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06.02.2015

18:18 Uhr

Seehofer und die Stromtrassen

Gegenwind aus den eigenen Reihen

In Bayern wurde in den vergangenen Monaten viel über die Nord-Süd-Stromleitungen diskutiert. Ministerpräsident Horst Seehofer stellt den Bau der Stromtrassen in Frage. Nun bekommt er aus den eigenen Reihen Gegenwind.

Der bayerische Ministerpräsident hält nichts von den Nord-Süd-Stromleitungen. Er setzt lieber auf neue Gaskraftwerke. dpa

Horst Seehofer

Der bayerische Ministerpräsident hält nichts von den Nord-Süd-Stromleitungen. Er setzt lieber auf neue Gaskraftwerke.

BerlinDer bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wird nun auch aus den eigenen Reihen wegen seines Widerstands gegen Nord-Süd-Stromleitungen kritisiert. „Bayern braucht selbstverständlich diesen Strom aus dem Norden“, sagte der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie, Peter Ramsauer (CSU), der „Mittelbayerischen Zeitung“.

Wenn die Atomkraftwerke in Bayern bis 2022 abgeschaltet würden, sei Windstrom von Küsten und von hoher See nötig. Auch Bayern habe im Zuge der Energiewende dem Bau von Leitungen zugestimmt. Ramsauer machte deutlich, dass der Freistaat mindestens zwei große Trassen brauche. Seehofer hatte dagegen die Leitungen insgesamt infrage gestellt. Er setzt stattdessen auf neue Gaskraftwerke. Ramsauer nannte dies eine „unverantwortliche, weil unökonomische Variante“.

Bayern hatte in den vergangenen Monaten im Rahmen eines Bürgerdialogs über die zwei sogenannten Nord-Süd-Stromautobahnen diskutiert, der Anfang Februar abgeschlossen wurde. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner stellte danach angesichts des Widerstands von Bürgerinitiativen gegen die Bauprojekte die Notwendigkeit von zwei Leitungen infrage. Seehofer zweifelte den Bau sogar insgesamt an. Die Gespräche mit dem Bund über diese Fragen hätten zudem Zeit.

15 Gründe, weshalb die Energiewende so kompliziert ist

Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Die großen Netzbetreiber erachten dagegen beide Leitungen zum Transport des Windstroms in die Industriegebiete im Süden als nötig. Dies prüft derzeit die Bundesnetzagentur, eine Zustimmung gilt als sicher. Das Vorhaben wird dann gesetzlich verankert.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hatte Seehofer bereits attackiert und ihm Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Er schade der bayerischen Industrie selbst, die auf den günstigen Strom aus dem Norden angewiesen sei.

Ramsauer sagte, der Bau von Gaskraftwerken sei keine Alternative, weil er derzeit nur mit Subventionen zu finanzieren sei. „Ökonomisch ist dazu nur ein glasklares Nein zu sagen.“ Man brauche statt des früheren Kohlepfennigs nun keinen Gaspfennig. Der Widerstand vor Ort gegen die Großbaustellen dürfe die Politik nicht schrecken. „Wir haben den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, also müssen wir die Nebenwirkungen, also etwa neue Trassen, in Kauf nehmen.“

Von

rtr

Kommentare (2)

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Herr Ebs Man

06.02.2015, 19:40 Uhr

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass keiner in Berlin oder Norddeutschland auch nur erwähnt, dass diese überdimensionerten Stromautobahnen mitnichten nur "sauberen und grünen" Windstrom transportieren werden in 10 Jahren, sondern definitv zu über 2/3 wird es "schmutziger" Braunkohlestrom aus Ostdeutschland und Kernenergie aus russischen Atomstrommeilern sein! Eine nachhaltige Energiewende kann jedoch nur dezentral gewonnen werden, außer man möchte weiterhin die Lobby der vier deutschen Stromoligarchen bedienen!

Herr Tom Schneider

13.02.2015, 12:26 Uhr

Herr Seehofer, bleiben Sie stark! Wenn Herr Albig "wir" sagt, meint er sich, eine damals mehr als kopflose Kanzlerin und ein Häuflein subventionsgieriger Windstromnutznießer, aber er meint nicht uns und natürlich nicht alle Bürger dieser Republik. Ach ja, vielleicht meint er auch die eingemauerten Gutmenschen aus der Stadt, die von Mega-Industrie-Mühlen auf dem Land nicht gestört werden, weil Sie da bestenfalls durchfahren. Wir haben es hier einfach nur mit dem normalen Egoismus zu tun, der uns ideologisch als das Gute von Morgen verkauft werden soll. Also Herr Seehofer, man kann vielleicht viel an Ihnen herumkriteln, aber hier, bitte schön, bleiben Sie stark.

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