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30.11.2012

13:50 Uhr

Soziale Medien

Mit dem OB auf Du-und-Du per Facebook

VonMaike Freund

Immer mehr kommunale Politiker nutzen Soziale Netzwerke, um mitzubekommen, was vor allem die Unter-30-Jährigen in Sachen Politik bewegt. Entziehen will sich keine Stadt mehr, dabei birgt die Facebook-Welt auch Gefahren.

Das Facebook-Profil von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.

Das Facebook-Profil von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.

Düsseldorf„Ohne Facebook hätte ich nicht erkannt, wie Tempo 30 Teile der Bevölkerung emotionalisiert. Das spricht klar für das Medium.“ Es ist Boris Palmer (Grüne), Tübingens Oberbürgermeister, der auf seiner Facebook-Seite ein Loblied auf das Soziale Netzwerk als Kommunikationsmittel singt. Per Social Media erreicht er Bürger, die in der Regel nicht zu einer Bürgerversammlung kommen. Er bekommt Input von einer Generation, die als politikverdrossen gilt. Dass er Facebook auch politisch nutzt, finden viele gut und posten das auch auf seiner Seite. Doch die Facebook-Welt hat auch dunkle Seiten.

Es sind nicht nur die Beleidigungen, mit denen Palmer sich herumschlagen muss. „Möchtegern Bürgermeister“ und „grüner Tyrann“ gehöre da noch eher zu den harmloseren Beschimpfungen, sagt er. Es sei auch der Verlust der „Hierarchie und der Abstand zur Person“. Beispielsweise durch Verniedlichung seines Vornamens zu „Borisle“ oder auch durch Du-Anreden in Beiträgen. Wie er damit umgehen soll, weiß er nicht. „Es ist eine Besonderheit des Mediums. Ich glaube nicht, dass das auf einer Bürgerversammlung passieren würde“, sagt Boris Palmer Handelsblatt Online.

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„Es ist die Aufgabe eines Politikers, zu verstehen, was die Bürger bewegt“, sagt Palmer. Und dazu biete Facebook eben eine tolle Möglichkeit. Doch gleichzeitig bilde das Soziale Netzwerk nur eine „Teilrealität“ ab. Und die Vertreter dieser Teilrealitäten seien unbelehrbar. Ein Beispiel: Tempo 30. Ein Thema, das in Tübingen zwar aktuell sei, aber entspannt diskutiert würde. Nicht so im Netz. Dort schaukle sich die Diskussion immer weiter auf, politische oder sachliche Einwände würden bei den Usern nicht gelten. „Facebook produziert einen Tunnelblick“.

Während viele Politiker Twitter schon lange für sich entdeckt haben, kommen Facebook & Co. erst langsam als Kommunikationsmittel bei Kommunen an. „Es gibt keine Stadt mehr ohne Netzauftritt“, sagt Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte und Gemeindebund. „Soziale Netzwerke sind – wenn auch etwas verspätet – jetzt der nächste Schub“. Von den Kommunen seien es etwa zwanzig Prozent, die Faceook und Twitter nutzen würden.

„Was muss ich tun? Muss das über die Pressestelle laufen? Wie läuft das mit dem Datenschutz? Wie ist das mit Anträgen? Können die per Facebook gestellt werden? Solche Fragen sind es, die Städte, Kommunen und Politiker beschäftigen, wenn es um den Auftritt bei Facebook geht. Denn Medienkompetenz sei nicht automatisch gegeben, sagt Hebbel. Deshalb gibt er für Städte und Kommunen nicht nur Beratung, immer häufiger hält Habbel auch Vorträge.

OB Palmer hat ein weiteres Problem: die Zeit. Mindestens eine Stunde pro Tage muss er in den Facebook-Auftritt investieren, Ideen posten, Kommentare beantworten und den ein oder anderen eben auch mal sperren. Und natürlich muss das Ganze schnell gehen, denn auf einen Kommentar müsse man umgehend antworten. Das alles kostet Zeit, die er eigentlich nicht hat. Deshalb will er nun einen neuen Versuch unternehmen, damit die Stadt Geld für einen Social-Media-Beauftragten freigibt.

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Eigentlich wollte Palmer schon 2012 eine 0,2-Stelle für Social Media-Aktivitäten der Stadt schaffen. Doch der Gemeinderat gab die Mittel dafür nicht frei. Man war nicht überzeugt davon, dass ein Sozial-Media-Beauftragter nötig war. Weil der OB aber glaubte, dass man Soziale Netzwerke nicht mehr weiter ignorieren könne, machte er seine private Facebook-Seite auch zu seiner politischen. Für ein Jahr wollte er testen, was das Soziale Netzwerkt bringt. Sein Fazit: „Facebook ist sehr demokratisch und ich halte es weiterhin für wichtig, aber es ist eben sehr, sehr anstrengend.“

Kommentare (1)

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Thomji

30.11.2012, 15:20 Uhr

In diesem Text sind mir doch zu viele Halbwahrheiten,
wer Boris Palmer im Internet duzt ist in der Regel kein Feind Palmers und tut dies wohl eher in grüner Parteimanier
und jeder, der mal Boris Palmers Facebook-Profil gesehen hat, weiß genau, dass es da mehr um Selbstdarstellung als um Vertretung der Stadt geht!

ein bisschen mehr journalistische Distanz könnte nicht schaden

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