Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.06.2013

15:40 Uhr

Social Media im Wahlkampf

Das unbequeme Netz

VonSara Zinnecker

Handschriftliche Notizen, Schmähplakate, Haustürbesuche: Um Wahlverweigerer zu mobilisieren, reicht altbackener Wahlkampf häufig nicht aus. Warum die Parteien den Meinungsaustausch im Netz dennoch kaum anschieben.

Seit er Kanzlerkandidat der SPD ist, twittert Peer Steinbrück auch. dpa

Seit er Kanzlerkandidat der SPD ist, twittert Peer Steinbrück auch.

Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, was Thorsten Faas, Wahlforscher an der Universität Mainz, den Wahlkampfstrategen der Parteien da unter die Nase reibt. Die klassische Wahlwerbung hätte kaum Effekte auf eine Zielgruppe, die letztlich wahlentscheidend sein könnte: Deutschlands steigende Zahl an Nichtwählern.

Plakate, Wahlveranstaltungen, Fernsehbeiträge – sie hätten wenig Effekt auf die Gruppe der „politisch wenig Interessierten“, Millionen von Deutschen also. Entscheidend für deren Orientierung in der Parteienlandschaft sei der Austausch mit anderen, mit Freunden etwa, oder Kollegen. Faas‘ Fazit: Wollten die Parteien hier großflächig mobilisieren, müssten sie ihren potenziellen Wählern eine Gesprächsplattform im Netz anbieten, „das digitale Äquivalent zur persönlichen Unterhaltung schaffen.“ Warum aber passiert bislang in Deutschland dergleichen nur wenig?

Hört man die Wahlkampfmanager und strategischen Strippenzieher, so ist – aller Wahlbeobachtung zum Trotz – bei den meisten Parteien der Glaube verankert, dass sich über den Dialog mehr Menschen beeinflussen lassen, als über den Meinungsaustausch auf einem der Social-Media-Kanäle, wie Facebook, Twitter oder Blogs.

„Die Genossen werden die Wahl in Wohnblocks entscheiden, nicht in Internetblogs“, sagt etwa Karsten Göbel, der mit seiner Agentur Super J+K den Wahlkampf der SPD betreut. In jedem der 299 Wahlkreise gebe es einen Kampagnenmacher, der die Menschen zu Hause treffe, wenn sie sich dafür vorab online registrieren. Fünf Millionen Menschen will die SPD über diesen Tür-zu-Tür Wahlkampf erreichen.

Mal eine persönliche Kurznachricht von Peer Steinbrück. Foto: Screenshot

Mal eine persönliche Kurznachricht von Peer Steinbrück. Foto: Screenshot

Die CDU kalkuliert in noch größeren Kategorien: Zehn Millionen Haushalten will sie einen Besuch abstatten. Auch Grünen-Wahlkämpfer Robert Heinrich pocht auf das aktive Auf-die-Menschen-Zugehen, canvassing, wie er es nennt. Jugendlich, wie die Grünen seien, „schaffen wir es nicht nur bis zum Erdgeschoss, sondern bis in den sechsten Stock.“

Daneben kursiert die Ansicht, dass es in Deutschland nicht genug Anhänger gebe für eine groß angelegte Kampagne im Netz. „Ein Wahlkampf wie in den USA ist in Deutschland nicht möglich“, sagt Dennis Schmidt-Bodemann, der den Wahlkampf der FDP plant. Schuld sei die Demographie. Im Vergleich zu den USA gebe es in Deutschland zu wenige digital natives, solche Wähler also, die bereits mit dem Internet und der digitalen Kommunikation aufgewachsen sind.

Allein, ganz geheuer scheint den Wahlstrategen ihre passive Haltung gegenüber Social Media selbst nicht zu sein. In einem Nebensatz räumt SPD-Wahlkämpfer Göbel ein, dass Blogs doch „nicht ganz unwichtig“ seien – für die Wahrnehmung der Partei. Auch die CDU, die vor allem vermeiden will, die gegnerischen Nichtwähler durch allzu aktive Wahlkampfmanöver zu mobilisieren, weiß um die Unentschlossenen: „Wenn wir die Masse der Berufstätigen erreichen wollen, sollten wir Social Media im Wahlkampf nicht unterschätzen", sagt der ehemalige Bundesvorstand Peter Radunski. Grüne und FDP, sie lenken schließlich auch ein: „Ohne Internet können wir die Wahl verlieren.“

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

hermann.12

18.06.2013, 16:28 Uhr

Ist doch kein Wunder, bei Social Media Diensten ist die Kommunikation eben nicht einseitig, wie bei der herkömmlichen Wahlwerbung. Da stellt sich viel schneller eine Position als nicht so ganz schlüssig heraus. Das ist wie der Unterschied zwischen einem schnellen Haustürgeschäft und einer seriösen Beratung. Letzteres würde sehr viel anstrengender ausfallen und so manche aktuelle Wahlkampfstrategie, die nur auf Oberflächlichkeitne zielt würde entlarvt werden. Die Interessengesgegensätze innerhalb der Gesellschaft würde sehr viel deutlicher zu tage treten. eben weil sichtbar würde, dass die Schlagworte unter denen Einigkeit vorgetäuscht wird, mindestens ein halbes Dutzend gegensätzlicher Positionen enthalten.
Deshalb sind die Wähler ja so frustriert, weil sie meist erst hinterher merken, das was ganz anderes gemeint war bzw. vieles gemeint sein konnte.
Noch leben die Volksparteien davon, das ein ausreichender Teil der Wählerschaft das gar nicht versteht und inhaltlich würdigt, da willman keine schlafenden Hunde wecken.

H.

Account gelöscht!

18.06.2013, 17:12 Uhr

Wenn mich einer besuchen käme, ich würde ihn gar nicht rein lassen
Ich hab Besseres zu tun, als mir das verlogene Gelaber anzuhören

Account gelöscht!

18.06.2013, 19:32 Uhr

Vor allen wird natürlich zensiert und damit jede Gesprächsform abgewürgt. Alternative und langweilige Talkrunden will keiner im Netz. Hier zählt Ehrlichkeit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×