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14.10.2016

09:27 Uhr

Selbstmord von Terrorverdächtigem

Viele offene Fragen nach al-Bakr-Suizid in Leipzig

Ein Terrorverdächtiger bringt sich in seiner Zelle um – das wirft bohrende Fragen auf. Sachsens Justiz erklärt sich ausgiebig – und lässt doch vieles offen. Der Vize-Ministerpräsident sieht eine Mitschuld.

al-Bakr-Suizid

Tillich räumt Fehler ein: „Müssen Einstufung der Täter verbessern"

al-Bakr-Suizid: Tillich räumt Fehler ein: „Müssen Einstufung der Täter verbessern"

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Dresden/BerlinZahlreiche Ungereimtheiten beim Suizid des Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr in einem Leipziger Gefängnis bringen Sachsens Justiz in Erklärungsnot. Der als hochgefährlich eingestufte Syrer war am Mittwoch in seiner Zelle erhängt aufgefunden worden. Parteiübergreifend wurde Kritik daran laut, dass die Verantwortlichen nicht erkannten, dass er sich das Leben nehmen könnte. Er sei in Haft wie ein „Kleinkrimineller“ behandelt worden, kritisierte selbst Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (SPD). Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) beteuerte hingegen, man habe alles Nötige unternommen, um einen Suizid zu verhindern.

Al-Bakr hatte sich am Mittwochabend an einem Gitter seiner Zelle mit einem T-Shirt aufgehängt. Der 22-Jährige soll einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen geplant und bereits weitestgehend vorbereitet haben. Er war am Montag in Leipzig festgenommen worden. Die Verantwortlichen im Gefängnis gingen davon aus, dass „keine akute Suizidgefahr“ bestand. „Er war ruhig, er war sachlich. Es gab keine Hinweise auf irgendwelche emotionalen Ausfälle“, sagte Gefängnisleiter Rolf Jacob. Selbstkritisch stellte er aber die Frage in den Raum: „Waren wir vielleicht doch ein bisschen zu gutgläubig?“

Trotz massiver Kritik wegen des Suizids des Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr an den sächsischen Behörden zieht Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) weiterhin keine personellen Konsequenzen in seiner Regierung. Nun sei die Zeit der Aufklärung, die vorangetrieben werden müsse, sagte Tillich am Freitag in Berlin. „Dass es Forderungen gibt zu politischen Konsequenzen ist selbstredend und kommt natürlich von der Opposition und von Anderen“, ergänzte er.

Wenn Gefangene sich das Leben nehmen

Hintergrund

Dutzende Häftlinge jährlich begehen in deutschen Gefängnissen Suizid – meist in den ersten zwei Wochen, oft auch nur Stunden nach der Festnahme.

Oktober 1977, Stuttgart

Die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nehmen sich im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stammheim das Leben. Gesinnungsgenossen waren mit dem Versuch gescheitert, sie durch die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer freizupressen. Schleyer wurde daraufhin ermordet. Ulrike Meinhof hatte sich im Mai 1976 nach Konflikten in der Gruppe als erste in der Zelle erhängt.

September 1999, Bochum

Ein früherer Oberstadtdirektor und Manager erhängt sich mit einem Bettlaken am Fensterkreuz seiner Einzelzelle. Gegen ihn wurde wegen Bestechung, Untreue und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe ermittelt.

September 2005, Frankfurt

Ein der Korruption verdächtiger Ikea-Manager erhängt sich mit einem Hosengürtel in der U-Haft. Die Todesumstände lösten eine politische Debatte über die Sicherheit in Gefängnissen aus.

Juli 2007, Bayreuth

Ein Fernfahrer, der mehrere Prostituierte in Spanien und Frankreich ermordet haben soll, erhängt sich in seiner Zelle - kurz vor Beginn seines Prozesses.

Mai 2014, Berlin

Der zu lebenslanger Haft verurteilte „Briefkasten-Bomber“ wird erhängt in seiner Zelle gefunden. 2008 hatte er seine Nichte mit einem Sprengsatz schwer verletzt. Der Anschlag galt eigentlich ihren Eltern.

August 2016, Ravensburg

Nach einer Familientragödie mit drei Toten erhängt sich der mutmaßliche Täter in der Zelle. Der 53-Jährige soll seine Ehefrau und zwei Stieftöchter umgebracht haben.

Al-Bakr war zunächst alle 15 Minuten in seiner Zelle kontrolliert worden. Eine Psychologin schloss nach einer Untersuchung aber Suizidgefahr weitgehend aus, so dass er danach nur noch alle 30 Minuten kontrolliert werden sollte. Gefunden wurde er aber bereits 15 Minuten nach der letzten Kontrolle, weil eine Justizvollzugsanwärterin ihn aus eigenem Antrieb früher kontrollierte.

CDU-Vize Julia Klöckner schrieb auf Twitter: „Ein Selbstmordattentäter begeht Selbstmord + die Antwort ist, man sei überrascht, dass er zu so was fähig war. Kann das sein?“ Dulig sagte: „Es ist offensichtlich zu einer Reihe von Fehleinschätzungen sowohl über die Bedeutung, als auch den Zustand des Gefangenen gekommen.“

Grünen-Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckard sprach von institutionellem Versagen, FDP-Vize Wolfgang Kubicki von einem schweren Schlag gegen das Vertrauen in das Funktionieren des Rechtsstaats. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, der Suizid sei Rückschlag im Anti-Terror-Kampf. „Die Ermittlungen jedenfalls sind dadurch erschwert worden“, sagte der CDU-Politiker. Es werde nun schwerer, mögliche weitere Tatbeteiligte, Hintermänner und Netzwerke zu finden.

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