Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.11.2014

10:17 Uhr

Sigmar Gabriel

Kohle ist „Rückendeckung der Energiewende“

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält den schnellen Ausstieg aus der Kohle-Nutzung für unrealistisch. Man könne Atomenergie und Kohle nicht zeitgleich verbannen. Seine Umweltministerin ist anderer Meinung.

Die Stilllegung deutscher Kohlekraftwerke führe in Europa nicht zu einer Tonne Einsparungen bei den CO2-Emissionen, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. dpa

Die Stilllegung deutscher Kohlekraftwerke führe in Europa nicht zu einer Tonne Einsparungen bei den CO2-Emissionen, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

BerlinBundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hält einen raschen Verzicht auf die Nutzung der Kohle für unrealistisch und will die Entscheidung über das Abschalten einzelner Kraftwerke den Unternehmen überlassen.

„Wir müssen endlich Schluss machen mit den Illusionen in der deutschen Energiepolitik“, schrieb Gabriel in einem Reuters am Dienstag vorliegenden Positions-Papier.

„Man kann nicht zeitgleich aus der Atomenergie und der Kohleverstromung aussteigen.“ Wer das wolle, sorge für explodierende Stromkosten, Versorgungsunsicherheit und die Abwanderung großer Teile der Industrie. Kohle- und Gasverstromung werde auf längere Sicht noch als „Rückendeckung der Energiewende“ für Zeiten benötigt, in denen es nicht genug Wind- oder Solarstrom gebe.

15 Gründe, weshalb die Energiewende so kompliziert ist

Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Seine Position hält Gabriel dem Papier zufolge auch mit den deutschen Klimazielen für vereinbar.

Bei der Entscheidung darüber, welche Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden sollen, seien die Firmen am Zug. „Ich bin allerdings sicher, dass die Frage, welche Kraftwerke am Netz bleiben und welche stillgelegt werden, die Unternehmen entscheiden sollen und nicht der Staat“, schrieb er.

Mit Blick auf den Klimaschutz argumentierte der SPD-Politiker, die Stilllegung deutscher Kohlekraftwerke führe in Europa nicht zu einer Tonne Einsparungen bei den CO2-Emissionen. Dadurch freiwerdende Verschmutzungsrechte würden zu anderen Kraftwerken abwandern, die entsprechend mehr Treibhausgase ausstießen. „Deshalb ist der richtige Weg die Verknappung der Emissionszertifikate in Europa und die Wiederbelebung des Emissionshandels.“

Umweltministerin Barbara Hendricks hatte sich wiederholt für das Abschalten von Kohlekraftwerken ausgesprochen.

Von

rtr

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

11.11.2014, 10:46 Uhr

Gabriel und Konsorten wollten die Energiewende und jetzt habt ihr eure Energiewende = Mangel und Armut!
Wenn ihr nicht die Energieversorgung in Deutschland und damit die ganze Wirtschaft gegen die Wand fahren wollt und dazu noch die Umwelt mit CO2 anreichern, dann bleibt euch nichts anderes übrig als auf die Kernkraft und als zweites Standbein auf die Gaskraft zu setzen. Dazu muss aber erst das EEG und damit die Energiewende politisch/gesetzlich beerdigt werden!

Herr Fred Meisenkaiser

11.11.2014, 11:08 Uhr

Wie wir gerade lernen, geht es durchaus ohne Kernenergie. Die Speicherung von Wind- und Sonnenstrom wird im Wesentlichenin Form von Erdgas erfolgen (powertogas) somit sollte die Kombination von EE und Gas sinnvoll sein.
Mit dem Import billiger Kohle und dem Verbrennen hier in Deutschland werden zwar große Gewinne der Erzeuger realisiert, jedoch auf Kosten der Gesundheit der Bürger.
Die CO2-Abgabe auf Kohlekraftwerke sollte stark erhöht werden, dies würde saubeer Gaskraftwerke lukrativer machen.
Von CDU/SPD ist da kaum was zu erwarten, zu sehr sind sie Lobbyisten der Konzerne.

Herr Riesener Jr.

11.11.2014, 11:37 Uhr

Gabriel: "Man könne Atomenergie und Kohle nicht zeitgleich verbannen." Das ist natürlich richtig - wir haben einen Anteil von Erneuerbaren Energien von etwa einem Viertel der deutschen Stromproduktion. Das ist deutlich kleiner als 100%. Dem ist nichts hinzufügen.

Beim Atomausstieg haben wir uns halt FÜR unsere Angst vor dem Atom und GEGEN den Klimaschutz entschieden. Zukünftige Generationen werden uns dafür hart verurteilen! Mit Recht. Leider.


Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×