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28.04.2015

15:30 Uhr

Soziale Spaltung in Deutschland

Kluft zwischen Arm und Reich wird größer

Die soziale Schere klafft in Deutschland immer weiter auseinander. Das ist das Ergebnis einer Studie des Paritätischen Gesamtverbandes. Der Bundesregierung bescheinigt die Untersuchung Defizite in der Sozialpolitik.

Die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland ist groß. dpa

Champagner gekühlt

Die Kluft zwischen arm und reich in Deutschland ist groß.

BerlinDie soziale Spaltung in Deutschland nimmt einer aktuellen Studie zufolge weiter zu. Am wachsenden Wohlstand hätten „immer weniger Menschen teil“, mahnte der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes, Rolf Rosenbrock, am Dienstag bei Vorstellung der Untersuchung in Berlin. Laut dem Jahresgutachten des Paritätischen zur sozialen Lage leben mittlerweile 15,5 Prozent unter der Armutsgrenze. Der Bundesregierung bescheinigt die Studie Defizite in der Sozialpolitik.

„Alle volkswirtschaftlichen Erfolgsmeldungen können nicht über die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft hinwegtäuschen“, unterstrich der Verfasser des Gutachtens, Joachim Rock. Die Armutsquote sei erneut gestiegen, die Langzeitarbeitslosigkeit verfestige sich oberhalb der Millionengrenze, und die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer tiefer – „und das alles trotz guter Konjunktur und wachsender Erwerbstätigkeit insgesamt“.

Rosenbrock verwies in diesem Zusammenhang unter anderem darauf, dass es mehr als sieben Milliarden Euro Privatvermögen in Deutschland gebe. Gleichzeitig gelte „jeder zehnte Erwachsene mittlerweile als überschuldet und hat im Durchschnitt über 32.600 Euro Schulden“.

2060 ist jeder Achte 80 Jahre oder älter

Wandel der Erwerbs- und Altersstruktur

Deutschland steht vor einem dramatischen Wandel der Erwerbs- und Altersstruktur seiner Einwohner. Im Jahr 2060 werden 100 Erwerbspersonen etwa 100 Kinder und alte Menschen versorgen müssen. Derzeit beträgt das Verhältnis 100 zu 64. Das hat Folgen für alle Lebensbereiche, von Bildungseinrichtungen über Arbeitsmarkt und Sozialversicherung bis hin zum Wohnraum im Alter. Maßgeblich sind Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit und Zuwanderung. Es folgen Kernaussagen der Statistiker:

Quelle: Statistisches Bundesamt

Bevölkerungszahl

Sie wird von derzeit rund 81 Millionen bis zum Jahr 2060 auf 68 bis 73 Millionen zurückgehen. Für fünf bis sieben Jahre erwarten die Statistiker noch eine Zunahme durch hohe Zuwanderung, die das Geburtendefizit übersteigt. 2014 dürfte die Bevölkerung das vierte Jahr in Folge gewachsen sein.

Erwerbspersonen (1)

Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (für die Statistiker die 20- bis 64-Jährigen) wird schon in den nächsten 20 Jahren um sechs bis acht Millionen auf etwa 43 bis 41 Millionen zurückgehen. Wird das Erwerbsalter wie bei der Rente mit 67 rechnerisch um zwei Jahre heraufgesetzt, wären es rund zwei Millionen Personen mehr.

Erwerbspersonen (2)

2060 könnte ihre Zahl zwischen 34 bis 40 Millionen liegen, je nach Höhe der Altersgrenze und Umfang der Zuwanderung. Das heißt: Im schlimmsten Fall stünden 30 Prozent weniger Menschen zur Verfügung, die einer Arbeit nachgehen können.

Altersstruktur

Jeder Achte (12 bis 13 Prozent) wird 2060 80 Jahre oder älter sein. Mit neun Millionen werden es doppelt so viel sein wie derzeit. 65 Jahre oder älter ist heute jeder Fünfte, im Jahr 2060 wird es jeder Dritte sein.

Geburten und Sterblichkeit

Die Geburtenrate erwarten die Statistiker unverändert bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Die Lebenserwartung bei der Geburt dürfte 2060 für Jungen um sieben Jahre auf etwa 85 Jahre und für Mädchen um sechs auf rund 89 Jahre gestiegen sein. 2060 werden bei dieser Geburtenrate etwa 500.000 mehr Menschen sterben als Kinder geboren werden.

Zuwanderung (1)

Nur durch hohe Zuwanderung ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahren gewachsen. Auf Dauer können nach Deutschland kommende Ausländer das Geburtendefizit aber nicht ausgleichen, zumal damit gerechnet wird, dass die Zuwanderung aus Europa nach Deutschland wieder abnimmt, sobald sich die wirtschaftliche Lage in deren Heimatländern bessert.

