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19.06.2013

11:57 Uhr

„Steinbrücks Schwein“

Schwere Vorwürfe gegen Steinbrück-Sprecher

VonDietmar Neuerer

Mit einem Paukenschlag hatte Peer Steinbrück seinen Sprecher ausgewechselt. Doch der Neue wird wegen seiner "Bild"-Vergangenheit zur großen Last. Ein SPD-Mann wirft Rolf Kleine Griechen-Hetze vor und verlässt die Partei.

Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück (re.), stellt den langjährigen Politik-Journalisten der "Bild-Zeitung", Rolf Kleine, als seinen neuen Sprecher vor (Archivbild). dpa

Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück (re.), stellt den langjährigen Politik-Journalisten der "Bild-Zeitung", Rolf Kleine, als seinen neuen Sprecher vor (Archivbild).

BerlinDer Wahlkampf von Peer Steinbrück gewinnt an Fahrt – jedoch im negativen Sinn. Der jüngste Versuch des SPD-Kanzlerkandidaten, mit einem deutlichen Rüffel Parteichef Sigmar Gabriel auf Linie zu bringen, fruchtet nicht, weil schon das nächste Problem auf Steinbrück und die Sozialdemokraten hereinprasselt. Das Bizarre daran ist, dass das neue Ungemach schon vor einigen Tagen für Unruhe sorgte, aber sich nun deutlich zu verschärfen scheint. Es geht um Steinbrücks neuen Sprecher Rolf Kleine.

Der Ex-„Bild“-Mann ist – ähnlich wie Steinbrück – einer, der auch gerne Tacheles redet, aber eher in gedruckter Form. Wenige Tage, nachdem Kleine auf seiner Facebook-Seite für Aufsehen sorgte, weil er dort ein Bild hochgeladen hatte, dass Philipp Rösler als vietnamesischen Kriegsgeneral zeigt - dies wurde ihm als rassistische Anspielung auf den in Vietnam geborenen FDP-Chef angekreidet -, werden neue, massive Vorwürfe gegen den früheren Boulevardjournalisten laut.

Steinbrücks Hintermannschaft

Kleines Team von Vertrauten

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat ein kleines Team von Vertrauten um sich geschart, die ihn beraten sollen – und die Krisenmanagement betreiben müssen, wenn der Kandidat mit seinen lockeren Sprüchen für Wirbel sorgt. Zum Teil gehörten Steinbrücks Berater bereits zum engen Kreis um Altkanzler Gerhard Schröder und Ex-Parteichef Franz Müntefering.

Andrea Nahles

Nach Kompetenzgerangel übernimmt Generalsekretärin Andrea Nahles die Hauptverantwortung für die gesamte Wahlkampagne. Enge Vertraute Steinbrücks verlieren bisherige Zuständigkeiten. Steinbrücks Kampagnenleiter Heiko Geue wird von einigen im Willy-Brandt-Haus kritisch beäugt.

Rolf Kleine

Rolf Kleine ist ein alter Hase des Berliner Politikbetriebs. Der gelernte Redakteur arbeitete lange in verschiedenen Positionen für die „Bild“-Zeitung. Ende 2011 verließ er den Springer-Konzern, um als Head of Public Affairs die politische Kommunikation des Immobilienkonzerns Deutsche Annington zu verantworten. Rolf Kleine ist 52 und gilt als meinungsstark, erfahren und gut vernetzt.

Kleine arbeitete unter anderem bei den „Westfälischen Nachrichten“, der Nachrichtenagentur ddp und der „Berliner Zeitung“. Insgesamt 17 Jahre schrieb er für Springer, zuletzt mehrere Jahre vor seinem Ausscheiden als Co-Leiter des Hauptstadtbüros. „Bild“ hatte damals mitgeteilt, Kleine gehe auf eigenen Wunsch.

Kleine war regelmäßig Gast in Talkshows und Fernsehmagazinen, so auch bei N24 im „Politischen Quartett“. Titel einer Jubiläumssendung vor fast genau 10 Jahren, im April 2003: „Lust am Untergang - Stürzt die SPD ihren Kanzler?“ Die Deutsche Annington, die Kleine nun wieder verlässt, gehört nach eigenen Angaben mit rund 180 000 eigenen Wohnungen und etwa 2400 Mitarbeitern zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen.

Hans-Roland Fäßler

Der Medienprofi gilt als sehr gut vernetzt. Anders als Donnermeyer ist er nicht in der Parteizentrale angesiedelt, sondern soll von außen Steinbrück den Weg zu führenden Medienvertretern ebnen. Fäßler war erst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dann für die Medienkonzerne Gruner & Jahr und Bertelsmann tätig. Zu seinen Freunden zählt der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der inzwischen nicht mehr der SPD angehört. Fäßler soll hinter dem verunglückten Internetportal „PeerBlog" gestanden haben.

Matthias Machnig

Thüringens Wirtschaftsminister gilt als einer der wichtigsten politischen Berater Steinbrücks. Machnig leitete 1998 und 2002 erfolgreich die Wahlkämpfe Gerhard Schröders. Auch mit Müntefering arbeitete er eng zusammen, als dieser erst Generalsekretär und später dann Parteichef war. Nach 2002 war Machnig zeitweise für die Consulting-Firma BBDO tätig, die zahlreiche deutsche Konzerne berät, später für das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Auch Machnig arbeitet als externer Ratgeber für Steinbrück, weswegen er sein Regierungsamt in Erfurt weiter ausübt.

