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28.10.2014

11:31 Uhr

Singles besonders betroffen

Jeder Sechste in Deutschland ist armutsgefährdet

13 Millionen Menschen in Deutschland droht ein Leben in Armut. Ein extrem hohes Risiko tragen Frauen, Alleinerziehende und Singles. Die Situation hat sich trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt seit 2012 nicht verbessert.

Wenig Geld im Portemonnaie: Gut 16 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen galten im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. dpa

Wenig Geld im Portemonnaie: Gut 16 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen galten im vergangenen Jahr als armutsgefährdet.

BerlinFast jeder Sechste in Deutschland ist von Armut bedroht. Das sind rund 13 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag für das Jahr 2013 mitteilte. Mit 16,1 Prozent war der Anteil der armutsgefährdeten Menschen in der Bundesrepublik damit genauso hoch wie 2012. Im ersten Jahr der Erhebung (2008) lag er noch bei 15,2 Prozent. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller 28 EU-Staaten leben rund 16,7 Prozent (2013) unter der Armutsschwelle.

Armut beginnt nach der EU-Statistik (EU-SILC) in Deutschland bei einem Haushaltsnettoeinkommen von 979 Euro im Monat für einen Single und bei 2056 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes zur Verfügung hat, gilt nach der Definition als arm.

Besonders gefährdet sind in Deutschland Frauen, Alleinerziehende, Alleinlebende und Arbeitslose. So sind Frauen erneut in allen Altersgruppen stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders groß ist der Unterschied bei Frauen im Rentenalter: Ihr Armutsrisiko fiel mit 17,0 Prozent deutlich höher aus als das der gleichaltrigen Männer (12,7 Prozent).

So zeigt sich Armut in Deutschland

Die Gefahr arm zu werden...

... ist gewachsen. Der Schwellenwert für die Armutsgefährdung lag in Deutschland 2009 bei 11.278 Euro und 2010 bei 11.426 Euro pro Jahr. Das entsprach monatlich einem Betrag von 940 Euro (2009) beziehungsweise 952 Euro (2010). Nach Zahlung staatlicher Sozialleistungen waren 2010 insgesamt 15,8 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet gegenüber dem Jahr 2009 (15,6 Prozent). Frauen waren auch 2010 mit 16,8 Prozent stärker armutsgefährdet als Männer mit 14,9 Prozent (Frauen 2009: 16,4 Prozent; Männer 2009: 14,9 Prozent).

Wo Deutsche sparen müssen

5,2 Prozent der Deutschen geben an, ihre Wohnung aus finanziellen Gründen nicht ausreichend warm halten zu können. Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) fährt nach eigenen Angaben im Jahr nicht mal eine Woche in den Urlaub, weil er oder sie es sich nicht leisten kann. 34,5 Prozent können plötzlich anfallende Kosten von mindestens 930 Euro im Monat nicht aus eigenen Mitteln bestreiten, eine vollwertige Mahlzeit können sich 8,8 Prozent nicht einmal jeden zweiten Tag leisten.

Der höchsten Armutsgefährdung...

... sind mit Abstand Alleinerziehende (37,1 Prozent), Alleinlebende (32,2 Prozent), Arbeitslose (67,8 Prozent) und niedrig Gebildete (25,8 Prozent) ausgesetzt.

Die Armutsgefährdung im mittleren Alter...

... ist dagegen zwischen den Geschlechter fast ausgeglichen. Dennoch ist die Gefahr bei Frauen stets höher. Bei Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren war der Abstand zwischen den Armutsgefährdungsquoten 2010 bei Frauen (21,1 Prozent) und Männern (19,5 Prozent) geringer. Auch bei den 25- bis 54-Jährigen fiel der Unterschied mit 0,2 Prozentpunkten (Frauen 2010: 14,9 Prozent; Männer: 14,7 Prozent) viel niedriger aus als bei den Jüngeren. Im Jahr 2009 hatte der Abstand noch 1,5 Prozentpunkte (Frauen: 14,8 Prozent; Männer: 13,3 Prozent) betragen.

Junge Frauen...

... sowie ältere Frauen laufen besonders leicht Gefahr in Armut abzurutschen. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren (2010: 19,0 Prozent) sowie 55- bis 64-Jährige (2010: 20,4 Prozent) sind in höherem Maße armutsgefährdet sind als andere Altersgruppen. Junge Menschen befinden sich häufig noch in einer Ausbildung oder stehen am Anfang des Berufslebens. In dieser Altersgruppe treten auch die größten Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Mehr als jede fünfte Frau (21,8 Prozent) zwischen 18 und 24 Jahren war 2010 armutsgefährdet, unter den gleichaltrigen Männern waren es dagegen nur 16,2 Prozent. Ähnlich hoch war der Abstand bei 65-Jährigen und Älteren (2010 Frauen: 16,2 Prozent; Männer: 12,0 Prozent).

