Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.11.2015

14:48 Uhr

Sinn, Schmieding, Fratzscher und Co.

Wenn die Terrorangst die Wirtschaft bedroht

VonDietmar Neuerer

Die Furcht vor weiteren Anschlägen hat sich bisher kaum auf die europäischen Aktienmärkte ausgewirkt. Ökonomen halten diese Ruhe für trügerisch. Ein Dax-Konzern stellt sich bereits auf einen Konjunkturdämpfer ein.

In Belgien patroulieren Polizei und Militär in einem Einkaufcenter. dpa

Sicherheit

In Belgien patroulieren Polizei und Militär in einem Einkaufcenter.

BerlinNach Einschätzung führender Ökonomen in Deutschland könnten neue Terrorattacken die Wirtschaftsentwicklung in Westeuropa bremsen. Falls es zu einer „Serie ähnlich schlimmer Anschläge“ wie in Frankreich kommen sollte, „könnte es zu mehr als kurzzeitigen Auswirkungen auf den privaten Verbrauch und die Investitionsneigung der Unternehmen kommen“, sagte der Chefökonom der Berenberg Bank, Holger Schmieding, dem Handelsblatt.

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn: Bislang habe die Wirtschaft zwar besonnen reagiert. „Neue terroristische Attacken,  auch ein Kriegstritt weiterer Länder, würden freilich zu Vertrauensverlusten führen, die die Ausgabefreudigkeit der Verbraucher und Investoren beeinträchtigen“, sagte Sinn dem Handelsblatt.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Anleger ließen sich allerdings von zuletzt aufkommenden Sorgen vor einer möglichen Terrorwelle in Europa kaum beeindrucken. Der deutsche Aktienmarkt war am Mittwoch nur kurzzeitig in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Hoffnung auf weiteren Rückenwind durch die Geldpolitik hat dem Dax dann am Freitag sogar den höchsten Stand seit über drei Monaten beschert.

Dennoch ist in der Wirtschaft schon Verunsicherung spürbar. So stellt sich etwa der Siemens-Konzern nach den Terrorattacken von Paris bereits auf Nachteile ein. Typischerweise wirke sich ein solcher Schock auf das Investitionsverhalten in der Kapital- und Güterindustrie aus, sagte der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser der „Süddeutschen Zeitung“. „Gerade der Mittelstand wird hier sicherlich vorsichtiger agieren.“ Die Kunden könnten möglicherweise mit Investitionen abwarten. „Ich gehe davon aus, dass diese schrecklichen Ereignisse 2016 sicherlich nicht einfacher machen“, ist Kaeser überzeugt. Siemens ist unter anderem in den Bereichen  Energie, Medizintechnik und Verkehr tätig und dabei vom Investitionsverhalten wichtiger Kunden abhängig.

Die US-Ratingagentur Standard & Poor’s betonte, dass die wachsende Bedrohung durch terroristische Angriffe allein kaum Auswirkungen auf die Bonität der europäischen Volkswirtschaften haben werde. Dennoch könnten solche Attacken einen indirekten Einfluss auf die ökonomischen Wachstumsaussichten und die möglichen fiskalischen Konsequenzen haben, was sich letztlich auch negativ auf Länderratings niederschlagen könnte. „Insbesondere die wirtschaftlichen und fiskalischen Aussichten könnten sich als anfällig bei einer Zunahme des Terrorismus erweisen“, schreiben die Bonitätswächter in einem Kommentar zu den terroristischen Angriffen in Paris.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×