Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2013

16:31 Uhr

Statt Akademiker

Deutschland fehlen die Facharbeiter

Deutschland wird bald kein Problem mehr mit zu wenig Akademikern haben, dafür gehen die Fachkräfte aus. Vor allem im Mint-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) könnte es bis 2020 eng werden.

Initiativen zur Gewinnung von Fachkräften gibt es genug, bisher bleibt der nötige Erfolg aber aus. dpa

Initiativen zur Gewinnung von Fachkräften gibt es genug, bisher bleibt der nötige Erfolg aber aus.

BerlinDie Gefahr eines gravierenden Fachkräftemangels in vielen technischen und naturwissenschaftlichen Berufen in Deutschland hat sich von den Akademikern zu den Facharbeitern verschoben. Auf längere Sicht bis zum Jahr 2020 droht nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor allem in den Ausbildungsberufen weit mehr als bei Akademikern eine Fachkräftelücke. Aktuell hat sich demnach der Engpass bei Fachkräften in diesem Bereich etwas entspannt. Derzeit fehlen den Unternehmen der IW-Studie zufolge rund 123.000 Arbeitskräfte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Vor einem Jahr sprach das Institut noch von 210.000 fehlenden Fachkräften.

Ende des Jahrzehnts könnten demnach bis zu 1,4 Millionen Facharbeiter in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint) fehlen, heißt es in dem am Montag in Berlin vorgestellten Mint-Frühjahrsreport 2013. Bei Mint-Akademikern sei bis zum Jahr 2020 nur eine Lücke von 156.000 Fachkräften erwarten. „Durch kräftige Arbeit im Bereich der Hochschulanfänger hat sich die Lage deutlich entspannt“, sagte Thomas Sattelberger, Chef der Wirtschaftsinitiative „MINT Zukunft schaffen“. „Es tut sich eine gravierende Lücke im Bereich der beruflich Qualifizierten auf.“

Die Studie stützt sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Die Behörde sieht derzeit keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, seit geraumer Zeit aber einen Mangel in zahlreichen Ingenieurberufen wie in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. In der Energietechnik etwa kamen im April auf bundesweit 100 freie Stellen im Durchschnitt 53 Arbeitslose.

Die Erwerbstätigkeit in den Mint-Berufen hat deutlich zugelegt. Die Zahl der Mint-Akademiker sei von 2005 bis 2010 um 295.000 gestiegen, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Einen hohen Anteil daran habe die Ausweitung der Erwerbstätigkeit von Älteren. Die Zahl der erwerbstätigen Mint-Akademiker über 55 Jahren sei im selben Zeitraum um 108.000 oder 34,1 Prozent gestiegen. Bei den älteren Mint-Fachkräften mit beruflicher Ausbildung habe die Beschäftigung um 37,8 Prozent zugelegt.

Die weiter steigende Erwerbsbeteiligung Älterer und von Frauen wird nach Einschätzung des IW dazu führen, dass die Fachkräftelücke bei Mint-Akademikern im Jahr 2020 beherrschbar sei. Die erwartete Lücke bei Facharbeitern werde sich dagegen als Wachstumsbremse erweisen. Im Bereich der beruflichen Bildung scheiden demnach 2013 bis 2020 gut 1,8 Millionen Beschäftigte altersbedingt aus, während nur 1,3 Millionen Absolventen von beruflichen Schulen nachkommen. Da die Wirtschaft im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich expandiere, würden rund 800.000 weitere Mint-Fachkräfte benötigt. Zusammen mit den heute schon fehlenden Meistern und Fachkräften könnte die Lücke bei 1,4 Millionen liegen. Eine höhere Beschäftigung von Älteren und Frauen würde diese Lücke demnach nur um gut 250.000 verringern.

Derartige Prognosen sind aber mit großen Unsicherheiten behaftet, weil kaum vorhersehbar ist, wie sich die Wirtschaft und ihre Arbeitskräftenachfrage wie auch die Berufswahl junger Leute entwickeln. Auch der Einfluss von Zuwanderung ist schwer vorherzusagen. So ist die Zuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren unerwartet stark gestiegen. IW-Chef Hüther sagte, schon heute brächten die Zuwanderer höhere Mint-Fähigkeiten mit als die Menschen in Deutschland.

Zudem kompensieren höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen einen Teil des demografischen Effekts. Wenn man dies wie auch die Zuwanderung berücksichtigt, stehen im Jahr 2025 nach Experten-Berechnungen etwa 3,5 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung. Frühere Berechnungen gingen einst davon aus, dieses Erwerbspersonenpotenzial werde um sechs Millionen einbrechen.

Von

rtr

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

hermann.12

06.05.2013, 17:43 Uhr

Ein guter Facharbeiter in den Mintfächern sollte schon mindestens beim Durchschnittslohn liegen. Das entspräche indiesem Bereich locker seinem Wertschöpfungsanteil.
Zur Zeit satteln gerade in diesem Bereich viele auf, weil eben die Bezahlung nicht stimmt. Die haben auch keine Lust sich von theoretisierenden Akademikern gängeln zu lassen ohne praktische Erfahrung, die sie dann ausbügeln dürfen. Viele sind auch ins Ausland abgewandert, für bis 50% mehr Gehalt als in Deutschland, was bei deutscher Besteuerung schon fast eine Verdoppelung des Nettoeinkommens im Ausland darstellt.
Wir erhöhen zwar ständig unsere Akademikerquote, dies aber weitgehend am Bedarf vorbei. Bin gespannt wann das dicke Ende kommt.

H.

Account gelöscht!

06.05.2013, 17:45 Uhr

Die meisten technischen Facharbeiter arbeiten im Handwerk und verdienen dort durchschnittlich 1300-1500 Brutto. Und genau das ist das Problem. Da bleibt nach Abzug aller Steuern, Miete, Strom, Internet/Telefon, GEZ und einigen wenigen notwendigen Versicherungen nicht viel übrig für Nahrung, Kleidung. Geschweige denn Bildung von Rücklagen für´s Alter oder gar Familie, Reise und Auto.
Unter diesem Gesichtspunkt ist diese Berufsausübung gerade so existenzsichernd, mehr aber nicht.

RumpelstilzchenA

06.05.2013, 19:25 Uhr

Warum werden dann so viele Fachkräfte entlassen?
Ich glaube eher, dass leichte Mädchen für die Mittagspause in den Führungsetagen fehlen!
Wer gibt das schon gerne zu?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×