Zuwanderung (2)

Auch die Zahl der Flüchtlinge nach Deutschland ist aufgrund von Krisen und Konflikten in der Welt so hoch wie seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Dennoch gehen die Experten davon aus, dass nach einer Netto-Zuwanderung von je 500.000 Menschen in den Jahren 2014 und 2015 wieder weniger Menschen nach Deutschland kommen. Auf lange Sicht werde sich der Wanderungssaldo ab etwa 2020 bei jährlich 100.000 bis 200.000 stabilisieren.

Kern des Gutachtens ist dem Paritätischen zufolge eine ausführliche Analyse und Bewertung der 2014 umgesetzten sozialpolitischen Gesetzesvorhaben – von der Pflegereform über das Rentenpaket bis hin zu Veränderungen im Staatsangehörigkeitsrecht. „Die Bundesregierung war sozialpolitisch nicht faul, aber sie hat die falschen Prioritäten gesetzt“, kritisierte Rosenbrock. Zwar habe die große Koalition beispielsweise mit der Einführung des Mindestlohns zum sozialen Zusammenhalt beigetragen. Andere politische Entscheidungen wie „das sehr kostenintensive Gesetzespaket zur Rentenreform“ hätten hingegen die soziale Spaltung sogar noch vertieft.

Zu den „großen Verlierern dieser Politik“ zählten insbesondere Langzeitarbeitslose, Kinder in einkommensschwachen Familien und arme ältere Menschen, betonte Rosenbrock. Besonders für diese Gruppen seien mehr Unterstützung und durchgreifende Reformen unabdingbar – unter anderem der Ausbau öffentlich geförderter Beschäftigung, eine bedarfsgerechte Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze sowie eine durchgreifende Reform der Altersgrundsicherung.

„Die Bundesregierung wird dabei nicht umhin kommen, auch ihr Tabu der Steuererhöhungen zu überdenken“, erklärte Rosenbrock. „Der Verzicht auf eine angemessene Besteuerung sehr hoher Einkommen, Vermögen und Erbschaften ist und bleibt der Geburtsfehler dieser großen Koalition“.

Von

afp

Kommentare (6)

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Herr Wolfgang Trantow

28.04.2015, 19:16 Uhr

Die Klufft muss noch größer werden, lt. unsere Politiker! Wer führt unserer Land? Die "Christin" Merkel. Ich habe etwas anderes in meiner Schulzeit über das Christentum gelernt! Nur da gab es eine Frau Merkel, Hr. Gauck und Hr. Wulff glücklicherweise nicht!

Herr Teito Klein

29.04.2015, 08:15 Uhr

Armut in Deutschland
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In Deutschland sind 11 Millionen Menschen "arm". Das entspricht der Einwohnerzahl Griechenlands.
Aber die "armen Deutschen" unterstützen die "reichen Griechen" auch weiterhin finanziell.

Und wie "arm" Deutschland ist, kann man an der Infrastruktur sehen.
Unsere Straßen sind Schlaglochpisten,, die Brücken sind marode und werden gesperrt. Das Schienennetz ist zur "Langsamfahrstrecke verkommen. Schulen und Kitas verkommen.
Bibliotheken und Schwimmbäder werden geschlossen, etc.

Herr Peter Noack

29.04.2015, 08:45 Uhr

Den Essay von Prof. Georg Cremer dazu hat wohl niemand gelesen? Wenn sämtliche Einkommen und Sozialleistungen, sogar nach Steuererhöhungen auf Vermögenseinkommen, sich verdoppeln, ändert das an dem gegenwärtigen Armutsrisiko überhaupt nichts. Sind denn wirklich 11 Millionen Deutsche arm? Darf niemand sein Vermögen verkonsumieren? Nicht einmal der Lottomillionär, der arm ist, weil er kein Einkommen über 982 Euro monatlich hat? Auch die Studenten aus Milliardärshaushalten, die kein Bafög erhalten? Müssen die dann für ihr Studium arbeiten?
Wenn Armutsrisiko mit Armut gleichgesetzt wird, dann kann sogar erfolgreiche Politik diskreditiert werden. Wie steht denn Deutschland im Vergleich zu Italien, Belgien, Frankreich, usw. ganz zu schweigen von Osteuropa oder Griechenland da? Hier werden Statistiken uminterpretiert, sagt Prof. Cremer. Das erfolgt doch nicht ohne Absicht, oder? Will niemand im HB mal nachrecherchieren?

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