Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.02.2017

10:01 Uhr

Schulz gegen Merkel

SPD bleibt jenseits der 30 Prozent

Die SPD feiert Kanzlerkandidat Schulz als Konjunkturprogramm – mit ihm ging es auch bei der jüngsten Forsa-Umfragen über 30 Prozentpunkte hoch. Der SPD hilft das Lager der Unentschlossenen oder potenziellen Nichtwähler.

Der SPD-Kanzlerkandidat bringt seiner Partei die besten Umfragewerte seit Jahren. dpa

Martin Schulz

Der SPD-Kanzlerkandidat bringt seiner Partei die besten Umfragewerte seit Jahren.

BerlinDer rasante Aufschwung der SPD in Umfragen überrascht selbst langjährige Wahlkampfmanager, die durch alle Höhen und Tiefen gegangen sind. „So heftig, wie das in den letzten Tagen abgelaufen ist, habe ich das noch nicht gesehen“, sagt Kajo Wasserhövel. Der 54-Jährige war viele Jahre rechte Hand des einstigen SPD-Chefs Franz Müntefering und leitete die Bundestagswahlkämpfe 2005 und 2009. Er fühlt sich an die Schlussphase des Wahljahres 2005 erinnert, als Kanzler Gerhard Schröder die Wahl gegen seine Herausforderin Angela Merkel auf den letzten Metern fast noch für sich entschied. „Damals kam in eine über längere Zeit betonierte Stimmungslage Bewegung“, sagt Wasserhövel. Das sei nun ähnlich. Von einem Strohfeuer geht er nach eigenen Worten nicht aus: „Das ist schon eine fundamentale Veränderung der Stimmungslage.“

In den zwei Wochen seit der Festlegung auf Martin Schulz als Kanzlerkandidat schießt die SPD in einer Umfrage nach der anderen nach oben. Das Insa-Institut meldete am Montag, die SPD habe mit 31 Prozent CDU und CSU überrundet. Generalsekretärin Katarina Barley findet das „total klasse“. Im Gespräch mit Twitter-Nutzern sagt sie: „Das ist auch auf Martin Schulz zurückzuführen, aber nicht nur.“

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa zieht am Mittwoch nach: Im „Stern“-RTL-Wahltrend steigt die SPD ebenfalls auf 31 Prozent. Damit überspringe die Partei zum ersten Mal seit Oktober 2012 die 30-Prozentmarke. Um zehn Prozentpunkte sind die Sozialdemokraten bei Forsa in nur zwei Wochen nach oben geschnellt. Die Sozialdemokraten könnten demnach – wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre – den Rückstand auf CDU/CSU auf drei Punkte verkürzen. Die Union liegt jetzt nach der Forsa-Umfrage bei 34 Prozent. Das ist ein Punkt weniger als in der Vorwoche.

Forsa-Chef Manfred Güllner ist überzeugt, dass der Höhenflug vor allem dem Verzicht Sigmar Gabriels auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz geschuldet ist. „Das Wichtigste ist, dass Gabriel nicht mehr da ist“, sagte Güllner zu Reuters. „Gabriel hat nichts mehr in Richtung Zuversicht vermitteln können. Das ist eher ein Gabriel-Freude-Effekt als ein Schulz-Effekt.“ Ex-Wahlkampfmanager Wasserhövel drückt es zurückhaltender aus: „Es hat Potenzial gegeben, das sich in andere Richtungen bewegt hat, solange die Führungsfrage nicht überzeugend entschieden war.“

Der Meinungsforscher und der Wahlstratege sind sich auch einig, dass die SPD im Bund mit 20 bis 22 Prozent in Umfragen unterbewertet gewesen sei. „Ein Teil dieses Aufwuchses ist daher auch eine Art Normalisierung“, sagt Wasserhövel. Zudem könne die Person Schulz punkten: „Er kommt an, überzeugt und gewinnt Vertrauen.“ Darüber hinaus gebe es offensichtlich ein größeres Potenzial von Wählern, die Veränderung wollten. „Inwieweit da auch schon Merkel-Verdruss mitschwingt, weiß ich nicht. Aber mit Merkel werden keine starken positiven Erwartungen nach vorne verbunden.“

Kommentare (40)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vinci Queri

08.02.2017, 10:40 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Account gelöscht!

08.02.2017, 10:41 Uhr

Das Lager der Untenschlossen und potenziellen Nichtwähler sind also der Grund für die guten Umfragewerte der Schulz SPD.

1. Wer wirklcih untentschlossen ist, der wird sich bis zum Wahltag Zeit lassen, bevor er überhaupt eine Entscheidung trifft.
2. Wer ein potenzieller Nichtwähler ist, der lässt sich erst recht Zeit bis zum Wahltag, wenn er denn überhaupt zur Wahl geht.

Der Schulz soll von seinen Spindoctoren als der Überflieger schlecht hingestellt werden. Das nimmt ein Vernunft und Verstand Mensch und das werden unter den Deutschen Wählern immer mehr, keiner mehr ab.
Danke!

Herr Vinci Queri

08.02.2017, 10:44 Uhr

>> Nicht zu unterschätzen ist der Wert der Umfragen für die Motivation der Wahlkämpfer. „Da wird sehr, sehr viel Kraft gerade frei. Das hat ein ganz eigenes Momentum“, ahnt der langjährige Wahlkampfleiter Wasserhövel. „Bei der SPD ging immer die Furcht um: Wie schlimm kann es werden? Jetzt ist die Diskussion eher: Da ist richtig was drin.“ >>

Da ist die Lösung dieser Pseudoumfragen. In der SPD werden Kräfte frei........d.h. man hat die Umfragen bei SPD-Anhängern gemacht. Und da nur 30 %..................? Das heisst, bei dem Wähler sind 10 % für diese Gammelpartei noch eine OPTIMISTISCHE ERWARTUNG !

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×