Heiko Geue

Heiko Geue ist Steinbrücks Kampagnenleiter. Wegen dieser Funktion ließ er sich von seinem bisherigen Posten als Finanzstaatssekretär in Sachsen-Anhalt beurlauben. Ein Rückkehrrecht ist jedoch rechtlich umstritten. Auf Veranlassung von Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) verlor Geue daher seinen Job. In der Ära Schröder war Geue einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen. Damals war er unter anderem als persönlicher Referent von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier tätig. In der Zeit der großen Koalition koordinierte Geue den Leitungsstab des Bundesfinanzministeriums für den damaligen Ressortchef Steinbrück. Geue ist mit Steinbrücks Büroleiterin Sonja Stötzel liiert.

Timo Noetzel

Der Politikwissenschaftler gehört seit Anfang Februar zu Steinbrücks Mannschaft. Noetzel soll für den Kandidaten kampagnenfähige Themen identifizieren. Er war bisher Leiter des Politik- und Analysestabs der Münchner Sicherheitskonferenz sowie Vorstandsmitglied der Berliner Denkfabrik „Stiftung neue Verantwortung".

Torsten Schäfer-Gümbel

Steinbrück selbst nennt den hessischen SPD-Chef als Berater in Finanzmarktfragen. Der eher dem linken Parteiflügel zugerechnete „TSG" gehört aber wohl nicht zum engeren Umfeld des Kandidaten.

Jarmila Schneider

Mit ihr gehört neuerdings auch eine Frau zu Steinbrücks Beraterstab. Jarmila Schneider unterstützt seit Mitte Februar als zweite Pressesprecherin den Hauptsprecher Donnermeyer. Sie war bisher Sprecherin der bayerischen SPD.

Nicht irgendwer erhebt die Stimme gegen Kleine, sondern einer, der in TV- und Radio-Talkshows zur Griechenlandkrise gern gesehener Gast ist: Michalis Pantelouris. Der Deutsch-Grieche weiß, wie es um seine Landsleute angesichts der Krise bestellt ist. Er ist indirekt selbst betroffen, weil einige seiner Familienangehörigen und Freunde in Griechenland leben. Was  den Journalisten und Blogger Pantelouris an Kleine stört, ist dessen abfällige Griechenland-Berichterstattung in der „Bild“-Zeitung. Dass Steinbrück einen solchen Menschen in seinen engsten Vertrautenkreis beruft, hält er für inakzeptabel. Pantelouris hat deshalb sein SPD-Parteibuch abgegeben.

Im Internet begründet er seinen Entschluss. Was Pantelouris dort auf seiner Webseite schreibt, liest sich wie eine Generalabrechnung mit Steinbrück – und Kleine. Denn wegen der SPD an sich ist Pantelouris nicht ausgetreten. Die Partei ist für ihn „nach wie vor das Beste“, was Deutschland politisch in den vergangenen 150 Jahren passiert sei. „Die SPD ist Teil des demokratischen Rückenmarks dieses Landes, mit hunderttausenden großartigen Genossen, die für ein einziges Ziel in die Partei eingetreten sind, nämlich daran zu arbeiten, dass dieses wunderbare Land immer noch besser wird.“

Gänzlich anders fällt das Urteil über Steinbrück aus. Pantelouris kann nicht verstehen, dass der SPD-Frontmann mit Kleine einen Mann engagiert hat, der in Fragen der Euro-Rettung Positionen vertrete, die in Inhalt und Form nicht mit dem übereinstimmten, was Sozialdemokraten in diesem Land sonst so täten. „Für Peer Steinbrück darf man ganz offensichtlich ein Schwein sein, so lange man sein Schwein ist“, schreibt der Hamburger Journalist und fügt hinzu: „Ich finde diesen Zynismus unerträglich.“

Kommentare (11)

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Linder

19.06.2013, 12:17 Uhr

Steinbrück war der größte Fehler der SPD. Neue Köpfe müssen her. Die Alten sind über die Sozialverräterschaft gestolpert. Wo sind die neuen Antworten für Millionen verlorene Stammwähler??? Keine in Sichtweite. Dazu die Euro- und EU-Hysterie ohne Weitblick für die deutschen Bürger, ebenso rot-übliche Steuererhöhungen und Sozialabgabenerhöhungen. Sparvorschläge sucht man vergebens. Auch die Ankopplung an die verlogenen Grünen schaden der SPD. So hat Merkel leichstes Spiel, ohne Wahlkampf.

Account gelöscht!

19.06.2013, 12:33 Uhr

Similis simili gaudet.

niwo

19.06.2013, 12:38 Uhr

Steinbrück hat nichts zu sagen - ausser mehr Europa, das heisst mehr Bürokratie, mehr Schulden und mehr Fremdbestimmung zu fordern. Natürlich wählt niemand die personifizierte Stagnation und Selbstentmachtung. 'Zug um Zug' ans Karriereende: das passiert, wenn man die Wünsche und Ängste der Menschen völlig ausser Acht lässt.

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