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02.05.2012

09:08 Uhr

Spitzentreffen im Kanzleramt

Merkel legt Turbo für Energiewende ein

Mit einem Energie-Spitzentreffen will Kanzlerin Merkel ihre Handlungsfähigkeit in Sachen Energiewende unter Beweis stellen. Das ist auch bitter nötig. Denn die Kommunen sehen das Projekt schon auf der Kippe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überfliegt den Windpark Baltic 1: „Erwarten ein klares Signal“. dapd

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überfliegt den Windpark Baltic 1: „Erwarten ein klares Signal“.

BerlinVor dem Energietreffen im Kanzleramt hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Klarheit über den Ausbau von Kraftwerken und des Stromnetzes in Deutschland angemahnt. „Ich möchte mir, bevor wir Anfang Juni den ersten Entwurf des Netzplans bekommen, einen Überblick verschaffen“, sagte Merkel im Interview mit der „Welt“ mit Blick auf das Treffen von Kraftwerksbauern, Netzbetreiber und Energieversorgern im Laufe des Tages im Kanzleramt. Sie sei zwar mit der Geschwindigkeit der Energiewende „im Großen und Ganzen“ zufrieden. Offene Fragen gebe es aber etwa bei dem geplanten massiven Ausbau der Offshore-Windenergie. „Das wirtschaftliche Risiko solcher Anlagen muss beherrschbar sein, die Anbindung ans Festland ist eine Herausforderung.“

Zugleich verteidigte sie, dass der Umwelt- und der Wirtschaftsminister nicht an dem Treffen teilnehmen. Diese würden von Fachbeamten vertreten und unterrichtet. Merkel hat die Ministerpräsidenten für die Zeit nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zu einem Energiegipfel eingeladen, um möglichst verbindliche Absprachen über den Bau neuer Kraftwerke und Leitungsnetze zu treffen. Dies soll sowohl den Aufbau von Überkapazitäten vermeiden helfen als auch den Stromtransport aus dem Norden in den stärker industrialisierten Westen und Süden Deutschlands sicherstellen. Das heutige Treffen dient der Vorbereitung dieses Energiegipfels.

Bei dem heutigen Treffen geht es vor allem um die Frage, wie der Bund Energiekonzerne und Stadtwerke zum Bau neuer Gaskraftwerke bewegen kann - und ob die Stromkunden dafür extra zahlen müssen. Letztlich soll auf diese Weise die Stromversorgung stabilisiert und der Kampf gegen die Blackout-Gefahr gewonnen werden. Politischer Sprengstoff also, der allerdings eine recht lange Zündschnur hat, denn gerungen wird um Investitionen für die nächsten 20 bis 30 Jahre. In Teilnehmerkreisen wird daher kaum mit schnellen Entscheidungen gerechnet.

Merkels Baustellen bei der Energiewende

Kosten

Im Jahr 2013 drohen für einen normalen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden Ökoförder-Kosten von bis zu 175 Euro (derzeit 125). Der Hintergrund: Die zuständigen Netzbetreiber rechnen mit einem deutlichen Anstieg der von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Grund liege auch in immer mehr Ausnahmen für Industriebetriebe und in einer neuen, sehr teuren Marktprämie für Wind- oder Solarparkbesitzer, die ihren Strom selbst vermarkten.

Stromnetz

Die 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen, die laut Deutscher Energie-Agentur gebraucht werden, gelten schon wieder als überholt. Das Wachstum der erneuerbaren Energien erfolgt zwar rasant. Dies treibt aber die Förderkosten - und es fehlen schlicht Netze zum Abtransport, gerade vom Norden in den Süden. Zudem bremsen technische Probleme die Anbindung der See-Windparks. Bisher ist unklar, wie der Netzausbau stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt werden könnte. Im bisher Atomenergie-lastigen Süden gibt es zu wenig Ökoenergie und im Norden und Osten vielerorts zu viel.

Kraftwerksbau

Zwar gibt es nach der vom Branchenverband BDEW erstellten neuen Kraftwerksliste 84 Kraftwerksprojekte (Wind, Gas, Kohle) mit einer Leistung von 42.000 Megawatt. Aber bisher fehlen immer noch Dutzende Gaskraftwerke, um gerade nach 2022 den Ausfall aller Atomkraftwerke aufzufangen. Da jetzt schon an einigen Tagen Wind und Sonne den Bedarf fast decken können, gibt es eine zu große Unsicherheit, ob neue Kraftwerke genug Produktionsstunden bekommen. Sie sind aber notwendig, um zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Wetterlagen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gefordert werden daher besondere finanzielle Anreize.