Obere 20, untere 20

Das Verhältnis der Einkommen der 20 Prozent einkommensstärksten Personen zu dem der 20 Prozent einkommensschwächsten Personen blieb zwischen 2009 und 2010 konstant: Das obere Fünftel der Bevölkerung verfügte
zusammen über ungefähr viereinhalbmal so viel Einkommen wie das untere Fünftel der Bevölkerung.

Arm im Alter...

.. ist ein vergleichsweise häufiger Zustand. In der Untergliederung nach Altersgruppen zeigt sich, dass das mittlere Äquivalenzeinkommen bei Menschen zwischen 25 und 54 Jahren mit 20.703 Euro im Jahr 2010 deutlich über dem
Wert für die Gesamtbevölkerung lag. Menschen in der Altersgruppe 55 bis 64 Jahre verfügten mit 19.087 Euro ebenfalls über ein leicht über dem Durchschnitt liegendes Einkommen. Anders bei den 65-Jährigen und Älteren: Hier lag das mittlere Einkommen mit 17.611 Euro unter dem Bundesdurchschnitt.

Frauen verdienen...

...immer noch weniger als Männer. Zwar war der Einkommenszuwachs bei Frauen zwischen 2009 und 2010 etwas höher (252 Euro) als bei Männern (203 Euro). Allerdings bestehen nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen den Einkommen von Männern und Frauen: Der Median des Nettoäquivalenzeinkommens von Frauen war 2010 mit 18.700 Euro um 689 Euro niedriger als der von Männern (19.389 Euro).

Quelle: „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“.

Mehr als zwei Drittel der Arbeitslosen (69,3 Prozent) sind von Armut bedroht. Bei den überwiegend Erwerbstätigen lag der Anteil dagegen nur bei 8,6 Prozent. Unterteilt nach Haushaltsgruppen sind vor allem Alleinerziehende und Alleinlebende besonders armutsgefährdet. So war fast jeder dritte Single und mehr als jede dritte Alleinerziehende betroffen.

Die Armut unter Kindern beleuchtet ein aktueller Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef. Auch in Industriestaaten leiden sie massiv unter den Folgen der Finanzkrise. Insgesamt 2,6 Millionen mehr Kinder sind in 41 reichen Ländern seit Beginn der Krise 2008 unter die Armutsgrenze gerutscht, wie aus dem am Dienstag in Rom vorgestellten Bericht hervorgeht. In diesen Staaten leben demzufolge 76,5 Millionen Kinder in Armut. In mehr als der Hälfte der 41 Länder hat die Kinderarmut seit Beginn der Krise zugenommen, in Staaten wie Griechenland oder Island sogar um mehr als 50 Prozent.

Deutschland liegt mit einem geringen Rückgang bei der Kinderarmut im Mittelfeld der untersuchten Staaten. „Viele Industrieländer haben bei den Haushaltseinkommen einen großen Sprung zurück gemacht. Das hat Einfluss auf die Kinder und langfristige Auswirkungen für sie und die Gesellschaften“, warnte Jeffrey O'Malley von Unicef.

Besonders hart trifft die Krise in den reichen Ländern auch junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren. In mehr als drei Viertel der Staaten hat die Arbeitslosenquote in dieser Altersklasse laut Unicef zugenommen.

Kommentare (13)

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Herr Peter Weber

28.10.2014, 11:15 Uhr

Wer in Deutschland "arm" ist, zählt in vielen Ländern Europas als wohlhabend, vom Rest der Welt mal ganz zu schweigen! Kein Wunder, dass die alle zu uns wollen!

Account gelöscht!

28.10.2014, 12:20 Uhr

@ Peter Weber,
"Wer in Deutschland "arm" ist, zählt in vielen Ländern Europas als wohlhabend...".
Im Umkehrschluss:
Wer in Deutschland "arm" ist muss also ins europäische Ausland umziehen um "nicht mehr arm" zu sein?
"Kein Wunder, dass die alle zu uns wollen!"
Das funktioniert aber nur, wenn nicht der hiesige Lebensstandard beansprucht wird - ansonsten wären sie ebenso "arm" wie vorher (echte Asylanten ausgenommen).

Herr Old Harold

28.10.2014, 12:26 Uhr

Möglicherweise waren wir Alten doch nicht ganz so doof?

Wir haben uns einen Partner gesucht. Den in einer langen Verlobungszeit getestet. Und erst dann, wenn wir ein gesichertes Einkommen hatten, die Wohnung eingerichtet war und wir auch noch ein paar Rücklagen für schlechte Zeiten hatten, haben wir die kleine Familie mit Kindern erweitert.

Das ist heute, im Zeitalter "Alles, und zwar sofort", natürlich völlig spießig!

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