Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.01.2016

15:22 Uhr

Silvesternacht in Köln

Wie sicher kann ein Hauptbahnhof sein?

Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht schockieren Menschen weit über die Grenzen Kölns hinaus. Und sie werfen eine Frage auf: Wie sicher können zentrale Plätze sein, wenn Chaos herrscht?

Die Übergriffe arabisch aussehender Männer auf Frauen hat die Polizei kalt erwischt. Feuerwerkskörper hatten zuvor für Durcheinander gesorgt. dpa

Hauptbahnhof Köln

Die Übergriffe arabisch aussehender Männer auf Frauen hat die Polizei kalt erwischt. Feuerwerkskörper hatten zuvor für Durcheinander gesorgt.

KölnWer sich zurzeit in Köln umhört, hört besorgte Fragen. Zum Beispiel diese: „Kann meine Tochter jetzt noch mit der Bahn fahren?“. Oder: „Was passiert jetzt an Karneval?“ Die Berichte über dutzende Übergriffe auf Frauen am Hauptbahnhof in der Silvesternacht haben viele Menschen geschockt und auch ein wenig ratlos zurückgelassen.

Und sie treffen eine Urangst vieler: Wie sicher bin ich, wenn um mich herum Chaos herrscht und sich Täter das zunutze machen? Es ist eine Frage, die über die Domstadt hinausreicht.

Silvester-Nacht in Köln: „Frauen sind kein Freiwild“

Silvester-Nacht in Köln

„Frauen sind kein Freiwild“

In der Silvesternacht sind in Köln Dutzende Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt worden. Das Ausmaß der Vorfälle sorgt bundesweit für Entsetzen. Mehrere Bundesminister fordern harte Konsequenzen.

Zuerst die Kölner Faktenlage, die allerdings noch einige Leerstellen aufweist. Sie basiert auf Angaben der Polizei. Demnach gab es im Grunde zwei Einsätze. Beim ersten wurde der Bahnhofsplatz geräumt, weil eine Gruppe von geschätzt 1000 Männern mit Böllern um sich warf und eine Panik drohte. Die Übergriffe, wegen der sich mittlerweile zig Frauen bei der Polizei gemeldet, folgten danach von kleineren Männergruppen im Getümmel rund um den Bahnhof.

Die Opfer berichteten, dass sie umzingelt, begrapscht und ausgeraubt worden seien. Zum Teil so aggressiv, dass die Polizei auch von Vergewaltigung spricht. Die Zeugen beschrieben die Angreifer laut Polizei als Männer, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. Es ist denkbar, dass sie aus der Gruppe der 1000 vom Vorplatz kamen. Ob es Flüchtlinge oder Migranten waren, die schon länger in Deutschland leben, ist offen.

Missbrauch in der Silvesternacht

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. Zeugen und Opfer berichten - laut Polizei übereinstimmend - von Männern, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. So hat es der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf der Pressekonferenz am Montag formuliert. Demnach soll eine Gruppe von Männern auf dem Domplatz gewesen sein, die meisten von ihnen zwischen 15 und 35. In kleineren Gruppen sollen sie Frauen umzingelt, sexuell belästigt und ausgeraubt haben, in einem Fall auch vergewaltigt. 90 Anzeigen gibt es bis Dienstagmittag. „Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagt ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Polizeipräsident Albers zufolge soll auch geprüft werden, ob bestimmte Bereiche stärker mit Videokameras überwacht werden. Über weitere Maßnahmen wollen Polizei und Stadt gemeinsam nachdenken.

Das Problem: Die Kölner Polizei wurde kalt erwischt. „Wir haben Erfahrung mit großen Massenlagen“, sagt Sprecher Dirk Weber. „Mit diesem Modus Operandi haben wir aber nicht gerechnet.“ Das ganze Ausmaß sei erst spät zu erkennen gewesen, auch wenn Frauen Beamten zum Beispiel gebeten hätten, sie zu begleiten. In der Spitze sollen rund 200 Polizisten im Einsatz gewesen sein. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) nennt das „angemessen“ bei einer „normalen Lageeinschätzung“ an Silvester.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×