Speicher

Dieses Thema hängt eng mit den Kraftwerksplänen zusammen. Bisher gibt es erst rund 6400 Megawatt Speicherkapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken. Hier kann überschüssiger Strom bei zu viel Wind und Sonne durch das Heraufpumpen von Wasser in ein höher gelegenes Becken gespeichert werden. Bei Flaute und Wolken stürzt das Wasser herunter und treibt stromerzeugende Turbinen an. Das Potenzial ist hier aber begrenzt, daher ruhen Hoffnungen auf neuen Ideen wie der Wind-zu-Gas-Technologie. Aber: Das Ganze braucht Zeit. Gibt es einen Durchbruch bei Speichern, dann dürfte die Ökowende weltweit Nachahmer finden. Aber ohne Speicher bleibt die Stromproduktion aus Wind und Sonne schlicht unkalkulierbar und sehr teuer.

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, äußerte schon Zweifel am Erfolg der Energiewende und forderte daher alle Beteiligten zu entschlossenem Handeln auf. „Wir erwarten von dem Gipfel ein klares Signal, dass Politik und Wirtschaft gemeinsam mit Kommunen und Bürgern die Energiewende vorantreiben“, sagte Landsberg Handelsblatt Online. Denn: „Bei der Energiewende ist der Erfolg noch nicht sicher. Zwar entstehen überall Windkraftanlagen und andere Einrichtungen der alternativen Energieerzeugung, leider hält der notwendige Netzausbau dabei nicht Schritt.“

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Wie Landsberg sagte, sind etwa 4.000 Kilometer Höchstspannungsleitungen und zusätzliche 230.000 Kilometer regionale Verteilnetze nötig, um eine „dauerhafte und zuverlässige Stromversorgung mit alternativer Energie“ zu realisieren. „Zusätzlich brauchen wir Reservekraftwerke, möglichst auf Gaskraftbasis, die die Stromversorgung auch dann sicherstellen, wenn der Wind nicht weht“, fügte der Städtebund-Geschäftsführer hinzu. Die Energieversorger müssten hier entsprechende Investitionen tätigen und die Politik müsse entsprechende Investitionsanreize schaffen. Gemeinsam müsse man zudem bei den Bürgern für die Akzeptanz dieser „notwendigen Ausbaumaßnahmen“ werben.

Netzausbau

Neue Trassen für neue Energie

Netzausbau: Netzausbau - neue Trassen für neue Energie

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Kommentare (36)

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Account gelöscht!

02.05.2012, 06:54 Uhr

Es geht dabei um die Frage, wie der Bund Energiekonzerne und Stadtwerke zum Bau neuer Gaskraftwerke bewegen kann - und ob die Stromkunden dafür extra zahlen müssen.
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Wer soll das dann bezahlen wenn nicht der Endverbraucher ?
Warum sollte jemand eine Investition tätigen , wenn er genau weis das sie sie über den Verkaufspreis nicht wieder bezahlt macht ?

Account gelöscht!

02.05.2012, 06:59 Uhr

Das allerdings ist längst noch nicht das ende der Kostenspirale denn nun kommen noch der Trassenbau hinzu, die Wartung auf See ist enorm kostenintensiv , der "Landverbrauch" den Windkraft benötigt inkl.Versorgungs und Zufahrtswege verschlingt ebenfalls Milliarden , das wird ihnen natürlich über den Verkaufspreis in Rechnung gestellt !!!
Aber ja, das wussten sie natürlich alle als sie gebrüllt haben "abschalten sofort " Die Rechnung kommt immer zum Schluss und das was sie heute und morgen bekommen ist nur die Zwischenrechnung .
Sie werden sich noch an ganz andere Preise gewöhnen müssen .

Account gelöscht!

02.05.2012, 07:05 Uhr

Die logische folge aus diesen Preissprüngen bei Energie wir der ruf nach Staatlicher Unterstützung sein , dazu muss man sagen, dass es keine Energie-Unterstützung vom Staat geben darf . Die , die gebrüllt haben "Abschalten sofort " wussten um die folgen die ein solche abschalten haben muss ,
es waren auch H4 Empfänger und "Aufstocker" unter den Schreihälsen , die wussten sehr genau um die Konsequenzen , verlassen tun sie sich allerdings alle auf den Staat .

Keine Energie Zuschüsse aus Steuergeldern !!!

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