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27.01.2010

13:35 Uhr

Staatsbankrott

„Lösungen werden sehr schmerzhaft sein“

VonHeike Anger

Griechenland wird pleite gehen – davon ist der Experte für Finanzkrisen der Stiftung Wissenschaft und Politik, Heribert Dieter, überzeugt. Der Fall Argentinien zeige jedoch, dass der Bankrott nicht das Ende sei. Wie abgebrüht und gelassen Länder in der Krise reagieren sollten, macht nach Meinung des Experten Australien vor.

Heribert Dieter ist Experte für Finanzkrisen der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Pressebild

Heribert Dieter ist Experte für Finanzkrisen der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Herr Dieter, in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise drohen einige Länder, in Zahlungsbilanz-Schwierigkeiten zu geraten. Welche Länder sehen Sie derzeit besonders gefährdet?

Die Finanzmärkte haben dafür einen neuen, ganz passenden Begriff kreiert: die "PIIGS". Darunter fallen nach den Anfangsbuchstaben Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Damit sind die europäischen Härtefälle erfasst. Auch nach meiner Ansicht sind das die Kandidaten, für die es am schwierigsten ist. An erster Stelle steht natürlich Griechenland, wo ein erhebliches Risiko besteht, dass es zum Staatsbankrott kommt. Die zentrale Frage wird dann sein: Was machen wir mit einem Mitglied der Eurozone, das zahlungsunfähig geworden ist? Gegenwärtig haben wir noch keine politische Antwort darauf.

Was ist denn Ihre Empfehlung?

Die Empfehlung für Griechenland kann nur sein, dass das Land in den Staatsbankrott entlassen wird. Es müssen auch Abschreibungen durch die Investoren eingefordert werden. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, ein Land wie Griechenland, das mit Manipulation in die Eurozone gerutscht ist und sich als nicht zukunftsfähig erwiesen hat, was den Staatshaushalt anbelangt, ohne gravierende Eigenbeteiligung der Investoren zu entlassen. Das heißt: Staatsbankrott.

Wie lange dauert es denn Ihrer Meinung noch, bis das Land pleite ist?

Darüber kann man nur spekulieren. Es kann noch eine Weile dauern, bis Griechenland zahlungsunfähig wird. Vielleicht schafft es die griechische Regierung auch, die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Aber nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand ist das eher unwahrscheinlich. Was ich aber aus meiner Forschungsarbeit zu anderen Finanzkrisen gelernt habe: Ein Konkurs ist nicht das Ende. Wird der Fall Argentinien zum Vergleich herangezogen, zeigt sich, dass der Staatsbankrott eher die Entwicklung der argentinischen Wirtschaft gestärkt als geschwächt hat.

In Argentinien ereignete sich 2002 ein spektakulärer Fall von Staatsbankrott, den Sie ausgiebig erforscht haben. Damals wurden Staatsanleihen in Höhe von 80 Milliarden Dollar nicht mehr bedient. Wie kam es seinerzeit zur Krise?

Argentinien hatte ein Wechselkursregime, das nicht nachhaltig war. Eine extrem feste Bindung des argentinischen Pesos an den amerikanischen Dollar verhinderte, dass das Land in einer schwierigen Zeit seine Währung abwertete. Es bugsierte sich damit in eine Situation, die geprägt war von mangelnder Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen. Aus dieser Falle kam das Land nicht mehr heraus. Hier ist eine Parallele zu sehen zu den Schwierigkeiten, die Länder wie Italien, Spanien und Griechenland heute haben: Sie wären gut beraten, wenn sie ihre Währung abwerten könnten.

Aber da es sich um die Gemeinschaftswährung handelt, können sie das nicht tun.

Richtig. Im Grunde wäre eine Abwertung für diese Länder hilfreich. Aber innerhalb der Eurozone geht das nicht. Das ist das zentrale Problem. Früher hätte Italien abgewertet und das Problem wäre gelöst gewesen - oder zumindest leichter. Es fehlt also an Möglichkeiten, über interne Anpassungsmechanismen die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Unternehmen zu steigern. In Argentinien war dieser Weg möglich: Die Landeswährung, die bis Anfang 2002 im Verhältnis 1:1 an den Dollar gekoppelt war, wurde abgewertet. Sie sackte dann zwar ab auf zunächst Werte von vier Pesos zum Dollar. Eine ganz dramatische Abwertung! Diese ermöglichte es dann aber auch, wettbewerbsfähiger zu werden, sowohl auf dem Binnenmarkt gegenüber Importen als auch auf dem Weltmarkt mit den Exporten. Seit 2002 hat sich die argentinische Wirtschaft aufgrund dieser verbesserten Wettbewerbssituation außerordentlich positiv entwickelt.

Kommentare (5)

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no.7

27.01.2010, 15:56 Uhr

Sehr überzeugend, die Australier. Anstatt Aktivismus-Panik zu verbreiten, gar nicht verrückt machen lassen. So macht man das. Da muß man eben auch ausgeglichene staatsfinanzen haben und die bekommt man nicht, indem man Steuer- und sonstige Staatsgeschenke auf Pump austeilt. der kontrast des verlotterten Schulden-Deutschland zu Australien ist enorm. Da können Sie lernen, Frau Merkel !!

Armin

27.01.2010, 17:36 Uhr

Dieses Schicksal wird noch viele andere Staaten ereilen. Vielleicht gehen noch viele Jahre ins Land, aber besser wird es mit den Finanzen nicht mehr. Die Entschuldung der Staaten durch inflation oder Währungsreform (neue Weltwährung) wird kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche.

AJ

27.01.2010, 18:47 Uhr

Jeder, der sich jetzt für 6,1% Rendite eine Staatsanleihe von Griechenland kauft, der kann seinem Geld schon mal goodbye sagen. Wie es funktioniert, haben uns die Argentinier schon mal vorgemacht. Und die innenpolitische Lage in Griechenland ist auch nicht so rosig, wie im interview dargestellt: Krawalle, Unruhen, Streiks, Schüsse und bomben auf Polizeiwachen ... Und der Euro: Wird mit den PiGS schön butterweich! Denn die EU ist ein Zusammenschluß auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Zeche werden die bürger in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zahlen müssen. Ach ja, noch einmal zu Argentinien. Wer mal argentinische Anleihen hatte, ist für immer ein gebranntes Kind! Dort tobt zur Zeit ein heftiger Machtkampf zwischen Staatsführung und Notenbank. Die Argentinier sind keineswegs über den berg!

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