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30.10.2015

09:48 Uhr

SPD-Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel

Der Effenberg der deutschen Politik

VonWolfram Weimer

Sigmar Gabriel erklärt plötzlich seine Kanzlerkandidatur – zwei Jahre vor der Wahl. Was ungeschickt früh erscheint, ist in Anbetracht des schwindenden Rückhalts für Merkels Flüchtlingspolitik eine Kampfansage.

Der SPD-Parteivorsitzende und Vizekanzler wird zuweilen als Stefan Effenberg der deutschen Politik betrachtet. dpa

Sigmar Gabriel

Der SPD-Parteivorsitzende und Vizekanzler wird zuweilen als Stefan Effenberg der deutschen Politik betrachtet.

Sigmar Gabriel wird zuweilen wie ein Stefan Effenberg der deutschen Politik betrachtet: Präsent, aber poltrig – ein Mann, dessen Ambition und Ansagen größer scheinen als seine Substanz. Immer wenn er einen politischen Elfmeter zu verwandeln hat, wird ihm sein Temperament zum Verhängnis.

So wie vor wenigen Tagen, als die Union sich in der Migrationskrise zerstritt, da hätte er als souveräner Vizekanzler der Ruhe im ZDF punkten können, pöbelte aber die Moderatorin Bettina Schausten derart rüde und unnötig an, dass alle nur wieder über „Schiffschaukelbremser-Siggi“ den Kopf schüttelten.

Vor genau sechs Jahren ist Gabriel zum SPD-Parteivorsitzenden gewählt worden, weil die SPD damals in die bittere Mittzwanziger-Zone der Wahl- und Umfrageergebnisse abgestiegen war. Nach sechs Jahren Gabriel-Führung ist sie aus diesem Tal nie mehr aufgestiegen – Gabriels Paderborn heißt SPD. Doch nun erklärt der glücklose Vizekanzler, dessen Energiepolitik ebenso schlingert wie sein geliebter VW-Konzern, urplötzlich die Kanzlerkandidatur.

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

„Natürlich will ich Bundeskanzler werden“, lässt er sich im Stern zitieren. Der Vorgang ist verblüffend, denn es sind noch zwei Jahre bis zum Wahltermin im September 2017. Doch die Sache funktioniert, denn nun ist er per kühnem Presseinterview zum schnellsten Kanzlerkandidat der Bundesrepublik geworden.

Das passt zu seinem Temperament, schließlich prescht er – anders als Angela Merkel – lieber mit Getöse vor, als sich leise abzusichern. Im politischen Berlin wird allerlei Häme über Gabriels Eigenkrönung verbreitet. Er sei ein „Möchtegern-Kanzler“, ein „Siggi auf der Siegessäule“.

SPD-Chef Gabriel geht auf Union los: „Unwürdig und schlicht verantwortungslos“

SPD-Chef Gabriel geht auf Union los

„Unwürdig und schlicht verantwortungslos“

Erst macht Sigmar Gabriel seine Ambitionen auf das Kanzleramt öffentlich, schon geht der SPD-Chef auf den Koalitionspartner los. Durch den Flüchtlingsstreit in der Union sieht Gabriel die „Handlungsfähigkeit der Regierung“ bedroht.

Der Meinungsforscher und Forsa-Chef Manfred Güllner analysiert vernichtend: „Wenn man die aktuelle Lage betrachtet, hat er keine Chance. Bei der Kanzlerpräferenz liegt Angela Merkel unverändert weit vor Sigmar Gabriel. Er bewegt sich mit seinen Werten fast aus dem Niveau von Kurt Beck, der wohl der schwächste Vorsitzende in 150 Jahren SPD-Geschichte war. Selbst Rudolf Scharping hatte bessere Werte, bevor er von Oskar Lafontaine vom Thron gestoßen wurde. Sigmar Gabriel hat bisher noch kein richtiges Profil gewonnen. Stand heute halte ich es für unvorstellbar, dass er Angela Merkel aus dem Kanzleramt vertreiben kann.“

Güllner erinnert daran, dass nur 35 Prozent der SPD-Mitglieder Gabriel für den besten Kanzlerkandidaten halten: „Wenn die eigenen Leute nicht an den Sieg glauben und eigentlich schon aufgegeben haben, ist das natürlich ein großes Problem.“ Tatsächlich kam aus der SPD noch vor wenigen Tagen der demütigende Vorschlag, die SPD bräuchte besser eine Doppelspitze.

Kommentare (54)

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Account gelöscht!

30.10.2015, 09:59 Uhr

Gegen Dr. Merkel hat der Dicke von den Sozen doch eh keine Chance. Falls unsere hochgeschätzte BKlerin nochmal in den Ring steigt !

Herr Jürgen Bertram

30.10.2015, 10:00 Uhr

auf das Grauen (Part I, Merkel) soll wohl nun das Grauen (Part II, Gabriel) folgen?

Es wird Zeit, dass diejenigen, die diese Krisen verursacht haben, dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
(...) Gabriel für seine Unfähigkeit noch zu "befördern" wäre kontraproduktiv.

Wer die Blockparteien wählt, wählt verkehrt.


!!!! MERKEL und Gabriel MUSS WEG !!!!

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Herr Gerd St

30.10.2015, 10:04 Uhr

Es ist unverständlich, warum sich überhaupt jemand mit dem Geschwafel von Gabriel beschäftigt. Das er überhaupt so hochgespült wurde, ist allein den nicht vorhandenen fähigen Politikern zu verdanken - unter den Blinden ist der Einäugige König !
Nur wenn ich daran denke: In der Zeit von Wehner, Brand, Schröder wäre diese Figur nicht mal für Hilfsdienste in der Poststelle zugelassen worden.
Wir sind weit gekommen, na ja in Zeiten von Bauer sucht Frau und Schlag den Raab.
Wäre ich heute noch in dieser Partei, wäre ich jetzt schon lange ausgetreten. Aber man kann sich immer noch fremd schämen.
Und wenn jetzt Dick und Doof glaubt er kann Kanzler, dann zeigt das nur, dass nicht nur dumm ist, sondern auch naiv.

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