg

Der tödliche Unfall einer Offiziersanwärterin auf dem Segelschulschiff Gorch Fock im November 2010 hat offenbar zu einer Meuterei geführt: Einige Kadetten widersetzten sich den Anordnungen der Offiziere. Die Ausbilder sollen Soldaten zum Aufentern in die Takelage genötigt haben. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, spricht von "systematischem Druck auf die Offiziersanwärter" und fordert eine rasche Überprüfung.

Offiziersanwärter an Bord der Gorch Fock DAPD

Offiziersanwärter an Bord der Gorch Fock

DÜSSELDORF. Die 25-jährige Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele war am 7. November 2010 im brasilianischen Hafen Salvador de Bahia beim Aufentern vom Mast gestürzt und hatte sich schwer verletzt. Einige Stunden später verstarb die Frau. Es war der sechste Todesfall in der Geschichte des Schiffes, das 1958 in den Dienst gestellt worden war. Wie der Wehrbeauftragte der Bundestages, Hellmut Königshaus, in einem Brief an den Verteidigungsausschuss berichtet, "wollten unmittelbar nach dem schmerzhaften Verlust der Kameradin viele nicht mehr aufentern, andere wollten nicht mit der Gorch Fock weiterfahren. Auch sei eine Diskussion mit den Vorgesetzten entbrannt, inwiefern der Unfalltod auf dem Ausbildungsschiff mit dem Tod eines im Einsatz gefallenen Soldaten vergleichbar sei".

In Königshaus' Brief, der nach zahlreichen Gesprächen mit beteiligten Soldaten entstand, heißt es weiter: "Später sei diesen beiden (Kadetten) und zwei weiteren Offizieranwärtern seitens des Kommandanten und des ersten Offiziers mangelhafte Zusammenarbeit mit der Schiffsführung unterstellt worden. Alle vier sollten wegen Meuterei und Aufhetzens der Offizieranwärtercrew noch vor dem Auslaufen der Gorch Fock von der Ausbildung abgelöst und nach Deutschland geflogen werden." Erst als auf Anordnung von oben Tage später der komplette Lehrgang abgebrochen wurde, sei der Befehl der Schiffsführung aufgehoben worden. Das Schiff war nach dem Unfall nach Hause zurückgekehrt.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, zeigte sich im Gespräch mit Handelsblatt Online bestürzt über die Vorgänge auf dem Schiff und sprach von einem "tiefgreifenden Konflikt" an Bord und "Problemen der inneren Führung". Es sei offenbar "systematisch und überproportional Druck auf die Offiziersanwärter" ausgeübt worden. Kein Kadett, so Arnold, müsse in die Masten klettern. "Wer nicht will, muss dort nicht hoch. Das ist freiwillig."

Königshaus hatte in seinem Brief - über den zuerst die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet hatte - allerdings festgehalten, dass die Ausbilder den Offiziersanwärtern das Aufentern befohlen hätten. Ihnen sei gedroht worden, dann nicht mehr Offizier werden zu können. Auch seien Sätze gefallen wie: "Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause", oder: "Geben Sie Gas, stellen Sie sich nicht so an". In einem Fall sei ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst dazu gebracht worden, auf den höchsten Mast aufzuentern, obwohl er eigentlich nicht wollte. Das Aufentern erfolgt ohne Absicherung, erst in der Takelage angelangt können sich die Soldaten mit Karabinerhaken sichern.

Eigener Aussage zufolge hat sich Arnold bereits vor Wochen um Aufklärung bemüht, als ihm Informationen über die Vorkommnisse an Bord zu Ohren kamen. Von Seiten der Regierung habe er aber gehört, dass "an den Gerüchten nichts dran" sei. Arnold fordert die Regierung nun zu einer "genauen Überprüfung" auf. Vor allem müsse die Stammbesatzung der Gorch Fock eingehend zu den Geschehnissen befragt werden. Das Problem: Das Schiff befindet sich derzeit mit einem neuen Ausbildungslehrgang im Pazifik.

Entsetzt zeigt sich auch die FDP-Wehrexpertin Elke Hoff über die Berichte einer Meuterei. Der "Neuen Westfälischen" sagte Elke Hoff: "Die durch den Wehrbeauftragten geschilderten Ermittlungsergebnisse zu den Vorgängen auf der Gorch Fock sind untragbar. Der an die Offiziersanwärter gerichtete Vorwurf der Meuterei nach dem tödlichen Sturz einer jungen Frau lässt für mich das notwendige und unerlässliche Fingerspitzengefühl im Umgang mit den jungen Soldatinnen und Soldaten vermissen."

(mit dapd-Material)

Kommentare (4)

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Bolle

19.01.2011, 19:36 Uhr

Naja... das ist so als würde ein Koch sagen er kann kein rohes Fleisch sehen.

Also wenn ich mich schon dazu entschließe dort hin zu gehen, dann sollte ich mir auch im Klarem darüber sein was auf mich zu kommt.
Was wäre wenn alle an bord verweigern würden? Wie soll dann das Schiff dann überhaupt fahren können?

Ein Medizinstudent weiß auch, dass er irgendwann eine Spritze setzen muß! Also sollte er auch Nadeln sehen können ohne dabei in Ohnmacht zu fallen.

Sicherlich hat das Drohen der Ausbilder dadurch keine begründung... auch nicht der übermäßige Druck der auf die Anwärter ausgeübt wurde. Aber Anwärter bleibt Anwärter und hat dann auch in den Mast zu gehen!

Welt der Wunder

19.01.2011, 20:43 Uhr

Mein Arbeitgeber nötigt mich auch zur Arbeit!

Jetzt kommt eben die Rechtschutzversicherungsgeneration und Weicheier ins berufsleben.

Wenn wir früher als junge Kerls uns gekloppt und gerauft haben, mit Lehrern Zoff hatten oder das erste mal auf dem Dorffest gesoffen haben, brauchten wir keine Eltern mit Rechtsschutz, Polizei und Anwälten. Wir bekamen immer alles selbst geregelt und wurden einig. Auf die schiefe bahn sind wir übrigens alle auch nicht gekommen :-)

Aber für alle Rechtsverdreher! : Meuterei ist eine Straftat die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren geahndet werden kann.

Früher war das übrigens auch einfacher, die Meuterer wurden sofort gekielt. ( Mit einem Strick um den bauch, von bug bis Achtern unter dem Kiel durchgezogen.)

Früher war alles einfacher und unkomplizierter, man hatte Zeit für die wesentliche Dinge des Lebens.

Ahoi

Gung Bong

19.01.2011, 22:02 Uhr

Deutschland, die insel der Glückseligen, Schuld sind immer die anderen. Eine Vertrag mit der Armee -Entschuldigung hier heißt es ja nur bundeswehr - bedeudet töten und getötet werden, zumindest wenn man zwischen den Zeilen lesen kann. Junge Menschen mit Vollkaskoversorgung aufgewachsen sehen bundeswehr als Abenteuerspielplatz aus der Sicht eines zahlenden Kinobesuchers, bzw. sitzen bei der ARD in der ersten Reihe. Wir sind alle mehr oder weniger medienverseucht und haben den Kontakt zur Realität verloren, was offensichtlich auch auf unsere Politikerkaste zutrifft.

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