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07.01.2010

17:34 Uhr

Schweinegrippe

Hersteller akzeptiert offenbar Abbestellung

VonSiegfried Hofmann, Holger Alich

Impfstoffhersteller Glaxo-Smithkline akzeptiert offenbar die Stornierung von Millionen Schweinegrippe-Impfstoffdosen. Es habe „Signale der Kulanz“ gegeben, sagte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz nach den Gesprächen. Auch zahlreiche andere Länder wollen Impfstoff abbestellen. Der unverhoffte Boom im Geschäft mit Impfstoffen erweist sich damit für die Pharmabranche zusehends als trügerische Erscheinung.

Gesundheitsminsterin Ross-Luttmann: Signale der Kulanz erhalten. dpa

Gesundheitsminsterin Ross-Luttmann: Signale der Kulanz erhalten.

HB FRANKFURT/PARIS. Während vor wenigen Wochen noch allenthalben Sorge herrschte, die Hersteller könnten gar nicht genug Impfstoff produzieren, versucht eine ganze Reihe von Abnehmerstaaten inzwischen, ihre Bestellungen wieder zu reduzieren. Vertreter der deutschen Bundesländer führten dazu am Donnerstag erste Gespräche mit der britischen Glaxo-Smithkline (GSK) mit dem Ziel, die ursprüngliche Bestellung von 50 Mio. Dosen um die Hälfte zu kürzen. Man habe dabei von GSK Signale der Kulanz erhalten, "einen größeren Teil der überschüssigen Impfstofflieferungen zu stornieren", teilte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern, die niedersächsische Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann, im Anschluss mit.

Überraschende Wende im Grippegeschäft

Ähnliche Verhandlungen laufen derzeit unter anderem auch in Frankreich, Spanien, Irland und den Niederlanden. Die Umsätze mit den Grippeimpfstoffen dürften damit niedriger ausfallen als ursprünglich erwartet. Noch im Oktober waren Analysten davon ausgegangen, dass die Pandemie-Vorsorge den führenden Impfstoffherstellern ein Zusatzgeschäft von umgerechnet mehr als vier Mrd. Euro bescheren könnte. Als Haupt-Nutznießer galt dabei die britische GSK, die nach eigenen Angaben bis Oktober Bestellungen für mehr als 400 Mio. Impfdosen im Wert von schätzungsweise 2,5 Mrd. Euro erhalten hatte. Stark vertreten in dem Geschäft sind ferner die Pharmahersteller Sanofi-Aventis, Novartis und der US-Konzern Baxter.

Für die überraschende Wende im Grippe-Geschäft sorgte zum einen der bislang milde Verlauf der Grippewelle sowie eine eher geringe Impfneigung, zum anderen die Erkenntnis, dass nur eine Impfdosis (und nicht wie zunächst erwartet zwei Dosen) für eine Immunisierung nötig ist. Die staatlichen Gesundheits-Institutionen laufen damit Gefahr, in erheblichem Umfange auf überschüssigen Impfstoffmengen sitzenzubleiben.

Kehrtwende auch in Frankreich

Bei den Bestellungen der Bundesländer geht es um ein Auftragsvolumen von etwa 420 Mio. Euro. Die Krankenkassen erstatten die Kosten für den tatsächlich eingesetzten Impfstoff, während das Kostenrisiko für nicht verimpfte Dosen bei den Ländern liegt. Nach Schätzung des Paul-Ehrlich-Instituts wurden in Deutschland bislang lediglich etwa sieben Mio. Dosen eingesetzt. Gleichzeitig ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Schweinegrippe-Virus H1N1 im Dezember deutlich zurückgegangen.

In Frankreich hatte Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot bereits Anfang der Woche die Kehrtwende in der Impfpolitik verkündet und erklärt, Bestellungen für 50 Mio. Impfdosen stornieren zu wollen. Insgesamt hatte Frankreich 94 Mio. Dosen geordert in einem Gesamtwert von 869 Mio. Euro. Sie begründete dies unter anderem mit den neuen Empfehlungen der internationalen Gesundheitsorganisationen, denen zufolge eine einzige Impfspritze Erwachsene gegen die Grippe schützen würde. Zudem lassen sich auch in Frankreich immer weniger Menschen impfen.

Nun läuft das Verhandlungspoker mit den drei betroffenen Pharmakonzernen Sanofi (elf Mio. Dosen), GSK (32 Mio. Stück) und Novartis (7 Mio. Dosen) über mögliche Entschädigungen. Am weitesten sind die Dinge bei Sanofi gediehen: "Wir hatten von uns aus Ende Dezember vorgeschlagen, die Order um neun Mio. Dosen zu verringern", erklärt Alain Bernal, Sprecher der Impfsparte Sanofi Pasteur. Denn der Konzern habe den geringeren Bedarf antizipiert. Nun laufen Gespräche mit der Regierung über die zwei Mio. zusätzlich stornierten Lieferungen. Der Preis pro Impfung liegt bei Sanofi bei 6,25 Euro. Bernal wollte keine Angaben dazu machen, welche Entschädigung Sanofi einfordert.

Impfstoff-Überschuss

Umverteilung: Nach Analystenschätzungen wurden allein bei den drei führenden Herstellern mehr als 600 Mio. Dosen Pandemie-Impfstoff geordert. Überschüssige Mengen versuchen die Auftraggeber nun u.a. an Länder wie Mexiko oder die Türkei abzugeben, die nach wie vor Bedarf haben.

Lagerung: Der Impfstoff Pandemrix von GSK ist bis zu 18 Monate lang lagerfähig. Er könnte theoretisch auch für die nächste Grippesaison eingelagert werden.

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