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08.02.2017

14:57 Uhr

SPD-Höhenflug

„Mehr als ein Selbstbesäufnis unter Genossen“

VonHeike Anger

Seit der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat steigen die Umfragen für die SPD in ungeahnte Höhen. Das erstaunt selbst Werbeguru Frank Stauss, der es ablehnte, mit der SPD in den Wahlkampf zu ziehen.

Die Zeit „vor Martin“ ist bei den Genossen vorbei – die Partei ist im Umfragehoch. dpa

SPD

Die Zeit „vor Martin“ ist bei den Genossen vorbei – die Partei ist im Umfragehoch.

BerlinDas alles sei „absurd“ und eine „wahnsinnige Veränderung“, findet Werbeguru Frank Stauss. Noch Anfang des Jahres sei die Frage gewesen, wie düster die Bundestagswahl für die SPD ausgehe. Jetzt drehe sich plötzlich alles darum, wie stark die SPD werde. „Bei über 30 Prozent bist Du im Spiel um den ersten Platz“, meint der erfahrene SPD-Wahlkämpfer.

Tatsächlich fällt seit der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat eine Umfrage für die SPD besser aus als die andere. Am Mittwoch etwa wurden Zahlen von Forsa bekannt, nach denen die SPD erstmals seit Ende 2012 wieder über 30 Prozent steigt.  So gewinnen die Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche weitere fünf Prozentpunkte, steigen von 26 auf 31 Prozent und verkürzen damit den Rückstand zur CDU/CSU auf drei Punkte. Die Union liegt jetzt nach der Forsa-Umfrage bei 34 Prozent. Ein Punkt weniger als in der Vorwoche. In einer Umfrage von Insa, die am Montag veröffentlich wurde, hatte die SPD die Union sogar überholt.

Martin Schulz erfülle die Sehnsucht nach einer starken Stimme, die für das moderne Deutschland spreche, sagt der Werbeguru. PR

Frank Stauss

Martin Schulz erfülle die Sehnsucht nach einer starken Stimme, die für das moderne Deutschland spreche, sagt der Werbeguru.

Frank Stauss, Mitinhaber der Kommunikationsagentur Butter und Bestsellerautor von „Höllenritt Wahlkampf“, wird die SPD zwar nicht im Rennen um das Kanzleramt begleiten. Ende letzten Jahres verkündete er, nicht zur Verfügung zu stehen. Dass hält den bekennenden Sozialdemokraten dennoch nicht davon ab, die Lage für die Partei kritisch zu analysieren.  

„Ich habe mir ernsthafte und große Sorgen um die SPD gemacht“, bekennt Stauss in einem Podcast für das Kampagnen-Blog „Zielgruppenfernes Verhalten“. Denn: „Ich habe es in der Konstellation vor Martin für möglich gehalten, dass sie in Existenznot gerät.“

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

„Vor Martin“, das meint die Zeit, bevor Martin Schulz als SPD-Kanzlerkandidat und neuer Parteichef nominiert wurde. Die Zeit, in der die SPD in den Umfragen über Monate bleiern zwischen 20 und 23 Prozent lag. Das meint die Zeit unter SPD-Chef Sigmar Gabriel, der lange mit sich rang, ob er selbst die Kanzlerkandidatur übernehmen will.

Nun also „Zeit für Martin Schulz“, wie der SPD-Slogan lautet. Für Stauss ist da „Dynamik“ drin. Die SPD habe in der Regierung vieles umsetzen können, etwa den Mindestlohn, mehr Lohngerechtigkeit für Frauen und Männer oder eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte. „Es fehlte aber der Repräsentant, der das auch glaubwürdig und nach vorne gerichtet vermitteln konnte“, meint Stauss. Martin Schulz erfülle die Sehnsucht nach einer starken Stimme, die für das moderne Deutschland spreche. „Bundeskanzlerin Merkel steht für eine gewisse Stabilität, aber auch Stagnation und Schulz für einen Aufbruch“, sagt der Stratege.

Kommentare (7)

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Herr Gerd Hohn

08.02.2017, 15:32 Uhr

Gibt's für Martin dann einen Martini?

Herr Christian Trüe

08.02.2017, 17:20 Uhr

Das ist gefährlich für einen Ex-Alkoholiker! Zumindest, wenn man den Fake-News in den sozialen Medien glauben schenkt.

Herr Ferdinand Loeffler

08.02.2017, 17:42 Uhr

Das HB hat selten so offen Wahlhilfe für die SPD geleistet.

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