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04.02.2017

10:04 Uhr

SPD auf Stimmenfang

Schulz lässt rote Rosen regnen

VonDiana Fröhlich

Als Popstar der Politszene inszeniert sich Martin Schulz beim Wahlkampf der saarländischen SPD. In Saarlouis verteilte der Kanzlerkandidat rote Rosen an Fußgänger. Von seinen Anhängern wird er gefeiert.

Martin Schulz in Bocholt

„Diese Partei ist unser Gegner, wie es die Faschisten immer waren“

Martin Schulz in Bocholt: „Diese Partei ist unser Gegner, wie es die Faschisten immer waren“

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Saarlouis/Mettlach-OrscholzEs ist die Anwesenheit von Martin Schulz, die Heiko Maas lächeln lässt. Lange habe er – und damit meint er seine Partei – auf einen solchen Moment warten müssen. Und nun will er ihn auch genießen. Der Bundesjustizminister schreitet durch die Fußgängerzone von Saarlouis, die Sonne scheint, es riecht schon ein bisschen nach Frühling. Nach Aufbruch. Maas bleibt immer ein kleines Stückchen hinter dem prominenten Gast, dem Kanzlerkandidaten der SPD – und freut sich über den „mächtigen Auflauf“, den Schulz in der Kleinstadt ausgelöst hat.

Schulz unterstützte am Freitag ganztägig die Saar-SPD, erst beim Straßenwahlkampf, später beim außerordentlichen Parteitag in Mettlach-Orscholz, rund 30 Kilometer von Saarlouis entfernt. Beide Termine zogen viele Menschen an, viel mehr, als die Veranstalter erwartet hatten. Am 26. März wird in dem Bundesland im Südwesten der Republik ein neuer Landtag gewählt. Schulz weiß, dass ein positives Ergebnis seine Beliebtheit weiter steigern, die Motivation hoch halten würde. Dementsprechend wichtig ist ihm der Besuch im Saarland.

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

Und so lief er umringt von Journalisten und Anhängern, von Neugierigen und Schaulustigen eine Stunde lang durch die Fußgängerzone von Saarlouis. Er beantwortete geduldig Fragen, erzählte von seinem Vater, der aus dem Saarland kommt, davon, wie sehr das Bundesland Europa im Herzen trage. Er verteilte rote Rosen und Autogramme und ließ sich dutzende Male fotografieren. Lächelnd, zurückhaltend, immer höflich. Schulz, der Popstar der Polit-Szene.

Der 61-Jährige freute sich sichtlich über die Begeisterung, die er mit seinem Besuch im Saarland auslöste. Und blieb doch ruhig, ja geradezu entspannt. Zumindest nach außen. Den Job kennt er bestens, es ist bei weitem nicht Schulz' erster Straßenwahlkampf. Der Unterschied diesmal: Das Amt, um das es geht.

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„Ich will Bundeskanzler werden“, sagte der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments in seiner Rede während des außerordentlichen Parteitags in Orscholz, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Mettlach. Von dort hat man den besten Blick auf das Wahrzeichen des Bundeslandes: die Saarschleife. Und: „Ich habe keine Angst vor Meinungsumfragen.“ Eine gute Stunde nach seinem Auftritt in der Fußgängerzone von Saarlouis kam er in der überfüllten Tagungshalle an. Hier beschloss die Saar-SPD ihr Programm für den Fall, dass ihre Spitzenkandidatin Anke Rehlinger nach der Landtagswahl Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ablösen könnte. Die Sozialdemokraten regieren bisher als Juniorpartner in einer großen Koalition mit der CDU.

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