Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.08.2013

10:46 Uhr

Start in das neue Schuljahr

Stundenpläne für Loser

VonThorsten Giersch

In Teilen Deutschlands hat das neue Schuljahr begonnen. Selten war die Versagensangst bei jungen Menschen so groß. Das deutsche Bildungssystem gefährdet den Wohlstand. Wirtschaft und Eltern tragen daran Mitschuld.

I-Dötze im ersten Schuljahr: Keine rosigen Aussichten. ap

I-Dötze im ersten Schuljahr: Keine rosigen Aussichten.

DüsseldorfKevin ist kein Angsthase. Zwar gilt er bei Freunden nicht als Draufgänger, aber ein gesundes Leistungsempfinden ist dem 15-Jährigen vor allem auf dem Fußballplatz nicht fremd. Doch die Herausforderung Abitur lässt ihn furchtsam dreinblicken – vor allem, weil er es nicht in neun Jahren schaffen muss, sondern in acht. 1200 Schulstunden muss Kevin in dieser Zeit mehr absitzen als der Abitur-Jahrgang vor ihm. Gut 40 Stunden verbringt Kevin pro Woche in der Schule. Dazu kommen Hausaufgaben, Nachhilfe und die Vorbereitung auf Klausuren. Da freut man sich auf das Leben als arbeitender Mensch ohne Bulimie-Lernerei: Es dürfte stressfreier werden.

„Ich bin überzeugt, das ist ein Freiheitsgewinn“, hat die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan über das G8-Turbo-Abitur gesagt. Dieses Zitat hat sie sicherlich bei keinem der betroffenen Schüler abgekupfert. Bereits mit 14 musste sich Kevin für seine Leistungskurse entscheiden. Mathe und Deutsch sind es geworden und er zweifelt schon jetzt, ob das eine gute Idee war.

Kevin weiß nicht, welchen Beruf er mal ausüben will. Er weiß nur, was von ihm erwartet wird: Ein vollwertiges Mitglied der erfolgreichen Berufswelt zu werden. Fähig, bei einem globalen Player mitzuhalten und allen Anforderungen gerecht zu werden: Probleme zu lösen, Abläufe zu optimieren und emotionale Intelligenz auszustrahlen.

Chancen durch Veränderung der Schulstruktur

Verlängerung der Grundschule

33 Prozent der Lehrer und 27 Prozent der Eltern meinen mit einer Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre kann man benachteiligte Kinder am besten fördern.

Quelle: Allensbach

Einzelunterricht in der Schule

26 Prozent der Lehrer und 33 Prozent der Eltern meinen, der Einzelunterricht in der Schule verbessere die Situation der Kinder.

Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern

Die Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern ist für 21 Prozent der Lehrer und 40 Prozent der Eltern maßgeblich für eine verbesserte Förderung.

Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems

21 Prozent sowohl der Lehrer als auch Eltern meinen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems ist die beste Lösung.

Abschaffung der Noten

Lediglich sieben Prozent der Lehrer und acht Prozent der Eltern würden die Abschaffung der Noten als eine verbessere Förderung benachteiligter Kinder betrachten.

Abschaffung des Sitzenbleibens

Zehn Prozent der Lehrer und zwölf Prozent der Eltern denken, die Abschaffung des Sitzenbleibens ist am besten.

Vielleicht gehört er zu den 65 Prozent seines Jahrgangs, die später einen Beruf ausüben werden, den es heute noch gar nicht gibt. Dumm ist nur, dass Kevin  durch das deutsche Schulsystem auf all das nur völlig unzureichend vorbereitet wird. Rein statistisch wird er sich als Erwachsener nur noch an ein Prozent des in der Schule Erlernten erinnern. 

Kritik am Schulsystem gibt es seit Jahrzehnten. Doch selten waren die Rufe nach grundsätzlicher Veränderung so laut vernehmbar wie vor dem Beginn dieses Schuljahres. Nach den zum Teil verheerenden Ergebnissen der Pisa-Studie im Jahr 2000 riefen die Fachleute nach schnell wirksamen Maßnahmen. Jetzt geht es um tiefgreifende Modernisierung.

Kommentare (71)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.08.2013, 11:01 Uhr

Ich frage mich nur, wie die Ossis das früher geschafft haben. Ich hatte jahrelang drüben zu tun, und war fasziniert, was die für ein Schulsystem hatten. Im ganzen Osten gab es nur einen Lehrplan - es wurde überall das Gleiche gelehrt: Naturwissenschaften und Sprachen. Abitur ab der 11. Klasse bis zur 12.Klasse.

Die Bildung war unserem dreistufigen System um Welten überlegen.

Und wenn ich mir jetzt ansehe, wo Deutschland im europäischen vergleich herumtümpelt!
Vielleicht sollten wir uns einfach mal an den besten Bildungssytemen in Europa orientieren - den Skandinaviern - und alle sog. Experten, die seit 50 Jahren nichts auf die Reihe bekommen, in die Wüste schicken.

Warum immer das Rad neu erfinden? Es geht eh immer schief!

SenecAAA

12.08.2013, 11:10 Uhr

Der Autor trällert letztlich auf der Flöten-Klaviatur der OECD...Schule ist jedoch wie jede Form der Gemeinschaft nicht voraussetzungsfrei. Es wird keine leistungsfähige Schule geben ohne leistungsfähige Schüler. Masseneinwanderung und überproportionale Vermehrung von aus- wie inländischen Unterschichten fordern ihren Tribut. Da beißt die Maus keinen Faden ab und da kann man noch so viel billiges Geld ins Ausbildungssystem pumpen, mein SenecAAA.

Account gelöscht!

12.08.2013, 11:13 Uhr

Die massive Einflussnahme von Lobbyverbänden hat für das deutsche Bildungssystem genauso katastrophale Folgen, wie das Hü- und Hott von UNION und SPD, die quasi als erste Amtshandlung nach einer Wahl die "Reform" der Vorgängerregierung wieder rückgängig machten.

Nachhaltig zerstört wurde das deutsche Bildungssystem, als man den massiven Forderungen von Wirtschaftsverbänden nach kam und das G8 sowie die Bologna-Reform einführte. War früher das deutsche Diplom ein Exportschlager allererster Güte, kam mit Bologna Abschlüsse, die nichts wert sind. Kommando-Ton und Auswendiglernen an einer Hochschule - das gehört ins 19. Jahrhundert. Ebenso das Vollstopfen der "Zukünftigen Beitragszahler" mit Stoff im G8. Dazu wurden unter dem Stichwort "Vergleichbarkeit" bürokratische Monstren geschaffen; über allem stehen Betriebs- und Verwaltungswirte sowie Juristen, die Verwaltungsakte Prüfen und Gegenprüfen.

Ich kann absolut NIEMANDEM raten, in diesem Land noch Kinder in die Welt zu setzen. Das ist ganz einfach UNVERANTWORTLICH. Der nachwachsenden Generation kann ich nur ausdrücklich zurufen: Nehmt das alles nicht so für voll und vor allem nicht so ernst, was so manche "Wirtschaftsexperten" so von sich geben. Im Zweifelsfall gehen sie - wie 2008 nach der Lehman-Pleite - auf Tauchstation und wollen alles so nicht gesagt haben.

Wie beschrieb Piet Klocke noch die Argumentation damals?

"Niemand hat mit gar keinem Geld dieses Nichts Hervorgerufen".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×