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13.10.2016

11:22 Uhr

Selbstmord des Terrorverdächtigen

Beispielloses Versagen des Rechtsstaats

VonFrank Specht

Dass der terrorverdächtige Syrer Dschaber al-Bakr sich in seiner Zelle erhängen konnte, ist der tragische Höhepunkt einer beispiellosen Pannenserie. Die Bürger verlieren das Vertrauen in den Rechtsstaat. Ein Kommentar.

Justizskandal

Erhängt in seiner Zelle – Wie konnte das passieren?

Justizskandal: Erhängt in seiner Zelle – Wie konnte das passieren?

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Eine Razzia der Polizei, bei der hochexplosiver Sprengstoff gefunden wird und der Terrorverdächtige entwischt. Anschließend wird er von drei Landsleuten erkannt und mit einem Verlängerungskabel gefesselt der Polizei übergeben. Und kaum im Gewahrsam, ist der als suizidgefährdet bekannte Syrer nach wenigen Stunden tot. Klingt wie das Drehbuch für einen ziemlich konstruierten „Tatort“.

Doch leider handelt es sich hier nicht um einen Fernsehkrimi, sondern um die bittere Realität. Wenn es den für die Sicherheit im Land Verantwortlichen gelungen sein sollte, nach den Anschlägen von Würzburg und Ansbach ein wenig verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen – es ist nun mit einem Schlag zerstört.

Anwalt von Dschaber al-Bakr

„Zählt man alle Umstände zusammen, gab es Suizidanzeichen."

Anwalt von Dschaber al-Bakr: „Zählt man alle Umstände zusammen, gab es Suizidanzeichen."

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Man kann sich nur an den Kopf fassen. „Schon wieder Sachsen“, ist der erste Reflex. Eine beispiellose Pannenserie und verschwundene Akten bei der Fahndung nach dem rechtsextremen NSU-Trio, Polizisten, die tatenlos zusehen, wie die Spitzen des Staates zur Einheitsfeier beleidigt und ausgepfiffen werden, der entwischte Terrorverdächtige und sein Selbstmord in der Zelle: Es gibt Innen- und Justizminister, die schon für weniger die politische Verantwortung übernommen haben und zurückgetreten sind. Doch Polizei und Justiz in Dresden sind sich keiner Schuld bewusst.

Dass der verdächtige Syrer trotz Warnschuss entwischen  konnte, lag natürlich nur an der schweren Schutzausrüstung, die das Sonderkommando an der Verfolgung hinderte. Wäre es ein „Tatort“, würde der Zuschauer wegen des unglaubwürdigen Plots wohl entnervt ausschalten.

Selbstmord von al-Bakr: Terrorverdächtiger erhängte sich mit T-Shirt

Selbstmord von al-Bakr

Terrorverdächtiger erhängte sich mit T-Shirt

Der unter Terrorverdacht festgenommene Syrer Dschaber al-Bakr ist tot. Er wurde erhängt in seiner Leipziger Zelle aufgefunden – trotz besonderer Beobachtung. Politiker sprechen von einem Fiasko für die sächsische Justiz.

Die Pannenserie ist umso tragischer, weil den Behörden mit dem Tod von Dschaber al-Bakr nun Einblicke aus erster Hand ins dunkle Innenleben des „Islamischen Staates“ verwehrt bleiben. Wenn die Fahnder Glück haben, werden sie auf dem Handy noch Spuren zu Auftraggebern oder Kontaktmännern finden.

Aber al-Bakr kann nicht mehr davon erzählen, wie die radikale Terrormiliz arbeitet, wie junge Männer radikalisiert werden, ob sie ferngesteuert sind und ob womöglich in der Nachbarschaft noch weitere potenzielle Einzeltäter oder Terrorzellen wohnen. Und ob womöglich Verbindungen zu den Anschlägen von Paris, Brüssel oder Nizza bestehen.

Aber nicht nur die sächsischen Behörden müssen sich nun bohrende Fragen gefallen lassen, sondern auch der Bundesinnenminister.

Vereitelte islamistische Anschläge in Deutschland

April 2002

Seit den Attacken vom 11. September 2001 in den USA wurden eine Reihe von Anschlägen in Deutschland vereitelt. Einige aufsehenerregende Fälle im Überblick.
Im April 2002 nimmt die Polizei Anhänger der zum Al-Kaida-Netzwerk zählenden Terrorgruppe Al-Tawhid fest. Die Männer planten Angriffe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin und jüdische Gaststätten in Düsseldorf. Sie werden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Dezember 2004

Mitglieder der Islamistengruppe Ansar al-Islam planen, Iraks Ministerpräsidenten Ijad Allawi während eines Deutschland-Besuchs zu ermorden. Drei Iraker erhalten deshalb langjährige Haftstrafen. Der verurteilte Chefplaner des Anschlags wird im September 2015 in Berlin von einem Polizisten erschossen, nachdem er dessen Kollegin mit einem Messer schwer verletzt hatte.

September 2007

Die islamistische Sauerland-Gruppe wird gefasst. Die vier Mitglieder werden wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland zu mehrjährige Freiheitsstrafen verurteilt.

April 2011

Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird in Bochum ein viertes mutmaßliches Mitglied der Düsseldorfer Zelle gefasst. Die vier Männer müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

März 2013

Die Polizei fasst vier Verdächtige aus der Bonner Islamisten-Szene, die einen Anschlag auf den Chef der rechtsextremen Splitterpartei „Pro NRW“ geplant haben sollen. Einer soll die Bombe in Bonn deponiert haben. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Terroristen in Düsseldorf dauert an.

Februar 2016

Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt gleichzeitig in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier Verdächtigen hatten womöglich einen Anschlag in Berlin geplant.

Juni 2016

Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.
(Quelle: dpa)

Oktober 2016

In Leipzig nimmt die Polizei einen Syrer fest. Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz hatte der anerkannte Flüchtling Dschaber al-Bakr einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen geplant und bereits weitestgehend vorbereitet.

(Quelle: dpa)

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